Politischer Essay

Die Kennedys: Der Zerfall eines amerikanischen Mythos

/ / Bild: NARA / Cecil W. Stoughton

Mächtige Familien begeistern die Amerikaner schon immer – die Vanderbilts, die Gettys oder die Rockefeller Familie. Als Sinnbilder des amerikanischen Traums ziehen sie, rund um einen prägenden Patriarchen, die Öffentlichkeit in ihren Bann. Doch die wohl bekannteste Familie im politischen und kulturellen Leben der USA sind die Kennedys, mit denen sich unsere Redakteurin Emily Hähnlein beschäftigt hat.

Kaum eine Familie hat den politischen Zeitgeist der Vereinigten Staaten so nachhaltig geprägt wie die Kennedys. Über Jahrzehnte hinweg standen sie für Macht, Charisma und eine fast schon mythisch aufgeladene Vorstellung von den amerikanischen Idealen Verantwortung und Pflichtbewusstsein. Spätestens seit der Präsidentschaft John F. Kennedys wurde die Familie dann endgültig zu einer Art „American Royalty“ erklärt.

Joseph P. Kennedy und das Projekt Macht

Geprägt wurde die Familie durch Joseph P. Kennedy, dessen ambitioniertes Familienideal darauf abzielte, möglichst erfolgreiche, außergewöhnliche Persönlichkeiten hervorzubringen. Dazu gehörte zum Beispiel sonntägliches Wiegen oder die spontane Abfrage von historischen und politischen Fakten beim Abendessen. Mit John F. Kennedy, der 1961 zum damals jüngsten Präsidenten der USA gewählt wurde, schien dieses Projekt seinen Höhepunkt erreicht zu haben.

Wendepunkt: Das Attentat von 1963

Doch mit dem Attentat auf JFK im Jahr 1963 hat sich die Geschichte der Kennedys fundamental gewandelt: Aus der politischen Erfolgsgeschichte wurde eine nationale Tragödie. Die Spannung zwischen Erfolg, Glanz und Katastrophe hat die Familie bis heute begleitet. In den folgenden Jahrzehnten reihten sich persönliche Schicksalsschläge, Unfälle und Skandale aneinander, sodass sich die öffentliche Wahrnehmung der Familie zunehmend verschoben hat: von einer dominanten politischen Dynastie zu einem tragischen Familienmythos. Der Name Kennedy hat schrittweise seine politische Wirkmacht verloren. Zwar blieb er präsent, gerade durch Persönlichkeiten wie JFK Jr., doch die Zeit, in der ein Kennedy als nationale Führungsfigur gedacht wurde, schien vorbei gewesen zu sein.

Die Rückkehr als gespaltene Familie

Umso bemerkenswerter ist die aktuelle Rückkehr der Familie in die politische Arena. Allerdings nicht als geschlossene Einheit, sondern in Form eines innerfamiliären Gegensatzes. Auf der einen Seite steht Robert F. Kennedy Jr., auf der anderen Jack Schlossberg. Beide beanspruchen auf ihre Weise das politische Erbe der Familie, doch sie verkörpern unterschiedliche Auffassungen.

Robert F. Kennedy Jr.: Zwischen Tradition und Bruch

Robert F. Kennedy Jr. erscheint dabei als eine äußerst paradoxe Figur. Einerseits knüpft er mit seiner jahrzehntelangen Arbeit als Anwalt für Umweltrecht an. Andererseits hat er sich durch seine politische Arbeit zunehmend von den klassischen Kennedy-Idealen entfernt. Seine öffentliche Positionierung ist geprägt von Impfkritik, wissenschaftlich nicht belegbaren Thesen und einer Rhetorik, die stark an verschwörungstheoretische Diskurse anschließt.

Bild: Wikimedia Commons / Democratizemedia

Gerade darin liegt aber seine politische Anschlussfähigkeit im heutigen Amerika. RFK Jr. trifft einen Nerv. Er stellt sich hinter ein Amerika, das Institutionen misstraut, Expert:innen infrage stellt und vermeintlich simplen Antworten mehr Vertrauen schenkt als komplexen Zusammenhängen. Dass ein Kennedy, einst Symbol für institutionellen Fortschrittsglauben, heute eine solche Rolle einnimmt, ist repräsentativ für die tiefgehende Spaltung in der amerikanischen Gesellschaft.

In seiner Position als Gesundheitsminister wird diese Entwicklung unterstrichen. Mit der „Make America Healthy Again“-Kampagne greift er zwar reale gesellschaftliche Sorgen auf, zum Beispiel hinsichtlich Ernährung oder chronischer Erkrankungen, verbindet diese dann aber mit problematischen gesundheitspolitischen Aussagen, insbesondere im Bereich der Impfpolitik. Die Vermischung von legitimer Kritik und wissenschaftlich fragwürdigen Positionen macht seine Politik schwer einzuordnen und gerade deshalb politisch wirksam.

Jack Schlossberg: Die neue Generation Kennedy

Bild: Wikimedia Commons / U.S. Embassy and Consulates in Australia

Dem gegenüber steht Jack Schlossberg. Als Enkel John F. Kennedys verkörpert er die jüngste Generation der Familie und versucht, deren politisches Erbe in eine neue Zeit zu übersetzen. Dabei geht es ihm offensichtlich nicht darum, den Mythos Kennedy einfach zu reproduzieren, sondern ihn neu zu interpretieren. Seine Präsenz in sozialen Medien, seine Tätigkeit als politischer Kommentator und schlussendlich seine Kandidatur für das Repräsentantenhaus zeigen, dass er Politik als kommunikative Praxis versteht, die sich den veränderten medialen Bedingungen anpassen muss.

Schlossbergs politische Ambitionen sind dabei durchaus ernst zu nehmen. Er positioniert sich klar im liberalen Spektrum, betont die Bedeutung demokratischer Institutionen und grenzt sich explizit von RFK Jr. ab. Gleichzeitig reflektiert er die strukturellen Probleme der Demokratischen Partei, etwa den Verlust bestimmter Wählergruppen. In dieser Hinsicht wirkt er weniger, wie ein traditioneller Dynastie-Politiker als vielmehr wie ein Vertreter einer Generation, die Politik stärker über Kommunikation, Identität und kulturelle Anschlussfähigkeit denkt.

Ein Familienkonflikt als Spiegel Amerikas

Die innerfamiliäre Spannung kann man schlussendlich als Spiegel der amerikanischen Gesellschaft lesen. Das heutige Amerika ist geprägt von Polarisierung, Vertrauensverlust und einer tiefen Unsicherheit, welche Formen politischer Autorität noch legitim sind. In diesem Kontext erscheinen die Kennedys dann auch nicht mehr als einheitliche politische Kraft, sondern als Projektionsfläche für die unterschiedlichen gesellschaftlichen Strömungen.

Die Kennedys stehen nicht mehr nur für ein vergangenes politisches Ideal, sondern für die Frage, wie und ob sich dieses Ideal unter veränderten Bedingungen überhaupt noch aufrechterhalten lässt. RFK Jr. und Jack Schlossberg geben darauf unterschiedliche Antworten. Der eine setzt auf Konfrontation mit bestehenden Strukturen, der andere auf deren Reform und Anpassung.

Der Konflikt zwischen ihnen ist damit mehr als eine familiäre Auseinandersetzung. Er ist Ausdruck eines grundlegenden politischen Spannungsverhältnisses, das die Vereinigten Staaten aktuell entscheidend prägt.