Kommentar
It’s truly a crime
Die gruseligsten Verbrechen erleben, ohne selbst in Gefahr zu sein? True-Crime machts möglich. Ein Problem gibt es jedoch. True-Crime, das reale Fälle verwertet, überschreitet eine ethische Grenze: es macht Leid zur Ware und ist damit Teil der Entwürdigung, die es eigentlich sichtbar machen möchte. Ein Kommentar von Regina Steer.
Die Ware Verbrechen statt wahre Verbrechen
Netflix, Hulu, My favourite Murder oder Mordlust. Die Liste der True-Crime Produktionsfirmen und Formate ist lang. Und die neuen Folgen erscheinen am laufenden Band. Die meisten True-Crime-Macher bringen aber nicht so viele neue Beiträge über Verbrecher:innen heraus, weil sie sich intensiv und investigativ mit den Taten auseinandersetzen wollen. Wichtig sind überwiegend Geld und Reichweite. Seit 2020 ist der Marktanteil von True-Crime Podcasts um 40 Prozent gestiegen. Es geht um Klicks: Sowohl bei große Produktionsfirmen als auch kleinere Creator:innen.
Money, Money, Money
Ein Grund dafür: die geringen Produktionskosten. Die Geschichte ist schon geschrieben. Viel von dem Material, das verwendet wird, also zum Beispiel Interviews oder Videos, existiert auch schon. Dadurch können Beiträge schneller und günstiger produziert werden. Dass es dabei möglichst reißerisch hergeht, sieht man schon bei der Themenauswahl. Eine Studie des Weißen Rings aus dem Jahr 2023 zeigt das deutlich. So beschäftigen sich drei Viertel aller True Crime Podcasts mit Mord und Todschlag.
Das Zentrum der Story – der Täter
Besonders im Fokus stehen dabei in der Regel die Täter:innen. Das merkt man schon bei den Titeln von vielen Serien. Bei Bundy Tapes zum Beispiel geht es nicht primär um die Menschen, die Ted Bundy umgebracht hat. Es geht um den Täter als Person. Er wird mystifiziert, von manchen sogar glorifiziert. Seine Opfer hingegen sind einfach nur ein Teil der Geschichte.
WWW – Weltweit wider Willen
Die Opfer und ihr Umfeld haben grundsätzlich wenig davon, dass ihre Geschichten so vermarktet werden. Schlimmer noch: sie werden oft nicht einmal vorher gefragt. Das hat auch Rita Isbell, die Schwester einer der Opfer von Jeffrey Dahmer, kritisiert. Netflix hat 2022 eine Miniserie produziert, die vom Leben des Serienmörders handelt. Allerdings wurde Monster: The Jeffrey Dahmer Story veröffentlicht, ohne ihre Familie vorher zu fragen oder zu informieren. Rita Isbell ist damit nicht allein. Bei vielen Produktionsfirmen ist es gängige Praxis, die Schicksale ohne Zustimmung der Betroffenen zu verarbeiten. Dass viele Hinterbliebenen oder Überlebende nicht wollen, dass diese schrecklichen Geschichten kommerzialisiert werden, wird ignoriert. Ihre Lebensgeschichten werden präsentiert, kommentiert und jedes Detail ihres Privatlebens untersucht. Das persönliche Umfeld muss zusehen, wie Kinder, Partner:innen oder Freund:innen verzerrt werden. Es werden intimste Details über die Betroffenen veröffentlicht. Und die Familien können nichts dagegen tun.
Ein Schlag ins Gesicht
Die Familien müssen alles nochmal durchleben. Und dann sehen sie oft noch, wie fremde Menschen mit den Täter:innen sympathisieren, weil diese gut aussehen oder charmant sind. Oder sie müssen sich mit Murder-Tourists rumschlagen, die auf einmal vor ihrer Haustür auftauchen oder Hobbyermittler:innen, die immer weiter in der Familiengeschichte wühlen. Mit allem abzuschließen, wird so unmöglich. Nicht selten führt dies auch zu einer Retraumatisierung.
Not what you think
Letztendlich sind True-Crime Geschichten keine Dokumentationen. Sie stellen die Fälle nicht objektiv und neutral dar, auch wenn viele das glauben. Sie machen eine Geschichte daraus. Eine spannende, nervenaufreibende, überraschende oder schockierende Geschichte. Aus einem menschlichen Schicksal, aus unglaublichem Leid, wird eine kurze Erwähnung als drittes Opfer aus dem Jahr 1988. Das komplette Leben, alle Facetten eines Menschen werden darauf konzentriert. Ihre Lebensgeschichte wird zum Unterhaltungsgegenstand, den andere Menschen sich in der U-Bahn oder beim Kochen anhören.
Realität verschwimmt – Schicksale bleiben
Ist im Straßenverkehr ein Unfall, wird das Gaffen und Filmen zurecht verurteilt. Aber sobald eine Gewalttat im Internet auftaucht und medial schön aufgearbeitet wird, stehen auf einmal nichtmehr Mitleid und Trauer im Vordergrund. Plötzlich ist es ganz normal, ja sogar interessant, persönliche Dokumente des Opfers durchzulesen oder sich eine detaillierte Beschreibung davon anzuhören, wie es umgebracht wurde. Man verliert aus den Augen, dass das Opfer ein Mensch ist, der das alles durchlebt hat. Dass die Tat real ist und die Betroffenen so behandelt werden sollte, wie alle Opfer von Verbrechen. Mit Respekt und Würde.