DIE FUSSNOTEN

Queere Influencer:innen – Reichweite mit Risiko? 

/ / Bild: M94.5

In der Öffentlichkeit zu stehen, heißt meist mehr als nur Likes und Reichweite – vor allem für queere Creator:innen. Es bedeutet auch angreifbar zu sein, Verantwortung zu tragen und die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität vor Publikum.

Daniel ist in der Innenstadt unterwegs. Er besucht heute den Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit. Wo eigentlich Liebe und Akzeptanz herrschen sollten, dringen plötzlich homophobe Rufe durch die Menge. Er identifiziert die Störer, läuft entschlossen auf sie zu und hält die Kamera drauf. „Was rufst’n du da rein?“, fragt er. Die Antwort: aggressiv, abweisend, beleidigend. „Lösch das Video!“ fordert einer. „Schwuchtel!“, brüllt ein anderer. Nach kurzem Hin und Her ziehen die Männer ab. Zurück bleibt eine feindselige, ungute Stimmung.

Was für viele wie ein absoluter Schockmoment wirkt, ist für Daniel längst Teil seiner Arbeit. „Ich habe auch schon mehrmals Queerfeindlichkeit erleben dürfen und da bleibe ich dann auch nicht ruhig und da konfrontiere ich die Leute dann selbstverständlich auch“, sagt er. Den Schritt, solche Situationen öffentlich zu machen, geht er bewusst: Um sie nicht totzuschweigen. Um sichtbar zu machen, womit queere Menschen auch heute noch konfrontiert werden – gerade in einer digitalen Welt, die nach außen oft eine heile, fortschrittliche Fassade zeigt.

Online-Hass und reale Konsequenzen?

Wenn jemand homophobe Aussagen macht, dann diskutiert er gerne und postet das Ganze im Internet. Für ihn ist das nicht nur Selbstschutz, sondern auch Haltung: „Ich stehe da dazu. Ein Mensch sollte nicht irgendwo hochrangig arbeiten dürfen, wenn er Queerfeindliches oder Hass in sich trägt und Leute angeht.“

Der 21-Jährige ist Content Creator, Schauspieler und Journalist aus München. Auf Instagram folgen ihm mehr als 22.000 Menschen, auf TikTok sind es sogar fast 50.000. Seine Videos drehen sich um queere Themen, Lifestyle oder gesellschaftliche Debatten. Doch die Sichtbarkeit hat ihren Preis: Zwischen Zuspruch und Empowerment erlebt Daniel immer wieder auch Online-Hass. Und dieser unterscheidet sich noch einmal stark von dem im wahren Leben. 

„Es ist eines der größten Probleme, die wir gerade haben: Gewalt und Hass im Netz versus im Real Life. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, aber es ist immer noch so schwierig, was dagegen zu tun, Leute zurückzuverfolgen. Wenn du mir das ins Gesicht sagst, habe ich direkt die Möglichkeit, mich zu verteidigen, […] weiß ich, wer du bist, weiß ich, wo du bist, kann mir sofort Hilfe holen, die Polizei rufen, dir hinterher, dass du aufs Härteste bestraft wirst. Das ist im Internet möglich, aber die Hürde ist viel schwieriger. Das frustriert mich total.“

Zwischen Likes und Last

Für viele Menschen bedeutet „Influencer:in sein“ vor allem Reichweite und Markenkooperationen. Für queere Creator:innen steckt viel mehr dahinter. Sichtbar zu sein heißt Verantwortung zu tragen. Verantwortung für junge Follower:innen, die Orientierung suchen, für Community-Mitglieder, die durch Inhalte gestärkt werden und oft auch für eine ganze Bewegung. Ursprünglich stand für ihn etwas ganz anderes im Vordergrund. Daniel erklärt: „Ich habe es schon immer irgendwie gemocht, vor Leuten zu reden, in die Kamera zu reden, Videos zu machen. Auf Social Media kann man sich kreativ austoben und wenn man dann so die Gebiete, für sich entdeckt, die Einen von allen anderen Menschen auf TikTok, auf Instagram ein bisschen abheben, dann die Community wächst, Zuspruch wächst. Ich meine, ich bin ehrlich, natürlich ist es mega cool: positive Nachrichten zu bekommen, auf der Straße erkannt zu werden. Das ist vielleicht nicht für jeden was. Aber […] Ich finde, wir sind […] hier auf der Erde, um irgendwie was zu bewegen.” 

Prägende Erfahrungen

Schwierige Situationen erlebt Daniel nicht erst seitdem er in der Öffentlichkeit steht.
„Ich kann mich erinnern, so die erste queerfeindliche […]  Begegnung, die ich hatte, war mit meiner allerersten Situation-Ship […] und ich war bei einem Geburtstag. Und wir waren so in der Küche und hatten rumgeknutscht und es hatte sich irgendwie rumgesprochen gehabt […] und von hinter der verschlossenen Tür kam der Satz […]  ‚Bei uns werden Schwule vergast.‘ Damals ich bin rausgegangen, wollte ihn konfrontieren, ich wurde weggezerrt und ich habe nichts weiter gemacht. Heute würde das ganz anders aussehen.“

„Wie fast jeder queere Mensch irgendwie war ich natürlich in meinen jungen Jahren […] überhaupt nicht secure mit meiner Sexualität. Mittlerweile bin ich mega stolz darauf und trage das gerne offen in die Welt und kläre gerne darüber auf.“, erzählt er selbstbewusst. 

Haben andere damit ein Problem, sei das genau der Moment, ins Gespräch zu treten, sagt er. Sein Social Media wird so automatisch politisch. Videos über queere Themen oder Diskurse über Diskriminierung verändern die Wahrnehmung und schaffen Normalisierung. „Das Einzige, was ich tun kann, ist, zu zeigen: Leute, lasst euch das nicht gefallen, ich lasse mir das auch nicht gefallen“ sagt Daniel.

Vom Dorf in die Stadt

Der 21-Jährige ist in der Nähe von München aufgewachsen und zog nach dem Abitur in die Stadt. „Auf dem Dorf ist alles definitiv konservativer und ich hatte mich da never ever wohl gefühlt. […] weil es da halt keine Berührungspunkte mit Queerness wirklich gab. Hier in München bin ich ein sehr großer Fan von der Queerness-Community. Ich habe hier einen wundervollen Freundeskreis, die ich alle durch queere Angebote kennenlernen durfte. […] Die Stadt ist queerer und linker, als man denkt.“

Trotzdem gesteht er ein: Mit den queeren Hochburgen Köln und Berlin kann München noch nicht ganz mithalten. Aber von Hilfsangeboten über Jugendzentren bis zu Bars und Clubs gibt’s hier jede Menge Angebote, die die Stadt lebenswert machen – wenn man die richtigen Leute und Spots kennt, fügt er lächelnd an.

Ein politischer Akt – sichtbar sein

Das Gespräch mit Daniel zeigt, wie facettenreich das Leben als junger, queerer Mensch und die Arbeit als Content-Creatorin ist. Zwischen Empowerment, öffentlichen Erwartungen und digitalem Gegenwind entsteht für queere Creator:innen und Influencer:innen ein Alltag, der oft mehr fordert als Zuschauer:innen auf den ersten Blick sehen.  

Das ganze Interview gibt es in der aktuellen Fußnotenfolge: „Queere Influencer:innen – Reichweite mit Risiko?“ zu hören.

Wer Daniel zusätzlich auch sehen möchte, kann das in der aktuellen M94.5 Frames: Poliblick-Folge auf München TV oder YouTube.

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Mehr Informationen

Interview und Redaktion: Maxim Nägele, Anna Zollner, Malaika Stöckel
Text, Moderation, Produktion und Sendeleitung: Mona Wölpert

Bei den Fußnoten nähern wir uns zusammen mit spannenden Interviewgäst:innen und Expert:innen gesellschaftlichen oder politischen Themen an, die diese Woche zu kurz kamen. Wir beleuchten Hintergründe, zeigen unterschiedliche Perspektiven auf und sprechen mit Betroffenen – statt nur über sie zu berichten. Die Fußnoten gibt es überall, wo es Podcasts gibt!

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