Kommentar

Problematisch Unproblematisch – Wie unsere politisch korrekte Bubble uns elitär mach

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Wir jungen, medienaffinen Menschen setzten uns stark für soziale Gerechtigkeit ein, verurteilen deswegen auch schnell mal Menschen, die in politisch unkorrekte Fettnäpfchen treten. Aber wir können nicht wirklich von jeder und jedem erwarten, bei sozialen Themen auf dem neuesten Stand zu sein – Wir “Social Justice Warriors” müssen erstmal selbst an unserem internalisierten Klassismus arbeiten. Ein Aufruf zu Kommunikation auf Augenhöhevon Anna de Riggi.

Vor ein paar Tagen saß ich, typische Sprach- und Kulturstudentin, in einem Kurs zum Thema Feminismus, als die Dozentin einige von uns ansprach, wir sollen ihren Titel doch bitte gendern (Dr/in. statt Dr.). Ich habe schnell gemerkt, dass ich nicht die einzige war, der es total peinlich war, das nicht automatisch getan zu haben. Hier sitzen wir, Ende des Semesters, in einem solchen Kurs, und machen einen so groben Patzer. Verurteilt mich die Dozentin jetzt dafür? Seit wann gendert man im Doktortitel überhaupt, und warum ist mir das bis jetzt nicht aufgefallen?

Die Regeln und Konventionen unserer Bubble wechseln rapide

Tatsächlich fühlt es sich manchmal an, als würde die politische Korrektheit es der Fashionwelt nachtun: Jeden Tag etwas Neues, und das Alte kannst du im gleichen Moment schon wieder wegwerfen, in dem du es dir zugelegt hast. In unserer Bubble von Studierenden, und generell gut informierten, medien-kompetenten, politisch aktiven Menschen geben wir unser Bestes, die schwierigen Ecken und Kanten der Gesellschaft gerade zu rücken. Wir schrubben und polieren in dem Versuch, eine perfekte, unproblematische Welt zu erschaffen. Doch diese Welt existiert eben nur in unserer Bubble. 

Unser Toleranz-Paradoxon

Unsere Toleranz stößt an Grenzen, wenn Menschen andere Meinungen haben. Aber oft weicht die Meinung dieser Menschen von unserer ab, weil ihnen Bildung, Medienkompetenz oder Zeit, sich diese anzueignen, fehlen. Wie gehen wir dann mit diesen Störenfrieden um?

Die erste Reaktion ist meist: Verurteilen, oder ganz aus dem Weg gehen. Wir wollen keine Kratzer im Lack. Ich debattiere hier mit mir selbst, ob ich ein Unmensch bin, weil ich einen gekürzten Titel nicht gendere und irgendein Typ kriegt es nicht mal hin, mich als StudentIN zu bezeichnen? So schwer kann es doch nicht sein. Wir wissen, wie wichtig das Gendern ist, wir haben die Statistiken studiert, die Artikel gelesen, die Essays analysiert und unterstrichen. Wir denken an die jungen Mädchen, die sich nicht vorstellen können, Doktorin zu werden, weil ihr Unterbewusstsein ihnen weiterhin einredet, dass es “Doktor” heißt. Das Thema ist uns wichtig, wir haben es lang verteidigt, es ist emotional geladen. Wir haben ihm den Platz in unserem Leben freigeschaufelt, den es verdient. Doch das ist nur unsere Lebensrealität, und sie ist eine extrem privilegierte. 

Die Lebensrealität vieler Menschen ist doch komplizierter

Der junge Mann, welcher mit fünfzehn Jahren die Ausbildung begonnen hat und hier und da extra Stunden schiebt, wo er kann, um seine Eltern mit der teuren Miete zu unterstützen, hat nicht gerade Lust, sich in der spärlichen Freizeit zu googeln, wie man korrekt gendert. Die Hausfrau und Mutter, die sich größte Mühen macht, ihre vier Kinder gut zu versorgen, damit sie später bessere Chancen haben, schreibt sowieso keine Texte und E-Mails, in welchen das korrekte Gendern eine Notwendigkeit ist. Die eingewanderten Eltern kämpfen noch damit, sich der deutschen Sprache zu ermächtigen und sind einfach nur noch verwirrt von den ganzen Sternchen und Doppelpunkten, die plötzlich in den Zeitungen auftauchen. 

Diese Leute haben vielleicht mal die Diskussion ums Gendern geführt, mit der neuen Arbeitskollegin, die das gerade nur auf Mini-Job-Basis macht, mit der Tochter, die feministischen TikTok-Kanälen folgt, oder mit der Enkelin, die als erste in der Familie einen Studiengang begonnen hat, sich aber jetzt Welten entfernt anfühlt. Aber ganz ehrlich, die haben sie doch eh nur verurteilt, sind super defensiv geworden, haben die Stimmung aufgrund belangloser Kleinigkeiten wie einem “-In” am Ende des Wortes runtertergezogen. Neunzig Prozent der Zeit versteht man ja gar nicht mehr, worüber die reden, und dann halten sie sich für was Besseres, weil man ihre neue Sprache nicht spricht. 

Wir müssen unser Privileg einsehen

In unser Bubble haben wir die Zeit, wir haben das Geld, manchmal sogar den Job, Vorreiter der politischen Korrektheit zu sein. All das ist nicht selbstverständlich. So sehr man das Gefühl hat, “Warum ist das wichtig?” wäre eine dumme Frage, die von einer kurzen Internetsuche gelöst werden könnte, ist es wichtig zu verstehen, dass nicht jede und jeder in unserer Welt  den Kontext hat oder den Google-Algorithmus, der darauf abgestimmt ist, uns passende Antworten auszuspucken. 

Wir sagen nicht “Diese Person ist ungebildet und/oder arm, deswegen möchte ich mit ihr nichts zu tun haben,” das wäre für uns unerhört, aber wir haben es komplett normalisiert, die Symptome des ungebildet oder arm Seins zu verurteilen und auszuschließen. Wir sollten unsere Möglichkeiten nutzen, unser Wissen teilen, nicht auf andere herabschauen. Denn unsere Welt kann nie “unproblematisch” werden, solange wir sie exklusiv für uns behalten.