Alben für die Quarantäne #2

Blake Mills – Break Mirrors

/ / Bild: Record Collection Music

Quarantäne macht wenig Spaß, aber sie ist gerade sehr wichtig. Wenn ihr etwas Sinnvolles gegen die Langweile machen wollt, könnt ihr euch zum Beispiel Zeit für ein Gewerbe nehmen, das gerade seine Existenzgrundlage verliert: Die Kultur- und Musikindustrie. Die M94.5 Musikredaktion präsentiert Euch passend dazu ein paar persönliche Lieblingsalben, die ihr unbedingt mal nachgeholt haben solltet…

Blake Mills hatte eigentlich nie vor, Solokünstler zu werden. Eigentlich war er bis zu seinem 2010er Debütalbum Break Mirrors ’nur‘ Studio- und Sessionmusiker. Und genau dafür hat er dieses Album anfangs gemacht: Um Jobs als Gitarrist bei Studioaufnahmen zu kriegen. Der damals 25-Jährige hatte schon für Weezer, Vulfpeck, Lana del Rey und viele mehr im Studio gespielt. Sogar für Producinglegende Rick Rubin war er die erste Wahl, wenn es um Sessiongitarristen ging. Sein Umfeld fand das Album aber so gut, dass andere ihn drängten, es doch offiziell zu veröffentlichen. Schnell wurde aus selbstgebrannten CDs und einer Handvoll Kassetten eine kleine Auflage, die sofort Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Anfangs machten vor allem andere Musiker für Break Mirrors Werbung, aber die Fangemeinde wuchs schnell. Und das, obwohl für das Album so gut wie keine Promo gemacht wurde.

Vielseitigkeit und Talent

Das kleine Album, das keines sein sollte, war in vielen Publikationen bei den Alben des Jahres ganz weit oben. Die Intimität, das offensichtliche Talent für Songwriting, die ausgefallene, aber perfekt verschmelzende Produktion – all das macht dieses Album aus. Die neun Lieder passen von der Gefühlslage harmonisch zusammen. Mills schafft es aber durch seine musikalische Vielfältigkeit, dass kein Song klingt wie der vorherige.

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Blake Mills – „Hiroshima“

Intim, persönlich, ehrlich

Der Opener „Cheers“ lädt einen mit einem sanften, fern klingenden Pfeifen ein. Im Hintergrund schweben schon harmonische und luftige Klänge, in die man sich sofort reinlegen will. „Cheers“ erzählt, wie so viele Lieder auf dem Album, von Kleinigkeiten aus dem Leben. Blake Mills schreibt hier sehr simpel, aber so spezifisch und bildlich, dass es sich anfühlt als würde ein alter Freund mit einem in Erinnerungen schwelgen. Die Melancholie, Nostalgie und auch die Tragik der Geschichte wird getragen durch ganz einfache Gitarrenakkorde. Die glasklare Produktion lässt selbst die simplen Gitarrengriffe warm und natürlich klingen, als säße man mit Blake Mills in einem Raum.

„It’ll All Work Out“ ist noch ein Highlight auf dem Album. Auch hier erzählt der Künstler wieder mindestens so viel, wie er singt. Es geht um Familie, Elternteile, die versuchen sich über Wasser zu halten, Lebensentscheidungen oder das Wiedertreffen mit Freunden. Das alles geschieht in gerade einmal viereinhalb Minuten und ist immer durchzogen von Melancholie und Nostalgie. Dazwischen wirft sich immer der Refrain und das Mantra: „It’ll all work out“. Eigentlich sollte hier das D-Dur in den Gitarrensaiten strahlen und die Hoffnung des Textes unterstreichen. Am Ende kauft man ihm aber nie ab, dass er selbst glaubt, es würde alles besser werden. Er scheint sich selbst mehr gut zuzureden als uns, als ob er sich selbst überzeugen müsste.

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Blake Mills – „It’ll All Work Out“ (‚Honey I’m Home‘ Livesession)

Auch der rockigere zwei-Akkord-Song „Hey Lover“ oder der schmerzende Rückblick auf eine Beziehung in „Wintersong“ bleiben immer reflektiv. Man kommt Blake Mills in diesem Album wahnsinnig nah, man lernt ihn in diesem Album kennen, ohne jeh die ganze Geschichte zu hören. Sein (eigentlich nicht schöner) Gesang, der aber dafür umso ausdrucksstärker ist, füllt diese Lücken und gibt einem alles was man braucht um die Bilder zu vervollständigen, die Mills einem vorhält.

Die Gitarre als Markenzeichen

Aber eigentlich hat Blake Mills das Album doch gemacht, um Jobs als Gitarrist zu ergattern? Die Gitarre sticht beim ersten Hinhören aber gar nicht als Mittel zur Eigenwerbung heraus. Wenn man genauer hinhört, fällt einem erst auf, dass Mills auf seiner akustischen Gitarre über das ganze Album hinweg Vielseitigkeit zeigt und beweist, dass er sich in vielen Richtungen und Stimmungen wohl fühlt. Sein Gitarrenspiel drängt sich nicht in den Vordergrund, ist aber technisch, kreativ und geschmackvoll. Sogar Eric Clapton sagte über Blake Mills in einem Rolling Stone Interview, dass er der letzte Gitarrist war, den er gehört hat und phänomenal fand.

Genau diese Vielseitigkeit am Instrument, die Mills ja ursprünglich in Break Mirrors zeigen wollte, macht das Album so spannend. Trotzdem fühlen sich alle Stücke unverkennbar nach Blake Mills an. Er hätte ein paar Gitarren-Angeber-Tracks machen können, ohne mehr Mühe reinzustecken. Man kann deshalb einfach froh sein, dass er trotzdem über das ganze Album eine künstlerische Vision behalten hat und diese auch persönlich unterstreicht.

Nähe für die Zeit der sozialen Distanz

Und genau dieses Persönliche und Intime ist es, was Break Mirrors zu einem Quarantänealbum macht. Wenn man Nähe sucht und ein bisschen in Nostalgie schwelgen will, dann ist dieses Album genau das richtige. Blake Mills‘ Debüt hat etwas Zwischenmenschliches, wie es für mich kaum in einem anderen Album zu hören war. Eine Botschaft des Albums können wir zur Zeit wohl alle sehr gut gebrauchen, auch wenn sie nur gutes Zureden ist:

„It’ll all work out“.