Alben für die Quarantäne #3

The Last Shadow Puppets – The Age Of The Understatement

/ / Bild: Sam Haskins

Quarantäne macht wenig Spaß, aber sie ist gerade sehr wichtig. Wenn ihr etwas Sinnvolles gegen die Langweile machen wollt, könnt ihr euch zum Beispiel Zeit für ein Gewerbe nehmen, das gerade seine Existenzgrundlage verliert: Die Kultur- und Musikindustrie. Die M94.5 Musikredaktion präsentiert euch passend dazu ein paar persönliche Lieblingsalben, die ihr unbedingt mal nachgeholt haben solltet…

3. April 2016, Sonntag Abend in der nordenglischen Sheffield City Hall. In Röhrenhosen, Retrohemden und Goldkettchen schmiegen sich Alex Turner, einer der berühmtesten Söhne der Stadt, und sein musikalisches Alter Ego Miles Kane an ihre Instrumente und bespielen den Raum, als ob sie sich oder der Welt noch irgendetwas zu beweisen hätten. Turner schafft es, sogar sein Tambourin-Spiel in sinnlichen Ausdruckstanz zu verwandeln. Da scheint auch die Bestuhlung des theatergleichen Saals die Menge nicht mehr daran hindern zu können, ihren Idolen jede Silbe des Konzerts inbrünstig im Stehen entgegen zu schmettern – mich eingeschlossen.

The Last Shadow Puppets stellen an diesem Abend ihre zweite Platte Everything You’ve Come To Expect vor und es wurden wortwörtlich alle Erwartungen erfüllt. Ganze acht Jahre haben die nordenglischen Lads ihre Fans auf das Nachfolgealbum warten lassen, nachdem sie 2008 ihr Debüt The Age Of The Understatement veröffentlicht haben. Doch weder acht Jahre später im Parkettsitz 42 der Sheffield City Hall, noch zwölf Jahre später in der heimischen Spotify-Rotation haben die Songs dieser ersten Platte für mich an Wirkung eingebüßt.

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The Last Shadow Puppets – „The Age Of The Understatement“

Eine Bromance wie aus dem Bilderbuch

Turner und Kanes Allianz hat sich 2007 beim Touren gebildet, als The Rascals für die Arctic Monkeys als Supportband auftraten (Zum Vergleich: 2006 veröffentlichte Turner mit den Arctic Monkeys sein bis dahin Karriere-weisendstes Album Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not). Die beiden scheinen einen guten Draht zueinander zu haben, wirken eher wie ulkige Zwillinge und dürften sich bei so manchem Journalisten als die Spitzenreiter des Interviewschrecks etabliert haben. Immerhin können wenigstens sie selbst das oftmals ziellose Gestammel des jeweils anderen entziffern, wie es sich eben für eine echte Bromance gehört.

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Kitsch für die Kunst

Für The Age Of The Understatement holen sich The Last Shadow Puppets James Ford (Simian Mobile Disco), Zach Dawes (Mini Mansions) und den kanadischen Stargeiger Owen Pallett ins Boot. Letzterer liefert die für das Album charakteristischen Streicher-Arrangements, die genauso gut hätten Gefahr laufen können, eine Spur zu dick aufzutragen. Das ist aber gewollt, wie Turner klarstellt:

„Wir wollten diesen opulenten Sound von Anfang an. Aber wir wussten, dass es ein gefährliches Spiel ist. Sowas kann schnell cheesy klingen.“

Vielleicht ein bisschen cheesy, aber doch stimmig fügen sich die Orchesterparts in den Albumsound ein, ebenso wie die zwei Sängerstimmen, die selbst das geschulte Ohr stellenweise kaum zu unterscheiden vermag. Beim Erscheinungsbild verhält es sich nicht anders, dem Gallagher-Gedächtnislook sei Dank.

Ein Potpourri aus Popeinflüssen

Musikalische Inspiration fürs Debüt kam nach eigener Aussage von Scott Walker, Burt Bacharach, John Barry und überhaupt Künstlern der Amerikana. Bei aller Streicher-Opulenz sind also 60er-Jahre-Gitarrensounds gleichermaßen auf dem Album vertreten.

The Age Of The Understatement will mit jedem Lied eine Geschichte erzählen. Die Texte handeln – wie sollte es bei zwei Anfang-Zwanzigern auch anders sein – von der Liebe und dem Eintauchen ins Nachtleben. Dadurch konnte das gleichaltrige Zweiergespann viele Gemeinsamkeiten ins Liedgut einfließen lassen.

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The Last Shadow Puppets – „My Mistakes Were Made For You“

Es bleibt spannend

Über die letzten zwölf Jahre haben die Puppets nicht gerade aus dem Nähkästchen geplaudert. Vor einer Albumveröffentlichung geben sie kaum Details ihrer Arbeit preis und auch ihre Interview-Historie ist überschaubar, was aber natürlich an ihren bübischen Aussetzern liegen könnte.

Ihrer Nonchalance entsprechend haben sich Alex und Miles, die mittlerweile beide vom nasskalten Nordengland ins warme L.A. gezogen sind, noch nicht festnageln lassen, wie viel Musik von dieser Formation noch erwartet werden darf. Ursprünglich angedacht war eine Album-Trilogie, doch ein vierteiliges Drama sei auch nicht auszuschließen. Das dritte Album soll sogar schon fertig geschrieben sein.

In der Ruhe liegt die Kraft

The Last Shadow Puppets zeigen auf ihrem Debüt mehr als bloßen Hau-Drauf-Indie mit einer Extraportion Streicherkitsch. Neben all dem Pomp glänzt die Platte besonders in den zurückgenommenen Stellen am Ende („The Meeting Place“, „The Time Has Come Again“).

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So entlässt das Album seine Hörer mit einer zarten, zeitlosen und auf ein Minimum reduzierten Symphonie aus Akustikgitarre, sanften Streicherklängen und Alex Turners noch sanfterer Stimme. Es ist diese gekonnte Mischung aus aufbrausenden Klangschwallen und verklärten Traumwelten, die dafür sorgt, dass ich mich wahrscheinlich auch in den nächsten zwölf Jahren nicht an The Age Of The Understatement satt hören werde.