Christopher-Streetday

Kommerzialisierte Gay Pride?

/ / Bild: Shutterstock / Jacek Wojnarowski

Dieses Wochenende ist Christopher-Streetday in München – in vielen Städten auf der ganzen Welt fand die Pride aber schon im Juni statt. Und das hat auch einen Grund: Der Juni gilt international als „Pride Month“. Auch viele Unternehmen haben das genutzt. Den ganzen Juni über haben sie uns quasi mit Regenbogenfarben zugekleistert. Diese Kommerzialisierung der Pride wird in der LGBTI*-Community nicht ganz unkritisch gesehen.

H&M, Burger King, Adidas: Viele große Unternehmen haben sich im Juni quasi zu LGBTI*-Aktivisten erklärt – mit Produkten wie dem Pride-Burger oder regenbogenfarbenen Turnschuhen. Auffällig war das auch in den sozialen Medien: Fast jedes Logo wurde – für einen Monat – in Pride-Farben getaucht.

Prinzipiell ein gutes Zeichen, findet auch Alina Neuper, die sich ehrenamtlich beim Diversity München engagiert: „Natürlich ist es schön, so viele Regenbögen zu sehen. Und man fühlt sich dadurch auch repräsentiert, aber man fragt sich dann eben doch, inwieweit die Firmen unsere Community kommerzialisieren wollen und ob das nicht alles scheinheilig ist

Alles nur Gewinnmache?

Einige Stimmen in der Community gehen sogar so weit und sagen: Die Unternehmen beuten die Pride-Bewegung aus. Zwischenzeitlich konnte man ja sogar Marmelade oder Mundspülung in Regenbogenfarben kaufen. Auch Thomas Niederböhl, Politischer Sprecher des CSDs in München, blickt kritisch auf all die regenbogenfarbenen Kollektionen:

„Ich denke mir: Muss jetzt wirklich jede Alkoholflasche mit dem Regenbogenetikett versehen werden und jede Schuhmarke und so… Als es los ging, fand ich es schon ein ganz tolles Zeichen, inzwischen finde ich es aber auch ein bisschen arg massiv. Und dann ist die Frage, wie ernst ist es denn dann… Ich weiß es nicht.“

Was ist die wahre Motivation?

Die Frage nach der wahren Motivation scheint berechtigt. Nicht nur, weil alle Unternehmen die Regenbogenfarben zum Juli hin wieder austauschten. Auch Unternehmen wie UPS oder FedEx gaben sich im Juni in Regenbogenfarben. Wie das amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes berichtet, haben aber genau diese Unternehmen in der Vergangenheit bis zu 15 Mio. Dollar an homophobe Politiker in den USA gezahlt – zum Beispiel als Wahlkampfhilfe. Das Magazin stützt sich dabei auf eine Studie des amerikanischen Journalisten Judd Legum in Zusammenarbeit mit dem Portal Progressive Shopper. Und selbst Donald Trump verkauft in seinem Shop paradoxerweise Pride-T-Shirts. Dabei kann seine Regierungspolitik als eher homophob bezeichnet werden.

Kein Wunder, dass da Zweifel an der wirklichen Motivation der Unternehmen aufkommen. Möchten die Unternehmen an der Pride-Community einfach nur ihr Geld verdienen?

Auch für Thomas Niederböhl bestand dieser Verdacht zunächst: „Es gab um die Jahrtausendwende so eine Tendenz, wo alle Firmen meinten, wir seien die ideale, kaufkräftige Zielgruppe, und man müsste jetzt von jedem Wagen den neuesten Haarfestiger und den neuesten Energydrink werfen.“

München hat gelernt

Solches Vorgehen ist auf dem CSD in München inzwischen verboten. Hier dürfen nur Gruppen auftreten, die auch wirklich etwas mit der Community zu tun haben. In anderen Städten auf der Welt ist das anders, besonders in London und New York gab es deswegen heftige Proteste.

Ein eindeutiges Urteil lässt sich aber nicht fällen. Kommerzialisierung gilt oft auch als das Nebenprodukt von Erfolg – ähnlich lässt es sich auch bei der Umweltbewegung beobachten. Und das kann prinzipiell positiv gesehen werden. Zweifellos handelt es sich bei all den Regenbogenflaggen und Werbungen mit LGBTI*-Inhalt um gute Zeichen für die Gesellschaft. Dass Regenbogenfarben als verkaufsfördernd gesehen werden, zeugt auch von Fortschritt.

Will man beurteilen, wie ernst es die Unternehmen mit ihrer LGBTI*-Promotion wirklich meinen, ist auch die Frage wichtig, ob die Unternehmen ihre Einnahmen auch an LGBTI*-Organisationen spenden oder wie sie ihre eigenen queeren Beschäftigten behandeln.

Schritte in die richtige Richtung

Als positives Beispiel sieht sich hier die Rewe Group, die für Ihre LGBTI*-Mitarbeiter ein eigenes Netzwerk namens different together hat. Mit diesem Netzwerk ist Rewe einer der Hauptsponsoren des diesjährigen CSDs. Doch das sei nicht das einzige Engagement, wie Ludwig-Maximilian Hoffmann, Projektreferent bei different together, erklärt:

„Neben Sponsorings versuchen wir natürlich ganz konkret, die Szene zu unterstützen, beispielsweise übernehmen wir regelmäßig den Thekendienst im SuB e.V. oder wir haben zum Beispiel unsere Wasserverteilaktion am CSD, wo wir gratis Wasser austeilen.“

Auch der Pharmakonzern MSD ist einer der Hauptsponsoren des CSDs, er teilte auf Nachfrage mit, dass dieses Jahr 2.976,40€ an die Veranstaltung gespendet wurden.

Was noch zu tun ist

Trotz allem Engagements bleibt noch viel zu tun. Das Klima ist in vielen deutschen Unternehmen gegenüber LGBTI*-Leuten immer noch nicht gut, wie Ludwig-Maximilian Hoffmann berichtet:

„Ich habe in meinem Bekanntenkreis, der auch in großen Münchner Unternehmen arbeitet, auch schon Vorbehalte erlebt, was das offene Kommunizieren angeht, zum Beispiel dass man als Mann mit seinem Ehemann am Wochenende was unternommen hat. Bei dem offenen Umgang da merke ich dann schon noch Nachholbedarf.“

Die Inklusion der eigenen Mitarbeiter und die tatsächliche Unterstützung der Pride-Community sind also entscheidend. Nur mit diesen Fragen kann beantwortet werden, wie ernst Unternehmen es wirklich mit ihrer Regenbogen-Agenda meinen.