Filmfest München 2024

Viêt and Nam

/ / Bild: Nicolas Graux

Eine Liebesgeschichte zwischen zwei Kohlearbeitern in Vietnam? Was nach einer ungewöhnlichen Ausgangssituation klingt, wurde bereits im Ursprungsland verboten. Warum? Ist Viêt and Nam derart provokant?

Völlige Dunkelheit begrüßt die Zuschauer:innen am Anfang von Viêt and Nam, dem neuen Film von Regisseur Truong Minh Quy, der erst kürzlich auf dem renommierten Filmfestival in Cannes Premiere feierte. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Nein, vollkommen schwarz ist das Bild nicht. Zwei Personen, mehr Schemen als wirkliche Menschen, sitzen auf eine Art von glitzerndem Kohleberg. Die gesamte Sezerniere wirkt dadurch künstlich und überhöht. Bereits in den ersten Minuten visualisiert sich der magische Realismus, auf den Viêt and Nam immer wieder zurückgreift und das Publikum ein ums andere Mal in einen tranceartigen, meditativen Zustand versetzt.

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Szene aus Viêt and Nam

Liebelei im Tagebau

Viêt and Nam erzählt im Kern eine Liebesgeschichte wider Willen, zwischen den titelgebenden Minenarbeitern Viet (Thanh Hai Pham) und Nam (Duy Bao Dinh Dao), die gemeinsam Kohle in einem Bergwerk abbauen. Der Film macht nie wirklich deutlich, wie die beiden zueinander gefunden haben, viel eher setzt die Handlung zu einem Zeitpunkt an, bei dem die Protagonisten bereits ein Paar sind – wenn auch im Geheimen. Denn ihre Familien wissen nichts von der Beziehung und machen nicht den Eindruck, als würden sie diese unterstützen. Pham und Dao verkörpern die beiden Hauptfiguren überzeugend, was an ihrem zurückgenommenen Spiel und der damit verbundenen Verletzlichkeit liegt. Voller Leidenschaft für den jeweils anderen und doch immer in Sorge, erwischt zu werden.

Kriegstraumata

Dieser Storystrang konkurriert in Viêt and Nam jedoch mit einem weiteren: Kriegstraumata. Denn Nam´s Vater ist im Vietnamkrieg gefallen und seine Überreste wurden nie gefunden. Aus diesem Grund begibt sich dessen Familie in den Dschungel, in dem er vermutet wird. Wer aber eine Aufarbeitung der vietnamesischen Nationalgeschichte erwartet, wird enttäuscht werden. So kommt es, dass einige Szenen ohne Vorwissen kryptisch erscheinen und nicht aufgelöst werden. Das muss der Film auch nicht, schließlich ist diese Vorgehensweise ein Grund für die Sogwirkung, die sich über die knapp zwei Stunden Lauflänge entfaltet.

Geschichte eines Landes

Der Titel des Films spielt somit nicht nur auf die beiden Hauptfiguren, sondern ebenfalls auf die Geschichte und das damit verbundene Trauma vieler Einheimischer an. Ein organisches Ganzes formen die beiden Themen aber nie, viel eher wirkt sie wie zwei nebeneinander herlaufende Geschichten, in der die Hauptdarsteller zu Nebenrollen verkommen.

Die 129 Minuten Lauflänge machen sich durch die Divergenzen in der Handlung und die teils mäandernde Erzählweise immer wieder bemerkbar. Das Gefühl der Sinnlichkeit, das “sich dem Film ausliefern”, wird dadurch immer wieder gestört, wodurch ein fader Beigeschmack bestehen bleibt. Dennoch: Viêt and Nam hat es verdient, gesehen zu werden. Dafür ist Quys Werk zu sinnlich, das Sound-Design zu überwältigend und die Interpretationsmöglichkeiten zu vielfältig. Wenn auch nicht jeder Moment überzeugt und die Schwächen im Drehbuch nicht immer von den Bildern kaschiert werden: Ein einmaliges Erlebnis ist der Film in jedem Fall.

Viêt and Nam läuft am 07.07 um 17 Uhr im Rio 2 beim 41. Filmfest München.