KOMMENTAR

Queer ist (un)politisch

/ / Bild: M94.5 / Simon Fischer

Meta hat angekündigt, dass Instagram, Threads und Facebook unpolitischer werden sollen. Beiträge, die als politisch eingestuft werden, sollen nicht mehr auf der Explore Page gezeigt werden. Bennet Leitritz kommentiert, warum das zu einem Problem für die queere Community werden könnte.

Kommentar von Bennet Leitritz

In einem Blogpost von Instagram wird politischer Content sehr schwammig definiert: Als Posts, die etwas mit Gesetzen, Wahlen oder Sozialen Themen zu tun haben. Und hier liegt direkt das Problem: Was genau meint Instagram mit “Sozialen Themen”? Abgesehen davon, dass es schon sehr zynisch ist, in sozialen Medien nicht mehr über soziale Themen reden zu können: was ein “soziales Thema” politisch macht, liegt komplett im Ermessen von Meta. Ein Konzern entscheidet, welche Art von Post unterdrückt wird.  

DIE POLITISIERUNG VON QUEERER IDENTITÄT

Bei mir gehen da sofort die Alarmglocken los. Content von queeren Creator:innen wird schon seit langer Zeit auf unterschiedlichen Plattformen unterdrückt, wenn er als zu politisch eingestuft wird. Auf TikTok werden beispielsweise oft Warnungen vor Videos geschaltet, nur weil es um queere Themen geht. Oder sie werden gar nicht erst veröffentlicht. Als Begründung schieben Plattformen am liebsten “Community-Guidelines” vor. Etwas als politisch zu definieren, um es aus einer Diskussion oder einem öffentlichen Ort zu verbannen ist nämlich nichts Neues. Queere Identitäten werden seit Jahrzehnten als “politische Agenda” abgestempelt, anstatt es als das zu sehen, was es ist: ein Teil ihrer Selbst. Russland hat die “internationale LGBTQ+ Bewegung” als extremistisch eingestuft, obwohl es die überhaupt nicht gibt. Gemeint ist keine Vereinigung, kein Konzept, sondern explizit Menschen. Menschen wie ich. Meine gesamte Lebenserfahrung ist in vielen Bereichen von meiner Queerness beeinflusst.  Nicht nur von mir – von vielen queeren Personen.

MAN WIRD ZUM GESPRÄCHSTHEMA – OB MAN WILL ODER NICHT

Als aktuelles Beispiel dient das Casting der Schauspielerin Hari Nef im Barbie Film letztes Jahr. Ihr Nebencharakter als eine von Barbies Freundinnen macht keine Aussagen im Film zu Queerness, der Charakter ist nicht explizit oder implizit Trans, aber allein der Fakt, dass Hari Nef eine Trans-Frau ist, hat gereicht, um eine politische Diskussion loszutreten. Konservative wie Ben Shapiro bezeichnen den Film als Indoktrinierung und Trans-Propaganda. Selbst, wenn wir sie nicht aktiv in den Vordergrund stellen, die Gesellschaft lässt uns unsere Queerness nie vergessen. Wenn eine queere Schauspielerin ihren Job als Schauspielerin macht, gilt es als politisch. Und wird damit dann bald nach Metas Plänen auf Instagram nicht mehr auf der Explore Page gezeigt. 

WER POLITIK IGNORIERT VERLIERT

Ironischerweise müssen queere Personen genau deshalb politisch sein. Wir haben nicht das Privileg, unpolitisch zu sein. Die Gleichstellung von queeren Menschen hat in den letzten Jahrzehnten maßgeblich wegen politischen Bemühungen große Fortschritte gemacht. Ein Beispiel dafür ist die Ehe für alle, die es erst seit 2017 gibt. Aber sobald wir uns zurücklehnen und unsere vergleichsweise noch recht neuen Rechte genießen, regen sich politische Bestrebungen, diese Fortschritte wieder aufzuheben. Dafür muss man nur einen kleinen Blick nach Amerika werfen. Allein 2023 wurden 588 Anti-Trans Gesetzesentwürfe in den Staaten vorgelegt, von denen 85 zum Gesetz wurden. Politische Themen lassen sich also für queere Menschen wie mich nicht einfach von ihrem Leben trennen. Unsere Sicherheit hängt davon ab. 

WAS SOLL “UNPOLITISCH” EIGENTLICH SEIN?

Und das gilt nicht nur für queere Menschen. Politik ist mit unserem Leben stark verbunden, sie gibt die Rahmenbedingungen vor, in denen wir unser Leben verbringen. So gerne sich manche davon lossagen möchten: unpolitisch sein ist auch eine politische Einstellung. Das Unterlassen einer Handlung ist auch eine Entscheidung, die getroffen wird.

Damit will ich nicht sagen, dass politischer Content der einzige Mittelpunkt von Social-Media Konsum sein muss. Sehr wohl aber, dass sich politisch und persönlich nicht wirklich trennen lässt. Deswegen läuft ein Unterdrücken von politischen Inhalten, selbst mit den besten Intentionen, schnell Gefahr, in die bloße Darstellung der Lebensrealität von queeren Menschen einzugreifen. So kann sich sehr leicht ein unfaires Spielfeld für queere Creator:innen, safe-spaces und Lernmöglichkeiten für queere Identitäten ergeben.