Kommentar

Olympia Boykott – Kritik an Athlet:innen nicht angebracht

/ / Bild: M94.5 / Vroni Kallinger

Freedom. Darum geht es uns ja eigentlich allen. Trotzdem gibt es auf der Welt Millionen von Menschen, die dafür jeden Tag kämpfen müssen. Einer davon ist der NBA Spieler Enes Kanter Freedom von den Boston Celtics. Den Nachnamenszusatz trägt er nun seit einigen Wochen. Abseits des Basketballs setzt Enes Freedom sich für Gerechtigkeit ein. Genau deswegen hat er sich dazu entschieden, Freiheit zum Teil seines Lebens zu machen. Seit einigen Monaten ruft er zum Athlet:innen-Boykott der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking auf. Total daneben, findet M94.5 Sportreporter Finn Widmann.

Athlet:innen sind Vorbilder. Das hören wir ständig. Sie sollten mit gutem Beispiel voran gehen und mit ihrer Plattform auf Missstände und Ungerechtigkeit in der Welt aufmerksam machen. Doch was wir da erwarten, ist weder realistisch noch fair. Es ist nicht an den Athlet:innen, diese Veranstaltungen zu boykottieren. Ein Event, auf das viele ihr Leben hintrainiert und sich darauf gefreut haben. Ihnen nun vorzuhalten, es sei moralisch verwerflich, wenn sie ihre Teilnahme nicht zurückziehen, ist engstirnig und ignorant gegenüber den Leistungen der Sportler:innen.

Die Verantwortung beginnt viel weiter oben

Verantwortlich für politische Missstände sind nämlich keinesfalls die Sportler:innen. Es fängt viel weiter oben an. Sportverbände wie der IOC oder die FIFA, welche Athlet:innen unter Zugzwang setzen, sind das eigentliche Problem: Indem man Sportveranstaltungen an Länder vergibt, die Bürgerrechte mit den Füßen treten. Dass China seit über einem Jahr ein Genozid an Uiguren begeht ist längst bekannt. Dennoch finden nach den Olympischen Sommerspielen 2008 nun erneut die Spiele in jenem Land statt, indem ein (quasi) Diktator tun und lassen kann, was er will. Diktatoren wie Xi Jinping nutzen die Aufmerksamkeit für ihre nationalistische Propaganda. Währenddessen erwartet die Gesellschaft ein Statement der Sportler:innen, die wiederum nur kleine Figuren auf dem Schachbrett der großen Sportverbände sind.

Die gesamte Gesellschaft ist gefragt

Warum setzen wir viel höhere Maßstäbe an die Athlet:innen als wir es für uns selbst machen? Wir selbst kaufen Klamotten, die in Ländern produziert werden, in denen Menschenrechte nichts bedeuten. Vorbild hin oder her. Wenn wir von Athlet:innen verlangen, bestimmte Regime zu boykottieren, müssen das auch wir anderen Mitglieder der Gesellschaft tun. Während unsere Regierungen mit diesen Ländern verhandeln und gezogene Grenzen ständig verschoben werden, um bloß die Diplomatie nicht zu gefährden; und während der IOC oder die Fifa ihre Veranstaltungen an diktatorisch geführte Länder vergeben, spielen sie am Ende den Athlet:innen die Verantwortung zu, damit umzugehen.

Motivation hinter Boykottrufen relevant

Dass sich solche Boykottrufe jedes Mal mehren, je näher wir den Veranstaltungen kommen, ist nichts Neues. Ewiges Schweigen in den Jahren zuvor, als wüsste man von der Brisanz nichts. Doch meistens kommen solche Protestrufe eben auch von Personen, die selbst nichts riskieren oder zu verlieren haben. Wie schon der Schriftsteller Stefan Zweig sagte:

“Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt, […] ist nichts als geltungssüchtig”.

Stefan Zweig, 1936

Der Versuch, Medienpräsenz und Aufmerksamkeit für das Thema zu bekommen, ist an sich etwas Positives. Trotzdem  sollte die Motivation dessen hinterfragt und differenziert werden. Selbstdarstellung und Mediengeilheit sind einigen lauten Rufer:innen oftmals wichtiger als das Thema selbst, das sie kritisieren. Das führt häufig dazu, dass Athlet:innen unter gesellschaftlichen Zugzwang geraten. Dass allerdings ihr Image durch die Teilnahme an politisch fragwürdigen Sportveranstaltungen durch Shitstorms geschädigt wird, stellt die Entscheidungskette und die Verantwortlichkeiten auf absurde Weise auf den Kopf.