M94.5 Filmkritik

Limbo

/ / Bild: Nordpolaris/Limbo

Filme in nur einem Take drehen: diese Idee ist gar nicht so neu wie man meinen könnte. Alfred Hitchcock hat bereits 1948 in Cocktail für eine Leiche damit experimentiert, ein neueres Beispiel ist Victoria aus dem Jahr 2015. Jetzt hat sich auch ein Regieabsolvent der HFF München an dieses Projekt getraut: Tim Dünschede hat seinen Diplomfilm Limbo in einer einzigen Einstellung aufgenommen. Eine gute Idee?

Es ist Freitag kurz vor Feierabend, als Compliance-Managerin Ana (Elisa Schlott) in den Firmenunterlagen seltsam hohe Rechnungsbeträge findet. Ihr Gefühl sagt ihr, dass da etwas nicht stimmt. Sie versucht ihren CEO Mailing noch schnell abzufangen, bevor der ins Wochenende verschwindet – doch der will von ihren „Verschwörungstheorien“ nichts wissen. Stattdessen lädt er sie ein, mit ihm und einem Freund zu einem Afterwork-Event zu fahren. Was recht harmlos beginnt, entwickelt sich im Laufe des Films zu einem Thriller, in dem es um Geldwäsche, Gangster und geheime Machenschaften geht.

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Viel Action bei nur einem Shot: „Limbo“

Erzählung in Echtzeit

Das Spannende an einer einzigen Einstellung ist die Planung, die davor vonstatten gegangen sein muss, damit die Handlung sinnvoll erzählt werden kann. Darsteller*innen müssen an ihrem Platz sein, damit sie zur richtigen Zeit ihren Einsatz spielen können. So muss etwa geplant sein, wann die Kamera (Holger Jungnickel) zur nächsten Figur schwenken kann, damit sich verschiedene Handlungsstränge miteinander verbinden. Ein Beispiel: Ana und Mailing fahren zum Event, halten aber davor für Zigaretten an einem Kiosk. Während sie zurück zum Auto gehen, heftet sich die Kamera an die Kioskbetreiberin, die im Hinterzimmer die Kasse machen will. Dort sitzt schon die nächste Figur bereit, die ebenfalls eine Rolle im Geschehen spielt: Carsten (Tilman Strauß) ist verdeckter Ermittler und kurz davor, ein Geldwäsche-Netzwerk rund um einen Mann zu infiltrieren, den alle nur geheimnisvoll „den Wiener“ nennen.

Der Fokus ist jetzt auf Carsten gerichtet – auch um den anderen Darsteller*innen Zeit zu geben, an den neuen Spielort zu gelangen: eine alte Fabrikhalle. Die Fahrt dorthin dauert tatsächlich so lange, wie eine Autofahrt an diesen Ort eben dauert, also rund acht Minuten. Das stört hier noch nicht so, weil erstmal der Kleinganove Ozzy (Martin Semmelrogge) einsteigt und allerhand zu erzählen hat. Später aber fallen diese Überbrückungsstellen immer mehr auf. Sehr oft sind Figuren von hinten zu sehen, die Treppen hoch-und runtergehen, um zur nächsten Szene zu gelangen. Aber das ist eben ein logistisches Problem des One Shots.

Kryptowährung und cold wallets

Limbo gelingt es, mit seiner Filmtechnik nicht ganz, einen spannungsvollen Sog entstehen zu lassen, bei dem die Zuschauer*in immer mehr in das Geschehen hineingezogen wird. Trotzdem macht es Spaß, den Film zu schauen, was vor allem an seinen Darsteller*innen liegt. Allen voran überzeugt Martin Semmelrogge als alternder Kleinganove, der was von Geldwäsche, aber nicht von digitalem Geld versteht und nicht mehr vor dem Wiener buckeln will. Überhaupt der Wiener: Christian Strasser als süffisant-wienerischer Gangsterboss spielt seine Rolle extrem amüsant.

Die ganze Gangstergeschichte bleibt leider jedoch etwas vage – es fallen lediglich immer wieder wichtig klingende Wörter wie „Kryptowährung“, „privacy codes“ und „cold wallets“. Wichtiger ist hier tatsächlich die Art, wie gefilmt wurde und das ist schon interessant gelöst. Denn innerhalb der Fabrikhalle gibt es verschiedene Bereiche wie einen Boxring, einen Rotlichtbereich oder auch verschiedene Bars. Jedes Szenenbild ist mit anderem Licht ausgestattet, sodass innerhalb der immer gleichen Räume verschiedene Atmosphären erzeugt werden können, je nachdem welche Figur gerade auf wen trifft.

Spannendes Abschlussprojekt

Tim Dünschede hat mit „Limbo“ einen Film gedreht, der durch seine logistische Arbeit hervorsticht. Zwar ist die Geschichte nicht komplett überzeugend, da teilweise nicht ganz klar wird, wo hier die Spannung liegt. Aber die Art, wie es gedreht wurde, ist dann doch interessant – vor allem für das Abschlussprojekt einer Hochschule – und deshalb sehenswert. Und auf die Gefahr der Wiederholung hin: Martin Semmelrogge und Christian Strasser. Die beiden tragen den Film wirklich.

Limbo läuft aktuell in ausgewählten Kinos in Deutschland. Mehr Infos zum Film gibt’s hier.