Jugendliche und Extremismus

Gefahr von überall?

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Was Jugendliche unter Extremismus verstehen und wie sie damit in Kontakt kommen

Wenn aus Datensätzen Geschichten werden: Studierende im Master Journalismus haben kommunikationswissenschaftliche Forschung der LMU datenjournalistisch aufbereitet.

von Johannes Holbein, Kathrin Müller-Lancé und Lukas Waschbüsch

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Anmerkung zum Video: Den Namen Uwe verwenden wir an dieser Stelle als Pseudonym für einen Schüler, der die im Video genannten Aussagen gegenüber der Forschungsgruppe geäußert hat.

Jugendliche wie Uwe sind die wichtigste Zielgruppe extremistischer Anwerbungsversuche: Sie sind auf der Suche nach Orientierung und viel im Internet unterwegs. Dieses Projekt zeigt, was Jugendliche überhaupt unter Extremismus verstehen – und wie sie damit in Kontakt kommen. Zufällig oder durch aktives Suchen? In den Medien oder im sozialen Umfeld? Bewusst oder unbewusst? Nur wer weiß, wie Extremismus wirkt, kann Jugendliche davor schützen.

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Erst einmal gilt es zu verstehen, was Jugendliche unter extremistischen Inhalten verstehen. Diese Grafik bezieht sich auf den letzten Kontakt mit Extremismus. Die Jugendlichen mussten erklären, warum sie eine Botschaft oder Einstellung als extremistisch einstufen. Die Zahlen zeigen, dass nicht alle Jugendlichen so unbedarft mit dem Thema umgehen wie Uwe. Drei Viertel der Befragten hielten den zuletzt konsumierten Inhalt für extremistisch, weil er gegen Gruppen hetzte.

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Mehr als die Hälfte der Jugendlichen stufte Inhalte als extremistisch ein, die dem Grundgesetz widersprachen. Nur ein Drittel der Jugendlichen bewertete den zuletzt konsumierten Inhalt als extremistisch, weil er zu Gewalt aufrief. Aber Vorsicht: Das heißt weder, dass nur 29 Prozent der Jugendlichen Aufrufe zu Gewalt mit Extremismus verbinden, noch, dass nur 29 Prozent der extremistischen Inhalte Aufrufe zu Gewalt enthalten. Die Zahlen beziehen sich lediglich auf die Merkmale, wegen derer Jugendliche den zuletzt konsumierten Inhalt für extremistisch hielten.

Mehr als die Hälfte der Jugendlichen in Kontakt mit Extremismus

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Ist der Kontakt mit Extremismus nur eine Ausnahme, oder findet er regelmäßig statt? Darüber gibt diese Grafik Auskunft. Sie zeigt, dass mehr als die Hälfte der Jugendlichen mindestens manchmal in Kontakt kommen mit extremistischen Inhalten. Fünf Prozent geben sogar an, sehr häufig damit zu tun zu haben. Auch wurden die Jugendlichen gefragt, mit welchen Formen von Extremismus sie wie häufig in Kontakt kommen. Diese Zahlen sind aber mit Vorsicht zugenießen, da den Jugendlichen vorher keine Definitionen zu Links-, Rechts- oder religiösem Extremismus vorgelegt wurden. „Mein Bruder ist in einer links-extremistischen Organisation Mitglied und er postet sehr häufig Videos oder Nachrichten gegen Nazis.“

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Die Werte hängen also davon ab, was die Jugendlichen unter den jeweiligen Formen von Extremismus verstehen – was nicht immer zwingend das gleiche sein muss. Der Befragung nach kommen die Jugendlichen am häufigsten mit rechtsextremistischen Inhalten in Kontakt.

Häufigste Kontaktquelle sind journalistische Medien

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Hier wird deutlich, über welche Wege Jugendliche mit extremistischen Inhalten in Kontakt kommen. Die Forscher unterscheiden zwischen nicht-medialem Kontakt im sozialen Umfeld und medialem Kontakt – entweder über journalistische Medien, oder nicht-journalistische Medien wie z.B. Soziale Netzwerke oder Videoplattformen.

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Am häufigsten kommen Jugendliche über journalistische Berichterstattung mit Extremismus in Kontakt. Fast die Hälfte der Befragten sieht mindestens manchmal im Fernsehen extremistische Inhalte. Über die Sozialen Netzwerke kommen nur 27 Prozent damit in Kontakt. Hier gilt aber zu berücksichtigen, dass die Kategorien der Studie nicht trennscharf sind. Jugendliche können auch in den Sozialen Netzwerken auf journalistische Inhalte stoßen, zum Beispiel im Facebook-Post einer Tageszeitung, der extremistische Anschläge behandelt.

Im sozialen Umfeld werden Jugendliche im Schnitt seltener mit Extremismus konfrontiert als in den Medien. Am ehesten geschieht das auf der Straße (21 Prozent), es folgen der Freundeskreis (17 Prozent) und die Schule (16 Prozent).

Am häufigsten ergibt sich der Kontakt zufällig

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Die vorherige Grafik hat gezeigt, dass Jugendliche am häufigsten über die Medien in Kontakt kommen mit Extremismus. Nun stellt sich die Frage, wie genau diese Kontakte entstehen. Ergeben sie sich zufällig, indem die Jugendlichen beim Surfen auf extremistische Inhalte treffen? Ergeben sie sich durch Hinweise oder Likes von Freunden? Oder gar durch aktive Suche?

Die Befragung zeigt, dass sich die meisten medialen Kontakte mit extremistischen Inhalten zufällig (32%) und durch regelmäßige Mediennutzung (31%) ergeben. Auch das Posten oder Weiterleiten durch Freunde spielt eine große Rolle. Das zeigt, dass soziale Hinweise wichtige Auslöser sind für medialen Kontakt mit Extremismus – und, dass die schnelle Weitervebreitung durch das Internet auch ein wesentlicher Weg ist, über den Jugendliche auf extremistische Inhalte treffen.

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Dabei muss auch berücksichtigt werden, dass in dieser Studie „Kontakt mit Extremismus“ nicht unbedingt Kontakt mit extremistischen Anwerbeversuchen oder Propaganda bedeutet. Gerade in der journalistischen Berichterstattung kommen Jugendliche auch mit Beiträgen in Kontakt, die extremistische Inhalte (wenn auch nicht immer) einordnen – und so ihre Kompetenz verbessern können.

Medienkompetenz spielt eine wichtige Rolle

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Die Frage nach der Medienkompetenz ist wichtig, weil sie eine Ahnung davon vermittelt, wie der Kontakt mit Extremismus auf Jugendliche wirkt. Nur, wer versteht, wie Extremisten kommunizieren, kann extremistische Inhalte erkennen und einordnen. Wer um die Strategien der Extremisten weiß, ist weniger anfällig für Propaganda. Die Zahlen zeigen, dass nicht alle Jugendlichen durchschauen, wie Extremisten kommunizieren. Ein großer Teil kann sich vorstellen, dass Extremisten Feindbilder schaffen, um Angst zu schüren und sich in aktuelle Diskussionen einmischen. Weniger hingegen erkennen die subtilen Strategien von Extremisten. So kann sich ein gutes Drittel nicht vorstellen, dass Extremisten aktuelle Musik produzieren, knapp die Hälfte der Jugendlichen glaubt nicht, dass Extremisten sich für Umwelt und Natur einsetzen. Das lässt vermuten, dass Jugendliche für diese unterschwelligen Strategien empfänglicher sind.

Fazit: Vier Typen für den Kontakt mit Extremismus

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Eine wichtige Erkenntnis der Studie ist auch, dass nicht alle Jugendlichen gleichermaßen in Kontakt kommen mit Extremismus – und extremistische Inhalte einordnen können. Hier fließen die bisherigen Ergebnisse zusammen. Die Forscher machen vier verschiedene Gruppen aus, die sich zum Beispiel darin unterscheiden, wie sie sich informieren, wie groß ihr politisches Interesse ist und wie bewusst sie Extremismus wahrnehmen. Den größten Anteil machen dabei „die Unbedarften“ aus, die sich kaum mit Politik und Nachrichten auseinandersetzen und extremistische Inhalte schlecht erkennen. Ihr wäre wohl auch Uwe mit seinem „extremistischen“ Snowboarder zuzuordnen.