Platte des Monats Oktober 2016

Gurr – In My Head

/ / Bild: Duchess Box Records

Wie ein Roadtrip an der Westküste der USA, mit im Gepäck die Gitarre, die beste Freundin und jede Menge Energie. So klingt „In My Head“, das Debütalbum des Duos Gurr. Die beiden Wahlberlinerinnen Andreya Casablanca und Laura Lee Jenkins mischen raue 60er Jahre Klänge mit frischen Elementen aus dem West Coast Pop. Das Ergebnis: eingängige Melodien und freche Lyrics, die ganz nach heute klingen. Let’s get gurred!

Wieso können wir eigentlich nicht ohne Roadmovies, wie „Little Miss Sunshine“, „Darjeeling Limited“ oder „Thelma & Louis“? Wahrscheinlich, weil sie die Sehnsucht auszubrechen und den Alltag hinter sich zu lassen auf die Leinwand projizieren. Und so ein kollektives Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit entstehen lassen.

Aber was ist der perfekte Soundtrack für dieses Gefühl? Das Debütalbum „In My Head“ von Gurr! Ausschlaggebend dafür sind die Leichtigkeit und Ungezwungenheit, die eine Konstante auf dem Album bilden und so die Träger des auditiven Roadmovies sind. Gewonnen haben Andreya und Laura diese Gefühle wahrscheinlich in ihrer Zeit in den USA. Hier hat der gemeinsame Roadtrip entlang der Westküste während dem Auslandsemester die Musik der Band entscheidend geprägt.

Mädchenkram, Insider und intelligenter Zynismus

Auf „In My Head“ wird man Teil der Mädchenfreundschaft der beiden Mittzwanzigerinnen. Ihre Geschichten erzählen sie auf ehrliche, junge und teils trashige Weise. Die Texte, in Kombination mit dem vorantreibenden Sound, lassen die Songs zu kleinen Kurzfilmen werden, die jeder ganz nach eigenem Empfinden weiterdenken kann. Den Anfang der Geschichten bildet eine durchgemachte Nacht im Opener „Breathless“. Weiter besingen Gurr in Songs wie „Yosemite“ oder „Free“ Begegnungen, Trennungen und die Liebe – sympatisch und nah. Der verspielte, manchmal schrille Ton lenkt da schnell von den intelligenten Lyrics ab. Denn Andreya und Laura können auch ernster. So geht es in „Moby Dick“ um die eigene Ignoranz. Dass das Ganze auch auf Deutsch funktioniert, beweist der Track „Walnuss“, den sie sowohl in ihrer Muttersprache, als auch auf Englisch veröffentlicht haben. Hier bringen sie das Problem der jüngeren Generationen entwaffnend auf den Punkt: „Wir nehmen Teil an der Belanglosigkeit.“

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Gurr – Walnuss

Ihr Genre? First Wave Gurrlcore!

„First Wave Gurrlcore“, so nenen sie selbst ihren Stil. Der Name zeigt die Verbindung zur Riot-Grrrl-Bewegung, die sich zwar in der reduzierten Instrumentierung mit Gitarre und Schlagzeug und dem schroffen, punkigen Gesängen zeigt, trotzdem aber nicht das musikalische Fundament bildet, auf dem sich Gurr bewegen. Andreya erklärt in diesem Zusammenhang ihre musikalischen Einflüsse so:

„Wir haben nicht wegen Riotgrrrls wie Kathleen Hanna angefangen Musik zu machen, musikalisch wurden wir eher von Bands wie Gun Club, Echo & the Bunnymen, den B52s oder Klassikern wie Ramones oder Beatles inspiriert.“

„In My Head“ klingt auch weniger nach Riotgrrrls, sondern mehr nach Frauen von heute, die an den Garage-Rock Basics ihrer musikalischen Wurzeln hängen, ihre verrückte Innenwelt durch Psychedelic- und Wave-Elemente zum Ausdruck bringen und das Ganze im klassischen Muster der Popmusik festigen.

„In My Head I feel so bad“

Höhen und Tiefen, laute und ruhige Momente, die hat jeder Roadtrip. Auf „In My Head“ stehen diese Gegensätze nebeneinander. Den ersten Teil der Platte dominieren die leisen, verträumten und intimen Tracks. Die Wandlung erfolgt im sechsten Song „Free“: Die Phrase „Free, during the nighttime baby, cause other people’s dreams is what I eat.“ wird im Laufe des Tracks immer bedrohlicher und aggressiver, bis der Rhythmus deutlich schneller wird und die Zeile „I’m coming for you“ einem Kampfschrei gleicht, der die zweite, punkige und laute Hälfte des Albums einleitet. Diese Unterschiede machen deutlich, dass das Duo facettenreich und experimentierfreudig ist. Dennoch entfremdet sich kein Track dem Konzept des Albums, sondern besonders durch die immer gleiche Instrumentierung erscheinen alle Songs in einem Guss.

Gurr haben gerade jetzt die perfekte Zeit getroffen, um mit ihrem Debütalbum anzukommen. „In My Head“ ist ungewöhnlich und ungezwungen, eine wachgeküsste alte Seele voll neugewonnener Lebensenergie.

„In My Head“ von Gurr erscheint am 14. Oktober bei Duchess Box Records.