Eve N More auf dem Regenbogenempfang im Bayerischen Landtag

Queerpolitik

Queere Politik und Drag Queens im Landtag

/ / Bild: Büro Florian Siekmann, MdL

Nach zwei Jahren Pause hat die Grüne Landtagsfraktion wieder zum Regenbogenempfang in das Maximilianeum eingeladen. Der Abend verbindet queere Politik und Drag Shows. Er feiert die neue Koalition in Berlin, spricht über den Krieg gegen die Ukraine und #OutInChurch.

Aus dem ganzen Freistaat kamen am letzten Samstag Personen, Organisationen und Abordnungen der Bayerischen LGBTQ*-Szene, als Bündnis 90/Die Grünen die Pforten des Landtags öffnete. Auf dem Regenbogenempfang der Grünen Landtagsfraktion werden mit Podiumsdiskussionen und Reden traditionell die aktuellsten Entwicklungen in der queeren Szene aufgegriffen. Die eigentlich jährliche Veranstaltung wurde dieses mal, nach der Corona-bedingten zweijährigen Pause, von einer ganz bestimmten Stimmung getragen: “Endlich wieder!”

Pinay Colada überreicht Alex Belopolsky von Munich Kyiv Queer eine ukrainische Fahne. Queere Politik und Drag Queens kommen sich nahe. (Bild: Büro Florain Siekmann, MdL)

Die Queere Community war in den Lockdowns als vulnerable Gruppe besonders von Isolation und mangelndem Kontakt betroffen. Sei es durch Diskriminierung in der eigenen Familie, der man im Lockdown nun nicht mehr entgehen konnte, oder der mangelnde Kontakt zu Gleichgesinnten in wichtigen Entwicklungsprozessen der eigenen queeren Identität.

Wohl auch deshalb nahmen viele überparteilich Organisationen wie die Jugendorganisation Diversity München, oder das Forum Queeres Archiv München e.V. am Empfang teil. Auch viele CSD-Vereine kleinerer Städte zeigten sich. Dominik Krause, Fraktionsvositzender von Die Grünen/Rosa Liste im Münchner Stadtrat, sieht solche Empfänge als große Chance für Stadt und Land.

“Ich glaube es ist vor allem für den ländlichen Raum wichtig diesen Kontakt zu haben. Da den Realitätscheck zu haben, dass wir hier [in München] ein bisschen in unserer Großstadtbubble sind, das ist glaube ich ganz gut.”

Dominik Krause, Fraktionsvorsitzender Die Grünen/Rosa Liste im Münchner Stadtrat

Die Grünen fordern im Landtag aktuell einen Aktionsplan LGBTIQ*. Bereits am IDAHOBIT, dem Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter-, und Transphobie, war die Community dafür auf die Straße gegangen. Bayern ist das einzig verbleibende Bundesland ohne derartigen Plan. Besonders die CSU habe noch viel aufzuholen, so der Tenor des Abends.

Ich finde der Landtag hat es verdient, dass er so Bunt ist, wie die Bayerische Gesellschaft und solange das noch nicht der Fall ist, bringen wir die Community in den Landtag!

Florian Siekmann, Gastgeber & queerpolitischer Sprecher der Grünen im Landtag (Bild: Büro Florian Siekmann, MdL)

Der Queer-Beauftragten des Bundes, Sven Lehmann, sendete zu Beginn per Videobotschaft Grußworte an die Versammelten und stellte lobend die neue Queerpolitik der Ampelkoalition vor. Auch Tessa Ganserer, eine der zwei ersten trans-Abgeordneten im Bundestag, tat dies später am Abend in ihrer Rede.

Krieg gegen die Ukraine – Queers mitten drin

Aber der Abend diente nicht nur dem knüpfen von Kontakten. Er sollte auch die aktuellen Ereignisse der letzten Monate aufgreifen. So wurde die Organisation Munich Kyiv Queer geladen, um über die aktuelle Situation von LGBTQ*-Personen in der Ukraine und auf der Flucht zu sprechen.

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Munich Kyiv Queer stellt seine Arbeit vor.

Die Kontaktgruppe aus Ukrainer:innen und Deutschen hilft queeren Menschen, die unter anderem nach München geflohen sind, beispielsweise bei der Suche nach einer Unterkunft. Bereits 100 Menschen seien so in verschiedensten Städten versorgt worden. Fünfzig davon befänden sich aktuell noch in provisorischen Unterkünften und bräuchten dringend langfristige Optionen, so Alex Belopolsky, freie:r Journalist:in und Aktivist:in bei Munich Kyiv Queer.

Allerdings kämen durch die langsam einsetzende Kriegsmüdigkeit nun immer weniger Spenden bei der Kontaktgruppe an. Da jeden Tag aber zwei bis drei weitere Anfragen auf Hilfe Munich Kyiv Queer erreichten, könnten diese jetzt nur noch schwer ausreichend beantwortet werden.

Besonders trans Personen mit Hormonbehandlung sind auch während des Krieges auf dringende Medikamente angewiesen. Lieferungen des Bündnisses Queere Nothilfe Ukraine, dem auch Munich Kyiv Queer angehört, kämen aufgrund von Transportschwierigkeiten jedoch nur schwer in das angegriffene Land, so Alex Belopolsky. Ein sofortiges beenden einer Hormontherapie kann schwere gesundheitliche Folgen haben.

Entsprechend der geringeren medialen Aufmerksamkeit gehen jetzt auch die Spenden aus. Die Leute, die geflohen sind, müssen aber jetzt überleben.

Alex Belopolsky, Aktivist:in bei Munich Kyiv Queer (Bild: Stas Mischenko)

In der Ukrainischen Armee gibt es eine Einheit queerer Soldat:innen, die unter dem Wappen eines Einhorn kämpft. Auf die Frage, ob die Bereitschaft der queeren Community für ihr Land einzustehen die Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft langfristig fördere, antwortet Kateryna Horieva, die selbst aus dem Land geflohen war und neben Munich Kyiv Queer auf dem Podium sprach, jedoch abwinkend. Zu tief sitze ihrer Meinung nach LGBTQ*-Ablehnung in der ukrainischen Gesellschaft.

Auch auf ein Kommentar aus dem Publikum: “Man sei als Friedensbewegter Grüne überrascht gewesen, dass selbst die queere Community der Ukraine zuerst Waffen und dann humanitäre Hilfe fordere.”, antwortete Belopolsky abwinkend und mit dem Hinweis, dass aktuell viele Ideologien auf die Realität stößen. Der Saal applaudierte daraufhin lautstark.

Sebstbestimmung statt Psychotherapie

Die Bundesebene der Grünen wurde durch Tessa Ganserer vertreten, die eine Key Note zu den queerpolitischen Plänen der Ampelkoalition hielt. So würde der Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP die Basis für eine neue Queerpolitik bieten und der Kampf für LGBTQ*-Rechte sei nun endlich von den Gerichten hin zum Gesetzgeber verlagert worden.

Tessa Ganserer stellt auf dem Regenbogenempfang die neuen Gesetzesvorhaben der Ampelkoalition vor. (Bild: Büro Florian Siekmann, MdL)

Insbesondere das Transsexuellengesetz, das den Geist der 50er Jahre atme, müsse reformiert werden, so Ganserer. Die Koalition plant aktuell ein sogenanntes Selbstbestimmungsgesetz, das unter anderem die rechtliche Änderung von Namen und Geschlecht erleichtern soll. Bisher sind dafür zwei psychatrische Gutachten notwendig. Tessa Ganserer sieht dies als Herabwürdigung. Gerade vor dem Hintergrund, dass trans Personen immer mehr zum neuen Sündenbock von Populist:innen und Rechtsradikalen gemacht würden, dürfe den ewig gestrigen nicht die Welt überlassen werden, so ihr Fazit.

Künstlerisch begleitet wurde der Abend von Pinay Colada und ihrer Drag-Tochter Eve N More. So sang Pinay Colada den Song “Dear Mr. President” von P!nk, mit dem sie den Angriffskrieg gegen die Ukraine anprangerte. Sie ersetzte schlicht “Whiskey” mit “Vodka” und klagte am Ende Vladimir Putin direkt mit Namen an. Pinay Colada ist davon überzeugt, dass queere Politik und Drag Shows zusammen gehören.

Drag ist nicht nur Spaß und trallala, sondern auch immer Politik. Wenn ich mit meiner Kunst jemanden zum zuhören bringen kann, habe ich da schon einen grünen Haken.

Pinay Colada, Drag Queen & privat Grünen-Mitglied (Bild: Büro Florian Siekmann, MdL)

Katholizismus in der Krise #OutInChurch

Der letzte Abschnitt des Empfangs war den jüngsten Coming Outs innerhalb der katholischen Kirche gewidmet. So wurde über die Verbindung von Glauben und queerer Identität diskutiert und über mögliche Reformen der Kirche gesprochen. Marika Gruber hatte sich bereits 2015 als lesbisch geoutet und dadurch ihre Zulassung als katholische Religionslehrerin verloren. Sie unterstützt #OutInChurch, sieht aber eher eine träge Kirche vor sich. Trotz kleinster Erfolge fühle sie sich von der Kirche immer noch nicht angenommen.

Es muss sich was ändern, sonst ist die Kirche am Ende! Das betrifft nicht nur queere Rechte, sondern auch die Rolle der Frauen in der Kirche.

Marika Gruber, ehem. kath. Religionslehrerin (Bild: Marika gruber, Privat)

Bei Sekt und Wein performten die Drag Queens Pinay Colada und Eve N More am späteren Abend dann noch ein paar spektakuläre Acts. Alles unter dem wachsamen Auge Max Joseph’s I., dem ersten König Bayerns, der von seinem Gemälde aus das bunte Treiben und Diskutieren beobachtete. Seit zwei Jahren war der Landtag wohl nicht mehr in so viele Regenbogenfarben getaucht.