Mahatma Gandhi

Große Seele, kleiner Geist?

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Heute vor 150 Jahren wurde Mohandas Karamchand Gandhi geboren. Besser kennen die meisten ihn aber unter einem anderen Namen: Mahatma Gandhi. „Mahatma“ bedeutet „große Seele“ – ein Ehrentitel in Indien. Das Land hat dem Freiheitskämpfer seine Unabhängigkeit zu verdanken, doch seine weiße Weste bekommt zunehmend Flecken.

Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“

Asket, Befreier, Märtyrer – Gandhi scheint der Inbegriff von Moral zu sein. Doch die Betonung liegt auf scheint. Einige Ansichten Gandhis sind heute mehr als fragwürdig. Fassungslos machen vor allem Gandhis abfällige Äußerungen, Frauen würden durch ihre Menstruation entstellt, weckten in Männern unkontrollierbare Triebe und seien nicht nur selbst Schuld an Vergewaltigungen, sondern danach nicht mal mehr als Menschen anzuerkennen. Auch Rassismus hätte man von einem Mann, der als einer der größten Gegner der Diskriminierung in die Geschichte einging, nicht erwartet. Aber Gandhi kämpfte nur für Inder – Schwarze sah er als minderwertig an.

Reich wird man erst durch Dinge, die man nicht begehrt.“

Nach einem ausschweifendem Leben als junger Mann gefiel sich Gandhi später immer mehr in der Rolle des spirituellen Meisters der Askese. Er gründete ein Aschram, in dem er Frauen zwang, nackt bei ihm im Bett zu schlafen, um seine Enthaltsamkeit unter Beweis zu stellen. Seine Anhänger finanzierten dieses Leben. Die Dichterin und Politikerin Saronjini Naidu schrieb: „Es kostet das Land ein Vermögen, Gandhi ein Leben in Armut zu ermöglichen“. Doch das Land liebt Gandhi.

Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“

Als Sohn von Kaufleuten gehört er im hinduistischen Kastensystem der Oberschicht an. Sein Vater möchte, dass er einmal Rechtsanwalt wird. Aber der junge Gandhi tut sich in der Schule schwer, nur mühsam schafft er die Zulassung für die Universität. Als Rechtsanwalt taugt er dennoch nichts. Gandhis Laufbahn als Widerstandskämpfer beginnt 1893 in Südafrika. Der noch unsichere junge Mann erfährt, wie 50.000 weitere hier lebende Inder, Rassismus und Diskriminierung. Dass er wegen seiner Hautfarbe als Mensch zweiter Klasse behandelt wird, empört Gandhi so sehr, dass er von nun an öffentlichkeitswirksam für die Rechte seines Volkes kämpfen wird. Das Leid der schwarzen Bevölkerung berührt ihn nicht. Viel mehr ist er entsetzt, mit ihr auf eine Stufe gestellt zu werden.

„Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg.“

1915 kehrt Gandhi in das von Großbritannien besetzte Indien zurück und trägt durch friedliche Proteste wie Befehlsverweigerungen, Streiks und Aufmärsche zur Unabhängigkeit Indiens 1947 bei. Tausende schließen sich ihm an. Doch das Land ist gespalten. Der Kampf um den „richtigen“ Glauben zwischen dem hinduistischen Indien und dem muslimischen Pakistan fordert über eine Million Opfer. Gandhi kann zwar durch einen Hungerstreik kurzzeitig Frieden erwirken, doch Nationalisten ist er von nun an ein Dorn im Auge. Am 30. Januar 1948 wird Mohandas Karamchand Gandhi von einem radikalen Hindu erschossen.