macht:wort

„Es ist schön, wenn sich die Grenzen auflösen“

/ / Bild: Gracia Gracioso

Unser IGTV-Format macht:wort erklärt Begriffe und deren Kontext, um den Wortschatz hin zu einer diskriminierungsfreien Sprache zu erweitern. In Folge 07 geht es um Geschlechtsausdruck im Drag & Co. Drag – wofür steht das eigentlich? Darüber klärt nicht nur das neueste macht:wort auf, sondern zwei, die es wissen müssen: die Dragqueens Audrey Naline und Gracia Gracioso.

Drag ist für mich, aus einem Rollenbild auszubrechen. Punkt. Es ist auch eine Art, mich künstlerisch auszudrücken und meine Identität anders zu performen.

Audrey Naline

LipSync mit zeitgenössischer Lyrik

Das Gesicht ist zierlich, die Augen ausdrucksstark. Während die Perücken wechseln, bleibt der Style ungefähr gleich: Audrey Naline ist die eklektische Künstlerin unter den Dragqueens, sie hat eine Vorliebe für Lyrik und keine Erinnerung an ihre Vergangenheit. Das ist natürlich einerseits schade, aber andererseits eröffnet es auch unbegrenzte Möglichkeiten. Zum Beispiel die Möglichkeit, sich jeden Tag aufs Neue zu erfinden. Wenn sie sich leer fühlt, füllt sie diese Leere mit Kunst und Kultur, oder sie befragt ihr Glücksrad. Es ist noch gar nicht so lange her, dass Audrey ihr Bühnendebut hatte. Im Januar 2020 zeigte sie sich erstmals dem Licht der Öffentlichkeit, gerade noch so vor dem ersten Lockdown. Seither präsentiert sie sich auf Youtube und Instagram, wo sie LipSync-Videos mit zeitgenössischer Lyrik veröffentlicht. Zu ihren Vorbildern zählt sie Georgette Dee, die auch an der Münchner Schauspielschule Otto Falckenberg unterrichtet.

Bild: Nude Art Sarah Berger

Gracia steht für feminin und lustig

Gracia Gracioso ist eine Dame von Welt. Dramatisch-feminines Augenmakeup und ein fantastisches Lächeln sind nur zwei Attribute der Miss Drag Rheinland-Pfalz. Drag ist ihre Passion, sagt sie, die bürgerlich Thilo heißt und Mittelschullehrer ist. Zum Drag gekommen ist sie „wie die Jungfrau zum Kinde“, als spontaner Gast auf einem Faschingsball. In Ermangelung eines Kostüms wurde der Kleiderschrank der Schwester geplündert. Was als Karnevalskostüm begann, wurde zum Hobby, wurde zum Beruf. Gigi („Gracia Gracioso“) arbeitet inzwischen saisonweise als Moderatorin auf verschiedenen Veranstaltungen im Raum Mainz.

Bild: Gracia Gracioso

Drag ist für jede:n da

Ich glaube, dass praktisch und theoretisch jede:r Drag machen kann.

Audrey Naline

Drag, sagen beide, ist pure Kunst und nicht unbedingt Ausdruck eines Lebensstils. Per Definition spricht man von einer Dragqueen, wenn ein Mann* durch äußere Verkleidung und mit zugespitzt stereotypem Verhalten eine Frau* darstellt. Im Gegensatz zur Travestie geht es nicht darum, real existierende Personen zu karikieren, sondern darum, eine Kunstgestalt mit einem Drag-Namen zu verkörpern. Prominente Beispiele sind Olivia Jones oder Conchita Wurst. Weil also Drag nichts mit der sexuellen Ausrichtung oder der biologischen wie sozialen Geschlechtsidentität einer Person zu tun hat, kann jede:r Drag machen.

Drag ist für mich eine Hommage an das, was man heteronormativ als weiblich bezeichnet.

Gracia Gracioso

Sensibilität mit den Begriffen

Begriffe, die ebenso oft mit Drag verwechselt werden, sind Cross-Dressing und Transgender. Cross-rDessing bezeichnet Menschen, die Kleidung des anderen Geschlechts* tragen. Das kann entweder aus Freude am Verkleiden passieren oder um eine sexuelle Erfahrung zu machen. Während trans*idente Menschen darauf achten, nicht als Person im Kostüm des anderen Geschlechts wahrgenommen zu werden, sondern viel Wert darauf legen, auch natürlicherweise als das gewählte Geschlecht* identifiziert zu werden, legen Dragqueens es genau darauf an. Demnach sind Trans*Personen in der Szene eher selten, aber vorhanden.

Bild: Gracia Gracioso

Ich erkenn mich ja teilweise selber nicht mehr wieder, wenn ich dann fertig geschminkt bin. Dann guck ich in den Spiegel und denk: Och, guck mal, ne Frau. Und dann stimmt das ja gar nicht und dann stimmt es ja wieder doch. Das ist sehr befreiend und entspannend.

Audrey Naline

Ohne, dass beide Queens ihre Kunst mit ihrem Geschlecht oder ihrer Identität in Verbindung bringen, sehen sie sich als Repräsentantinnen der queeren Szene. Es gehe darum, die Gesellschaft aufzuklären, ohne ihnen etwas aufzudrängen. Um Präsenz, um ein Recht darauf, da zu sein und in der Gesellschaft zu sein, und nicht an deren Rändern.

Also ich finde da darf man der Gesellschaft nicht wirklich einen Vorwurf machen. Aber man muss halt unterschwellig Leute nebenbei aufklären, ohne es ihnen dabei aufzudrängen.

Gracia Gracioso

Drag als Charakterperformance

Zuletzt fielen allerlei Gelegenheiten weg, sich im Drag zu präsentieren oder auch Geld damit zu verdienen. Wo sonst zu Beginn des Jahres Karnevalsumzüge, Faschingsbälle und Kabarett-Veranstaltungen gewesen wären, stehen jetzt umso mehr Instagram und TikTok auf dem Programm. Von Tutorials, wie man sich ein realistisches Dekolletee schminken kann, über Miss-Wahlen bis zu LipSync-Videos ist alles dabei.

Ich hab auch Glück durch Audrey und durch Drag. Es ist nicht so, dass es mir ein Selbstbewusstsein geben würde, wo vorher keins war, sondern das macht einem einfach diese Performance klar. Dass man immer wieder eine gewisse Haltung dazu entwickelt.

Audrey Naline
Bild: Audrey Naline

Im neuen Format macht:wort klären wir über sensible Sprache auf und schärfen Begriffe, die häufig miteinander gleichgesetzt werden. In der aktuellen Folge hat sich Sarah Fischbacher der Bedeutung von Geschlechtsausdruck in Drag, Travestie und Cross-Dressing angenommen und ein macht:wort für uns und euch gesprochen. Das Video dazu findet ihr hier.

Wenn ihr Audrey Naline näher kennenlernen wollt, geht es hier zu ihrem Instagram-Account.

Für mehr Infos über Gracia Gracioso gelangt ihr hier auf ihre Website.