Nachruf auf Florian Schneider-Esleben

Der introvertierte Extrovertierte

/ / Bild: shutterstock

“Ton-Architekt”, “Mensch-Maschine”, “Soundfetischist” – Florian Schneider-Esleben erlangte mit Kraftwerk als eine der wenigen deutschen Bands Weltruhm. Am 30. April 2020 erlag der Pionier der elektrischen Musik nun im Alter von 73 Jahren einer Krebserkrankung. Ein Nachruf.

„Wir sprachen dieselbe Sprache. Wir waren Einzelgänger, Eigenbrötler. Herr Kling und Herr Klang. Zwei Einzelgänger ergeben einen Doppelgänger”, sagte einst Ralf Hütter über seinen Partner Florian Schneider-Esleben. Die beiden schrieben gemeinsam Geschichte mit ihrer außergewöhnlichen und revolutionären Roboter-Musik. 1970 schlossen sich die Musikstudenten Hütter und Schneider zusammen und starteten das “Multi-Media-Projekt Kraftwerk”. Schneider gehörte damit zu den ersten, die klassische Instrumente wie Gitarre oder Schlagzeug fast vollständig durch elektronische Soundeffekte und Rhythmusmaschinen ersetzten. Experimentell, avantgardistisch – und ein bahnbrechender Erfolg.

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Kraftwerk – Das Modell

Zweckentfremdung von Militärtechnik

Kraftwerk ist keine Band. Es ist ein Konzept, das wir ‘Mensch-Maschine’ nennen.

Florian Schneider, 1975

Geräte, die eigentlich aus der militärischen Codierungstechnologie stammten – um Stimmen zu verzerren und dadurch Nachrichten zu verschlüsseln – verwendeten Kraftwerk dafür, ihre Stimmen roboterhaft und schnarrend klingen zu lassen. Besonders Schneiders Technik-Affinität spiegelte sich hier weider: Mit viel Geld entwickelte er zusammen mit der Band die Musik-Software “RoboVox”, die ihre eigenen Stimmen digital synthetisieren konnte. Damit war der Grundstein seiner musikalischen Philosophie gelegt: „Kraftwerk ist keine Band“, sagte Florian Schneider 1975, „es ist ein Konzept, das wir ‘Menschmaschine’ nennen“. 

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Florian Schneider – Electronic Poem

Schneider wurde 1947 in Düsseldorf geboren als Sohn des Stararchitekten Paul Schneider-Esleben und seiner Frau Evamaria. Bevor er sich der elektronischen Musik zuwandte, beschäftigte sich Schneider ein ganzes Jahrzehnt lang mit der Klassik und erlernte viele Instrumente. In Köln studierte er Musikwissenschaft und neben seinem Studium der Querflöte an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf spielte er Geige, Gitarre und Klavier. Die Querflöte fand noch ihr Plätzchen im ersten und bekanntesten Album “Autobahn”, bevor die Band später nur noch elektronische Beats verwendete. Mit “Autobahn” schafften Kraftwerk 1974 auch ihren Durchbruch. Die Single wurde zudem der erste Exportschlager des deutschen Pops in den USA.  

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Kraftwerk – Autobahn

Extrovertierte Musik – introvertiert vor den Kameras

Ralf Hütter war der intellektuelle Mensch – Florian Schneider eher der wilde, erratische Typ.

Karl Bartos

Abseits der Bühne nahm Schneider in dem Duo zumeist eher die passive Rolle ein, überließ seinem Kollegen Ralf Hütter das Wort und gab Zeit seines Lebens kaum Interviews. Und wenn, dann blieb er ziemlich wortkarg. Auf die Frage “Which songs are you going to play?” vor einem Auftritt in Rio de Janeiro lautete Schneiders Antwort: “All.” Von einem introvertierten Menschen will Bandkollege Karl Bartos, der später dazu stieß, dennoch nicht sprechen: “Ralf Hütter war der intellektuelle Mensch – Florian Schneider eher der wilde, erratische Typ”, so Bartos. 

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Interview Florian Schneider – Rio de Janeiro

Völlig entgegengesetzt zum üblichen Personen- und Starkult setzten Kraftwerk auf ein Konzept der völligen Entpersonalisierung. Als Pioniere der elektronischen Musik brachten sie ihren Klang bald auch auf die Bühne – 1975 gaben sie ihre erste Show. „Das Quartett bewegt kaum die Hände“, schrieb damals ein Kritiker, „und zeigt nicht die geringsten Emotionen. Um zu einem synthetischen Produkt zu gelangen, haben Kraftwerk ihre Mitspieler zu Robotern entmenschlicht.“ 

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Kraftwerk – Roboter

Weltweiter Einfluss

Die Beatles der elektronischen Tanzmusik

New York Times

Als Vorreiter dieses neuen Musikstils wirkte Schneider-Esleben, mit Kraftwerks berühmtesten Singles “Autobahn” (1974), “The Model” (1978) und “Die Roboter” (1978) auf viele Musiker der internationalen Szene ein. David Bowie, Dr. DreColdplay, Jay-Z und Rammstein – sie alle ließen sich inspirieren und in ihren Songs finden sich versteckte Hommagen. “Ihre Musik bestand aus einer Reihe kontrollierter, roboterartiger, extrem überlegter Kompositionen – fast schon eine Parodie des Minimalismus“, schwärmte David Bowie und die New York Times pries die Band sogar als die “Beatles der elektronischen Tanzmusik”. 

2009 beendete Florian Schneider-Esleben seine Karriere nach fast 40 Jahren und trat 2009 endgültig aus dem “Kraftwerk” aus. Als Wegbereiter der elektronischen Musik erhielt Florian Schneider-Esleben 2014 für sein Lebenswerk sogar den Grammy. Nicht klar ist, ob er nach seinem Austritt weiter den Weg der Musik verfolgte. Am 30. April verstarb Schneider im Alter von 73 Jahren laut Angabe von Ralf Hütter nach kurzer Krebserkrankung. Er ist nun auf der Autobahn ins Jenseits.