SPIELART

Da gab’s was zu gucken!

/ / Foto: © Judith Buss

Zwei Wochen lang haben wir das bunte und vielfältige Programm des diesjährigen SPIELART Festivals begleitet. Wir haben Tanz, Theater und Performances gesehen; wir haben gelacht, geweint, uns gegruselt, uns gefreut und wurden zum Denken angeregt. Hier sind unsere Highlights des Festivals.

No President: Nature Theater of Oklahoma (New York)

We just wanted to reinvent for ourselves the artform that we were not happy with, try to make as radical work of theater as we could possibly do.” Pavol Liska

Mit dem satirischen Theater-Ballett “No President”, sorgte das SPIELART dieses Jahr für einen kuriosen, lauten und bunten Auftakt. Ein Theater über das Theater, über die Herausforderungen und Schwierigkeiten, denen sich Künstler entgegenstellen müssen, um ihrem Ziel, der Bühne, näher zu kommen. Macht, Gier und Liebe im Zentrum dieses Kampfes. “No President” ist ein Stück, das sich in keine feste Theaterform oder Norm eingliedern lässt. Pavol Liska, Kelly Copper und ihr Nature Theater of Oklahoma ist bekannt dafür, Genres und kulturelle Codes von innen heraus aufzubrechen und zu ihren eigenen Bedingungen umzustrukturieren. So mutierte die Bühne am Eröffnungswochenende zu einem bunten Feuerwerk an Reizüberflutung, optisch sowie akustisch. Ein modernes Stück, dass den Zuschauer aus seiner Komfortzone reißt und über zweieinhalb Stunden mit satirischen Tanzchoreographien, bunten Kostümen, kuriosen plot twists und anderen Verrücktheiten unterhält und ein außergewöhnliches Theatererlebnis schafft. as

© Heinrich Brinkmöller-Becker

Kanal Kirchner: Hygiene Heute (Berlin)

Der Walkman, den man in die Hand gedrückt bekommt, wirkt aus heutiger Sicht seltsam altertümlich. In ihm ist eine Kassette eingelegt, auf der „Für Simone“ steht. Nachdem man auf Play gedrückt hat, wird man von einer männlichen Stimme durch die Stadt geleitet. An Kanälen entlang, durch Innenhöfe, Kapellen, den Gasteig und durch unterirdische Gänge einer Tiefgarage. Durch den Kopfhörer erzählt einem die Figur Bruno Kirchner von einem riesigen Überwachungsapparat, der die ganze Stadt durchzieht. Eine Verschwörung ist im Gange, der er auf die Schliche gekommen ist und dem Zuhörer nun mitteilt. Jeder Briefkasten, jeder Automat und jede Antenne wird durch die Erzählung plötzlich zu Sicherheitskameras. Alltagsgegenstände wie Fahrkartenentwerter werden zu Rückenmarksensor-Lesegeräten. Mitmenschen beäugt man auf einmal misstrauisch, denn die Stimme im Ohr sagt: traue niemandem! Mit einer sich immer mehr steigernden Geschwindigkeit jagt einen Kirchner durch München – denn sie sind hinter einem her! – bis man am Ende völlig durchgeschwitzt wieder am Ausgangspunkt ankommt und die Stadt mit ganz anderen Augen wahrgenommen hat. Ein Audiowalk der besonderen Art! jrl

Mit dem Walkman durch die Stadt Foto: Janina Rohleder/M94.5

CULTURAL EXCHANGE RATE : Tania El Khoury (Beirut)

Tania El Khourys immersives Theaterstück “Cultural Exchange Rate” führt einen auf die Spurensuche von El Khourys Familiengeschichte. Mit einem Schlüsselbund ausgestattet öffnet man Schließfächer, steckt seinen Kopf hinein und taucht in die Welt des Libanon ein. Es riecht und klingt anders. Man erfährt von der Großmutter, dem Vater und der kuriosen Emigration der Familie nach Mexiko.„Cultural Exchange Rate“ erzählt nicht, sondern macht erfahrbar, was Migration und Kulturelle Diversität für Menschen aus dem Nahen Osten wirklich bedeutet. Äußerst erfahrenswert! sf

© Ziad Abu-Rish

All inclusive: Julian Hetzel | CAMPO (Wolfach | Utrecht | Gent)

Der Zuschauer schaut in den weißen Ausstellungsraum eines Museums. Eine quirlige Frau mit pinken Pumps führt eine Besucher*innengruppe durch die Ausstellung „Escape“. Thema: Krieg und Gewalt. Verschiedene Exponate gibt es dort zu sehen, die immer dem gleichen Schema folgen: aus einem Akt der Gewalt wird wieder Kunst produziert. So, zum Beispiel, eine aus syrischen Kriegstrümmern nachgebaute Bombe. In einem Raum stehen Porzellanhunde, die von den Besucher*innen, die selbst aus Syrien geflohen sind, zertrümmert werden sollen, weil das vom Künstler so beabsichtigt ist. Um kein Wort verlegen erklärt und erzählt die Kunstvermittlerin (toll gespielt von Kristien de Proost), was alles (aus westlicher Sicht) in die Kunstwerke hineinzulesen ist. Das wirkt angesichts des persönlichen Hintergrunds der Zuhörenden absolut unangemessen und zeigt eine gewisse Absurdität des Kunstbetriebs auf. Am Ende werden die Zuschauer*innen in den Museumsshop der Ausstellung geführt und können die gerade gezeigten Exponate, T-Shirts, Postkarten oder die Porzellanhunde kaufen. Zynisch übt Julian Hetzels Performance auch hier Kritik an einem Kunstmarkt, in dem Gewalt und Krieg ästhetisiert werden, um einen finanziellen Nutzen daraus zu ziehen. Fazit: Klug, bitterböse und sehenswert. jrl

Die Museumsführerin erklärt ihren Besucher*innen eine Skulptur © Helena Verheye

The Ecstatic: Jeremy Nedd | Impilo Mapantsula (New York | Basel | Johannesburg)

„Ohh wie krass war das denn?!“, „Wie kann man so ausdauernd sein und so ein Taktgespür haben?!“ — Das waren in etwa die unmittelbaren Reaktionen nach dem Verlassen der Kammer 2. „The Ecstatic“ ist eine Tanzperformance von wahrhafter Extase, wie es der Titel schon vermuten lässt. Über eine Stunde springen Jeremy Neid und seine Crew „Impilo Mapantsula“ in wilden, schnellen und virtuosen Schrittabfolgen über die beinahe leere Bühne. Die Art des Tanzes nennt sich Pantsula und ist während der Apartheits-Zeit in Südafrikanischen Townships entstanden. Als ob diese energiegeladene Show und das Gefühl, selbst nicht mehr in den Reihen sitzen, sondern mit ausrasten zu wollen nicht genug wäre, kombiniert Nedd das Spektakel mit einer zweiten Tanztradition – dem Preise Break. Heißt genauer: Elemente aus dem Gottesdienst. In diesem Fall wirkt das so: Die 6-köpfige Gruppe dreht sich weg vom Publikum und reckt die Hände in die Höhe, langsam absenkend. Nur ein gigantischer, neongrün gefärbter Vorhang schwingt sich zwischen den ähnlich lässig im Street-Style gekleideten Tänzern hindurch. Mal knallt laute Musik durch die Lautsprecher, mal tanzen die Künstler „acapella“ dichte, „handgemachte“ Beats, die aus einer Art Stepptanz und Off-beat Klatschen entsteht. Dann plötzlich „Cause I love you“ von Lenny Williams – erst vorwärts, dann rückwärts. Die Zeit scheint still zu stehen – die Nerven im Publikum überschlagen sich, während die Beine wackeln und ungeduldig auf den nächsten treibenden Beat warten. Es ist herrlich! Und meine Spotify Playlist ist um einen Song reicher. sr

The Ecstatic | Jeremy Nedd | Impilo Mapantsula © Philip Frowein 1
The Ecstatic | Jeremy Nedd | Impilo Mapantsula © Philip Frowein

Museum of Lungs: Stacy Hardy | Nancy Mounir | Neo Muyanga | Laila Soliman (Polokwane | Alexandria | Soweto / Kapstadt | Kairo)

Eine Bühne, eine Darstellerin, zwei Musiker, eine Puppe. Mehr braucht
Stacy Hardy nicht. Die Musiker spielen ihre Instrumente kratzend, singen
murmelnd und untermalen die erzählte Geschichte einzigartig. Die
Puppe wird auf der Bühne zusammengebaut und von Stacy Hardy
genutzt, um sich selber und ihren Körper darzustellen und von außen betrachten zu können.Das Thema von Museum of Lungs ist die Krankheit Tuberkulose. Kein einfaches Thema und dennoch überzeugt Darstellerin Stacy Hardy mit dramatischen, humorvollen und auch dokumentarischen Elementen. Nur 50 Minuten Dauer tuen dem Stück gut, denn so ist Museum of Lungs zu Ende ohne zu übertreiben und bleibt dennoch im Gedächtnis des Publikums. jr
(zum ausführlichen Artikel –> https://www.m945.de/museum-of-lungs/)

Museum of Lungs Foto: Jan Rothe
Museum of Lungs Foto: Jan Rothe