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Corona-News in Gebärdensprache

/ / Quelle: Julia Probst

Eigentlich sind Gleichberechtigung und Gleichstellung Bestandteil des Grundgesetzes: Bei der Informationsbeschaffung sind Gehörlose dennoch stark benachteiligt – gerade wenn es um den neuesten Stand der Coronavirus-Entwicklungen geht. Drei Frauen richten sich mit einer Petition direkt an Gesundheitsminister Jens Spahn.

Die Suche nach Antworten

Kein Klopapier mehr, kein Mehl, nur noch Vollkornnudeln und immer weniger los auf den Straßen. Man darf sich zur Begrüßung nicht mehr die Hand geben. Soweit bekommt jeder die Katastrophensituation in Deutschland mit. Aber warum darf ich keinem mehr die Hand schütteln, geschweige denn umarmen? Wie viel Abstand soll ich zu anderen Menschen halten? Wie kann ich mich und andere Menschen schützen? Darf ich noch vor meine Haustür? In den Supermarkt? Freunde treffen? Das sind wichtige Fragen, auf die nicht jeder eine Antwort finden kann.

Etwa 83 000 Personen in Deutschland sind betroffen. Es geht um gehörlose Menschen, die von der auditiven Berichterstattung in TV und Radio nicht profitieren können. Und sie stehen ganz genauso vor leer gekauften Supermarktregalen, bekommen langsam Panik oder werden von Unsicherheit geplagt. In Deutschland gibt es allerdings – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern – keinen Dolmetscher, der die notwendigen Infos in Gebärdensprache übersetzt.

Informationsquellen für Gehörlose

Die einzig sichere Informationsquelle für viele Betroffene ist damit die Hotline des Gehörlosenverbands, die über den Telekommunikationsservice TEKOS per Skype-Video, Fax, WhatsApp oder SMS Auskunft und Hilfe geben kann. Beim Gehörlosenverband München klingelt das Telefon durchgehend – die Nachfrage ist riesig. „Für Gehörlose ist das geschriebene Wort wie eine Fremdsprache, daher ist es für viele schwierig, sich im Internet zu informieren. Die deutsche Grammatik hat ganz andere Regeln und Syntax. Um alles zu verstehen muss ein gehörloser Mensch sehr gebildet sein. Bei einem Pressetext in Amtsdeutsch ist das noch schwieriger“, erklärt Helen Wollstein, die Büroleitung der Geschäftsführung im Gehörlosenverband München.

Live – Infos in Gebärdensprache

In Echtzeit, „also im exakt gleichen Augenblick wie das hörende Umfeld barrierefreien Zugang zu Informationen“, fordert Julia Probst. Sie ist selbst gehörlos und hat zusammen mit zwei weiteren Frauen eine Petition gestartet: „Lieber Jens Spahn: Corona-Infos auch in Gebärdensprache für Gehörlose!“ Das sei enorm wichtig, um genauso gut informiert zu sein und auch das hörende Umfeld in gleicher Weise schützen zu können. Als Informationsquelle mit Aufklärungsvideos standen neben dem Gehörlosenverband bisher nur Selbsthilfeverbände zur Verfügung – und das sei nicht ihre Aufgabe. „Dabei kommt die Regierung ihrer Verpflichtung nicht nach!“, so Julia Probst. Gleichberechtigung und Gleichheitsrecht sind in Deutschland im Grundgesetz Artikel 3 verankert. Das wollen die drei Frauen mit ihrer Petition geltend machen: „Wir fordern unverzüglich ein Budget für sofortige Herstellung der Barrierefreiheit für Gehörlose/gebärdensprachkompetente Menschen in Krisen- und Katastrophensituationen.“

Die akute Unterversorgung Gehörloser werde laut Julia Probst von Fernsehsendern oft mit dem Gegenargument abgespeist, andere Leute würden durch Gebärdensprache gestört. Neu ist ab diesem Mittwoch 17 Uhr ein Programm des WDR Cosmo: Corona-News in Gebärdensprache. Julia Probst hat davon mitbekommen und begrüßt, dass die Programmchefin auch an gehörlose Zuschauer denke: „Es ist ein nettes Zusatzangebot der Öffentlich-Rechtlichen. Aber es entbindet die Bundesregierung nicht von ihrer Pflicht, Echtzeitangebote in Gebärdensprache live anzubieten.“

Für die Petition wollen sie 50.000 Unterstützer finden – knapp die Hälfte sind es schon. Wer die Aktion unterstützen und die genauen Forderungen nachlesen möchte, kann das hier.