M94.5 Albenreview

Clairo – Sling

/ / Bild: FADER/Republic Records

Nach dem weltweiten Erfolg ihres Debüts Immunity veröffentlicht Clairo jetzt ihr zweites Album. In den zwölf Liedern singt sie von nicht getroffenen Erwartungen, dem Auf und Ab ihrer mentalen Gesundheit und immer wieder ihrem Hund Joanie. Das Album selbst tut sich dabei schwer, den Erwartungen gerecht zu werden.

Bambi – sanft und leise

Der Opener des Albums gibt nicht nur mit seinem sehr passenden Namen den Ton für das ganze Album an. Sanfte, vom Klavier getragene Töne werden langsam von Claire Cottrills Stimme durchbrochen. Sie heißen die Hörer:innen in Clairos leiser, zurückhaltender Welt willkommen und bereiten auf die melancholischen Lieder auf Sling vor. Langsame, oft simple Melodien mischen sich mit Clairos bekannter, viel gepriesener Stimme und ihren cleveren Lyrics, die oft mit ihrer Ehrlichkeit überrumpeln.

Das ganze Projekt wurde in Upstate New York in den abgelegenen Allaire Studios aufgenommen. Schon David Bowie, Norah Jones und die Gipsy Kings haben die ruhige Natur als Inspiration genutzt. Hier haben Clairo und Jack Antonoff einen ganzen Monat zusammen verbracht, um aus Clairos Geschichten und dem akustischen Oberton mit vereinzelten dramatischen Orchesterteilen ein komplexes Sophmore-Album zu basteln.

Clairo im Allaire Studio, Bild: Adrian Nieto für Rolling Stone

Den Track „Bambi“ widmet Clairo ihrer unschuldigen, etwas blauäugigen Sicht auf die Musikindustrie, die sie vor ihrem ersten Album hatte. Während der Sound noch immer von dieser zurückhaltenden Musikerin zu kommen scheint, zeigen die Lyrics, dass sie selbstbewusster und erwachsener geworden ist.

Joanie – aus Liebe lernen

Auf Immunity blickt Clairo viel auf ihre Kindheit und Jugend zurück; Das Album beschäftigt sich mit den schlimmsten Momenten ihres Lebens. In den zwei Jahren nach der Debüt-Veröffentlichung hat Clairo jemand neuen in ihrem Leben, der ihren Blick auf die Welt und sich selbst dramatisch verändert hat: Ihren Hund Joanie. Sich um ein Tier zu kümmern hat ihr gezeigt, dass sie auch selbst mehr Zuwendung braucht und beeinflusst damit das ganze Album mit dem unbeschwerten Ton einer gut aufgehobenen Hündin.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Blouse, die erste Single des Albums

Die Lyrics des ganzen Projekts, wenn auch immer noch häufig traurig und thematisch schwer, haben einen hoffnungsvolleren Unterton, der in den Kompositionen gespiegelt wird. Diese wurden primär von Antonoff und Clairo selbst zusammengesetzt. Es gibt aber auch kleine Überraschungsauftritte. So ist auf der Single „Blouse“ Lorde zu hören, deren eigenes Album musikalisch sich sehr an den Stil von Clairo anlehnt.

Clairo erzählt in ihrem Rolling Stones Interview, dass ihr Hund ihr wieder eine Bestimmung, einen Grund fürs Weitermachen gegeben hat. Neben dem Lied, das ihren Namen trägt, zieht sich diese Hoffnung und Zuversicht auf die Zukunft durch das ganze Album. Und laut eigener Aussage jetzt auch durch ihr eigenes Leben. Dadurch hat sich Joanie ihren Platz auf dem Albumcover verdient.

Clairo mit ihrem Hund Joanie, Bild: Peter Ash Lee für Rolling Stone

Little Changes – zu viel Erwartung

Von der Energie des vorletzten Tracks, „Little Changes“ hätte es auf diesem Album allerdings mehr sein können. Leider fällt Sling im Vergleich zu Clairos Debüt zu kurz aus. Die poppig-grungige Mischung, die auf Immunity so überzeugend war und mit ehrlichen Lyrics und zutiefst betreffenden Geschichten so viele Leuten erreicht hat, ist hier kaum mehr zu finden.

Auf Sling geht Clairos Stimme oft in der Instrumentierung unter. Die akkustischen Balladen, die den Großteil der LP füllen, fließen ineinader und verschlucken die Originalität und Experimentierfreudigkeit, die man bisher von Clairo kannte. Die treibenden Beats und die klaren Vocals des ersten Albums hätten Sling sehr gut getan und hätten in der Mischung mit den langsamen Songs des zweiten Projekts zu einem interessanteren Gesamtkonzept führen können.

Clairo 2019, Erika Astrid für PAPER Magazine

Just For Today – Lohnt sich!

Während Sling wahrscheinlich kein Teil der Für-Immer Rotationen vieler Musik-Fans wird, lohnt es sich auf alle Fälle mal, in das Projekt rein zuhören. Das Album als Ganzes ist ein fließendes Hörerlebnis und entfaltet sich am besten, wenn alle Songs am Stück ineinander überlaufen dürfen. Ob man dem Projekt eine Stunde ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt oder es einfach als Gedudel nebenbei dient, liegt ganz im Ohre der Zuhörenden.

Sling ist am 16. Juli über FADER/Republic Records erschienen.