M94.5 Filmkritik

All My Loving

/ / © Pandora Film

Der Regisseur Edward Berger erzählt in seinem neusten Film in drei eigenständigen Geschichten aus den Leben von drei Geschwistern. All My Loving ist der Versuch auf subtile Weise das Porträt einer Generation in der Midlife Crisis zu zeichnen, die ohne jeden Bezugspunkt alleine in einer einsamen Welt steht.

Nacheinander lernen wir jeweils einen der drei Geschwister kennen. Der erste Bruder ist eigentlich Pilot, kann aber aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr fliegen, weswegen er die Pilotenuniform nur noch anziehen kann, um an der Hotelbar Frauen aufzureißen. Die Schwester macht mit ihren Mann Urlaub in Italien, wo sie über einen angefahrenen Streuner stolpern, um den sie sich empathisch kümmern. Und in der Geschichte des zweiten Bruders kämpft dieser mit den starrköpfigen Eltern, und einer Diplomarbeit im Fach Philosophie, die einfach nicht fertig wird.

Close-Up und Stillstand

Der Film wird sowohl von den Machern als auch von den Kritikern häufig als „leise“ beschrieben und das ist richtig. Nicht nur auf der reinen Klangebene, wo der Film sehr sparsam mit der Musik ist (die jedoch fantastisch zum Film passt und von der sehr guten Band The Notwist geschrieben wurde), sondern auch auf einer narrativen Ebene: Große Brüche in den Charakteren werden nicht mit lauten, ausufernden Bewegungen, sondern ganz ruhig dargestellt. Es scheint so, als würde der Film genau an den kritischsten Momenten zum Stillstand herunter entschleunigt.

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Trailer von „All my loving“

An genau diesen Stellen sieht man welches Vertrauen der Regisseur in seine Darsteller haben muss. Denn immer und immer wieder sind die entscheidenden Szenen, von denen ein Großteil des Verständnisses der Charaktere abhängt, vollkommen auf der schauspielerischen Leistung von Lars Eidinger, Hans Löw und vor allem auch Nele Mueller-Stöfen aufgebaut.

In einer Szene beispielsweise wird der fluguntaugliche Pilot und Aufreißer, gespielt von Lars Eidinger, von einer Frau, mit der er rumgemacht hatte, direkt vor ihrem Hotelzimmer abgewiesen und einfach im Flur stehen gelassen. Wie sooft im Film wird dieser entscheidende Moment mit einem Close-Up auf Lars Eidinger gelöst, der wortlos mit subtiler Mimik und Körpersprache, wie einem erschöpften Blick und plötzlich hängenden Schultern, genau die Emotionen transportieren kann, die den Charakter ausmachen: Einsamkeit, Nutzlosigkeit etc.

Die Summe seiner Teile

Jeder der drei Hauptdarsteller hat mindestens einer dieser Momente, an der sie ihr schauspielerisches Talent zeigen und die jeweilige Geschichte ihres Charakters ausbauen können. Doch damit kommt man zum größten Manko des Films: Die starre, in drei gleiche Teile gedrittelte Erzählform.

Die drei in sich autonomen Geschichten, die nur Andeutungen und Kleinigkeiten miteinander teilen, wirken zwar jede für sich gut strukturiert und durchdacht, aber im Hinblick über den ganzen Film kann sich keine wirkliche Dynamik entwickeln, die den Film als Ganzes trägt, weil mit jeder Geschichte neu angesetzt wird. Die Geschichten scheinen auch außer der breiteren Thematik, nichts gemein zu haben und werden auch nur am Anfang und am Ende jeweils mit einer Familienszene zusammengezurrt, wobei eben die Schlussszene die Grenze zum Kitsch gekonnt überschreitet.

Zwischen Mitleid und Leid

All My Loving ist ein sehr sensibler Film, der viel Mitgefühl von seinen Zuschauern verlangt, und die Schauspieler tun ihr Bestes um dem Publikum diese Empathie abzuringen. Aber am Ende bleibt nach dem Film vor allem Mitleid zu den Figuren als Personen. Vielleicht hat man sich selbst oder einen Bekannten an der einen oder anderen Stelle wieder erkannt, aber einen starken Eindruck oder eine starke Aussage macht der Film nicht.

„All My Loving“ startet am 23. Mai in den deutschen Kinos.