"Pioniere in Ingolstadt" im Volkstheater

Schiefe Geometrien und ein abgezirkelter Rahmen

/ / Bilder: (c) Marcella Ruiz Cruz

Ist die Schieflage unausweichlich, wenn der soziale Druck einen Menschen mit allen Mitteln dorthin drängt? Dieser Frage geht Marieluise Fleißer in ihrem Stück Pioniere in Ingolstadt aus dem Jahr 1928 nach. Die Autorin setzt ihre Komödie in ihrer Heimatstadt im Jahr 1926 an – 100 Jahre später hat Regisseurin Lucia Bihler den Stoff nach München auf die Bühne des Volkstheaters geholt.

Ingolstadt, 1926: Ein Trupp Pioniere – unterste Gattung in der Armee – kommt mit dem Auftrag ans Donauufer, eine Brücke zu errichten. Die Männer müssen hart schuften und werden von ihrem Feldwebel immer wieder erniedrigt. “Ausgleich” suchen sie bei den jungen Frauen der Stadt, bei denen sie seit Ankunft Gesprächsthema Nummer 1 sind. Alma gibt sich selbstbewusst und weiß, wie man auf die Pioniere zugeht. Ihre Freundin Bertha ist zurückhaltender sich zunächst nicht sicher, was sie mit den Soldaten anfangen soll. Doch bald sucht sie nach echter Verbindung und scheint ihr Glück im Soldaten Karl gefunden zu haben. Der will sie jedoch nicht an sich heranlassen und erklärt:

“Wer mich liebt, muss leiden.”

Doch Bertha will sich mit einem raschen Stelldichein nicht zufriedengeben…

Die Pioniere ziehen von Stadt zu Stadt, Frauen sind für sie überall gleich und austauschbar. Marieluise Fleißer zeigt schonungslos Gesellschaftsstrukturen auf, in denen kein “Nein” akzeptiert wird und Frauen dazu gedrängt werden, ihre inneren Grenzen zu überschreiten. Die Schieflage ist vorprogrammiert – niemand kann da aus. Damit ist der Stoff auch heute leider hochaktuell.

Lucia Bihler hat in ihrer Inszenierung am Volkstheater genau diese Schieflage ins Zentrum gestellt. Die ansonsten gähnend leere Bühne wird von einer großen, viereckigen, leicht angeschrägten Plattform dominiert. Die Figuren im Stück suchen unablässig darauf Halt, was ihre emotionale Suche nach Geborgenheit bildlich unterstreicht. Überhaupt spielen strenge geometrische Formen eine große Rolle: Die Kostüme (Laura Kirst) stehen in Spitzen und Zacken von den Körpern der Schauspieler:innen ab und auch ihre Bewegungen scheinen fast immer wie abgezirkelt. Typische Militär-Bewegungen wie Marschschritt, Strammstehen und Salutieren werden in enorm rhythmische Choreografien übersetzt und mit live gespielten Trommelmärschen angereichert.

Alles wirkt streng, reglementiert, eingeübt. Bihlers Inszenierung zeigt deutlich, dass niemand dem strikten gesellschaftlichen Regelwerk entkommen kann. Und so überrascht es nicht, dass der gesamte Abend ohne nennenswerte Brüche verläuft. Alles stagniert und wird immer und immer weiter durch die Mangel gedreht. Schon bald ist klar: Nach dem Abzug der Pioniere wird sich alles genauso wiederholen – nur eben irgendwo anders als in Ingolstadt. Dennoch gelingt es Bihler, dass man aus dem Stück nicht mit dem Gefühl herausgeht, alles sei verloren und es ließe sich nichts daran ändern. Durch Berthas und Almas oft überraschend selbstbewusstes Auftreten bleibt gerade genug Platz für Hoffnungsschimmer, ohne dass die Inszenierung Gefahr läuft, kitschig zu sein.

Mit klaren Figuren und einer ununterbrochenen Handlung ist Pioniere in Ingolstadt im Volkstheater ein Abend, der auf die traditionellen Mittel des Theaters vertraut. Trotz der handwerklich augezeichneten Inszenierung zieht sich die Aufführung in der Mitte ein wenig. Es ist keine Inszenierung für die, die das Wilde oder Unvorhersehbare am Theater lieben. Gerade im radikalen Einhalten der Regeln, Normen und Konventionen findet Lucia Bihler jedoch eine treffende Form, für den Appell des Stücks. Und der ist deutlich: Seht, was ist und gebt euch – wie Bertha – damit nicht zufrieden.