Kommentar
“Whitewashing Heights” – Warum akkurates Casting auch für die Handlung wichtig ist
Die Praxis des “Whitewashing” beim Casting von Filmen ist nicht nur eine von vielen Entscheidungen im Kreativprozess – sie wirkt sich nachhaltig auf die Handlung aus. Auch das Casting von Jacob Elordi als Heathcliff in “Wuthering Heights” ist keine Ausnahme.
Ein Kommentar von Megan Kreileder-Willis.
Als im November 2025 der erste Trailer für Emerald Fennells Film “Wuthering Heights” erschien, bebten die Kommentarspalten der Social-Media-Plattformen. Neben den definitiv nicht historisch akkuraten Kostümen und dem Popsong von Charli XCX auf dem Soundtrack fand auch das Casting von Heathcliff seine Kritiker:innen. Dafür gibt es gute Gründe: Heathcliff wird im Buch von Emily Brontë als “dark-skinned gypsy” beschrieben – also als Roma mit dunkler Haut.
In dieser Version wird der ruchlose, oft grausame Protagonist von Jacob Elordi gespielt – einem weißen Schauspieler. Nicht der erste Fall von sogenanntem “Whitewashing” in großen Hollywood-Adaptionen. Eine Tendenz, die zeigt, wie leichtfertig mit dem Thema umgegangen wird.
WHAT’S WHITEWASHING?
“Whitewashing” bezeichnet die Casting-Praxis, in der nicht-weiße Rollen mit weißen Schauspieler:innen besetzt werden. Die Liste der prominenten Beispiele ist lang: so wurde zum Beispiel Scarlett Johansson für ihre Rolle in “Ghost in the Shell” kritisiert. Johansson spielt darin einen Cyborg mit dem Namen Major Motoko Kusanagi. Diese Rolle hätte laut Kritiker*innen einer japanischen Schauspielerin zugestanden. “Whitewashing” ist nicht nur in Hollywoodfilmen verbreitet: auch Pierre Brice, der in den “Winnetou”- Filmen einen indigenen Apachen-Häuptling verkörpert, war eigentlich Franzose. Skeptiker: innen berufen sich in solchen Fällen gerne auf kreative Freiheit in der Kunst oder argumentieren, letztlich sei es doch egal, welche Hautfarbe die Schauspieler:innen hätten – Hauptsache, sie würden die Rolle gut verkörpern.
Genau das ist aber durch Whitewashing nicht möglich. Die systemische Diskriminierung und Ausgrenzung, die Minderheiten wie zum Beispiel Menschen der Roma-Community erfahren, können weiße Schauspieler:innen nicht nachvollziehen, da sie diese spezifische Erfahrung nie machen mussten.
Die Kritik an Whitewashing entspringt meist dem Wunsch, eigene Geschichten auch selbst erzählen zu dürfen. So verhielt es sich mit dem Casting von Eddie Redmayne im Film “The Danish Girl” von 2015. Redmayne spielt darin Lili Elbe, eine der ersten Transpersonen weltweit, die eine geschlechtsangleichende Operation erhielt. Mit dem Casting wurde einer echten Transperson die Möglichkeit genommen, ihre Erfahrungen zu teilen.
IT’S A (WHITE) MAN’S WORLD
Whitewashing trägt auch zur strukturellen Ungleichheit in der Filmindustrie bei, da nicht-weiße Menschen in Mainstream-Filmen stark unterrepräsentiert sind. Das befand eine Studie aus dem Jahr 2020 des Center for the Study of Women in Television and Film der San Diego State University. In den umsatzstärksten Filmen des Jahres 2019 spielten 70 Prozent der männlichen Hauptrollen weiße Personen, nur 18 Prozent wurde mit Black People of Color besetzt. Bei den Frauen waren es sogar nur 15 Prozent. Wenn nun nicht-weiße Schauspieler:innen auch noch bei Rollen, die im Originalmedium auch nicht weiß sind, übergangen werden, verstärkt das die Ungleichheit zusätzlich.
ENGLAND ZUR ZEIT VON “WUTHERING HEIGHTS”
Das Casting von Heathcliff ist eng mit dem historischen Kontext der Geschichte verwoben. “Wuthering Heights” spielt zum Großteil zwischen den 1770er Jahren und dem Jahr 1801. Der Slavery Abolition Act von 1834 verbot zwar die Sklaverei im britischen “Empire” – dies bedeutete aber nicht, dass nicht-weiße Menschen nicht mehr ausgebeutet oder ausgegrenzt wurden. Im Buch “Wuthering Heights” wird Heathcliff nach dem Tod seines Adoptivvaters von dessen Sohn Hindley misshandelt und ausgegrenzt. Dieses Verhalten lässt sich einerseits mit dem Neid Hindleys auf Heathcliff erklären. Andererseits könnte es auch aufgrund seiner Hautfarbe, also rassistisch motiviert, sein.
HATE BREEDS MORE HATE
Zugegebenermaßen hat Fennell mit dem Casting für die anderen “Wuthering Heights” Rollen auch nicht besonders getreu zur Originalquelle gehandelt. Bei diesen Rollen wirkt sich das Casting aber anders auf die Geschichte aus, als es bei Heathcliff der Fall ist, denn seine Biografie und Identität sind untrennbar mit der folgenden Handlung verbunden.
Die Diskriminierung und Ausgrenzung, die er als Kind erfährt, führen zu seinem grenzenlosen Hass auf die Welt und seinem starken Misstrauen gegenüber anderen Menschen – Erfahrungen, die auch sein Handeln im Erwachsenenleben beeinflussen.
AN INTERPRETATION, NOT AN ADAPTATION
Gut möglich, dass Emerald Fennell ihre Version von „Wuthering Heights“ in einem historisch angehauchten Rahmen inszenieren will, ähnlich wie die Netflixserie „Bridgerton“. Die Kostüme und der anachronistische Soundtrack deuten zumindest darauf hin. Das Casting einer weißen Person in der Rolle Heathcliffs negiert leider einen entscheidenden Aspekt seiner Biografie, und daher auch einen wichtigen Teil der Handlung.