Konzertbericht

Psychedelischer Hochgenuss im Doppelpack 

/ / Bild: Pavel Fridrikhs

Fliegen müsste man können – nicht nur im Traum, sondern auch in echt! So wirklich kriegen wir das wohl nie hin, aber mit Psychedelic Rock kommen wir da schon ziemlich nah ran. Für dieses Gefühl haben auch die zwei Bands My Expansive Awareness und Worries And Other Plants im Import Export gesorgt.  

München ist die am dichtesten bevölkerte Gemeinde Deutschlands. Auf einen Quadratkilometer kommen bei uns fast 5.000 Einwohner:innen. Kein Wunder, dass die komplette Stadt zugebaut ist. Aber stimmt das? Nicht ganz, denn Orte wie das Kreativquartier München im Norden der Stadt nehmen sich den so wertvollen Platz und geben ihn den Menschen zum Atmen zurück. Unter den Einrichtungen auf dessen Gelände ist auch das Import Export, eine kleine Konzert-Venue, das für alternative Acts bekannt ist. 

In das Import Export kommen die Besucher:innen gut und gerne auf dem Fahrrad oder zu Fuß (Foto von Pavel Fridrikhs).

Am 17. September trudeln ab 19:45 Uhr dort langsam die Besucher:innen ein. Niemand hat es eilig, die improvisierten Sitzplätze im Innenhof laden anscheinend zum Verweilen ein. Gegen die mittlerweile doch recht kühlen Abende ist ein beachtlicher Teil des Publikums mit einer feschen Kopfbedeckung gewappnet. Der pünktliche Konzertbeginn um 20:30 Uhr kommt hier fast schon überraschend, aber nicht ungelegen.  

Textur vor Text 

Den Anfang macht My Expansive Awareness, die Psychedelic Rock recht modern auslegen. Die Band aus Zaragoza hat ein klassisches Lineup aus Schlagzeug, Bass, Gitarre und Keyboard – und setzt den Fokus vor allem auf die letzten beiden Instrumente. Gemeinsam kreieren sie einen vollen, aber luftigen Sound. Außerdem sind ihre Übergänge hervorzuheben, in denen sie einzelne Songs miteinander verbanden, ohne dass Zeit für den Applaus blieb.  

Die gefühlvollen Verrenkungen des Keyboard-Spielers Diego Luis vermochte der Autor des Berichts leider nicht einzufangen (Foto von Pavel Fridrikhs).

Das soll aber nicht heißen, dass ihr Sound keinen Wumms hatte. Wenn dann sorgte der Live-Auftritt dafür, dass die Musik von My Expansive Awareness wesentlich kraftvoller klang, als man es bei ihren Studioalben vermuten würde. Der Track “Flow” von ihrer EP “Taste of Blood” etwa bekam im Import Export fast schon einen Britpop-Touch, als Leadsänger José Briceño die Hook zum Besten gab. 

Kontrastierende Kontrahenten 

Gleichzeitig aber blieb die Band meistens in sich gekehrt und beließ die Interaktion mit dem Publikum beim Minimum. Beim tranceartigen Sound ist das nachvollziehbar – und mit einer ähnlichen Art machten sich schon Acts wie My Bloody Valentine mit dem wortwörtlichen “Shoegaze” einen Namen – aber das stand in scharfem Kontrast mit ihrem Nachfolger Worries And Other Plants.  

Obwohl im gleichen Genre beheimatet, kam die Schweizer Truppe mit einem wesentlich anderen, komplexeren Lineup angereist (Foto von Pavel Fridrikhs).

Was nicht anders konnte als aufzufallen: Worries And Other Plants hatte mehr unterschiedliche Gitarren im Schlepptau als Bandmitglieder sowie eine Sängerin, die sich mit dem Frontman Dio Müller abwechselte. Das spiegelte sich auch rasch im Sound wider – an sich ist die Musik dieser Band etwas weniger progressiv als die von My Expansive Awareness, greifbarer, klarer strukturiert, aber sie punktete durch die Bandbreite an Stimmungen.  

Hell yeah! als Motto 

Dabei half der Band ein längerer back catalogue, was ihre Diskografie anging. Erst dieses Jahr brachten sie ihr drittes Studioalbum raus: “Sweet Heart Sugar Love”. Allgemein scheint der Schweizer Act gerade aus allen Rohren zu feuern. Entsprechend leicht fiel es ihnen auch, das Publikum für sich zu gewinnen und zum Tanzen zu animieren. Worries And Other Plants strahlte genauso Sicherheit aus, wie My Expansive Awareness in ihrer eigenen Musik aufging.  

So war die Zugabe am Ende eher ein erwartbares Sahnehäubchen für das gesamte Konzert als ein erbitterter Kampf nach mehr Musik. Dass sie nicht allzu lang ausfiel, war kein Problem, denn nach zweieinhalb Stunden Psych-Rock heißt es irgendwann: zurück in die Realität, in ein München, von dem man weiß, dass es sich dort doch ab und an atmen lässt. 

Solche und ähnliche Konzerte finden regelmäßig im Import Export statt. Die Einrichtung liegt im Kreativquartier München nahe dem Leonrodplatz und sieht sich als Ort für Experimente und kollektive Praktiken. Das ausführliche Programm findet ihr auf deren Website.