M94.5 Kulturkritik

Farm Fatale

/ / Quelle: Kammerspiele/© Martin Argyroglo

Regisseur Philipp Quesne schafft es es mit “Farm Fatale” ein spitzes und zugleich unterhaltsames Gesamt-Kunstwerk auf die Bühne der Kammerspiele zu bringen.

Wo kommst du her?

Es ist eine ganz eigene Atmosphäre, die hier entsteht. Zu sphärischen Klängen ist Quesnes Postapokalypse isoliert im weißen Raum: Eine handvoll Strohballen und fünf Vogelscheuchen. An den Ärmeln und Kleidern quellen Strohhalme heraus. Die Gesichter sind mit verquollenen Gummimasken verzerrt.

“Kleine Meise, kleine Meise, wo kommst du denn her? Suchte Futter, suchte Futter, doch alles war leer!”

Mit Kinderreimen und gesungenen Phrasen beginnt die Inszenierung. Auch die Stimme der selbsternannten “Care-crows” (statt dem englischen Scarecrows) ist verzerrt. 

„Farm Fatale“ – ein skurriles Zukunftsspiel
Quelle: Kammerspiele

Postapokalypse auf UKW

In dieser pastoral anmutenden Postapokalypse haben eine Hand voll Vogelscheuchen die Menschen überlebt. Sie fristen ihr Dasein in einer Radio Station, mit der sie Naturgeräusche übertragen, „Stand by me“ zum Besten geben und die letzte Bienenkönigin interviewen. Ein wunderbar assoziatives Spektakel, bei dem Radio und Journalismus einiges einstecken müssen. Aber auch sonst kommt niemand zu kurz. Die Gesellschaftskritik in Farm Fatale ist weder plump noch plakativ – messerscharf und genau auf den Punkt, quillt sie aus allen Ecken, wie das Stroh aus den Latzhosen der Vogelscheuchen.

It’s Beyond our Experience

Geschickt spielt Philipp Quesne immer wieder mit einem allgegenwärtigen Paradoxon: Das romantische Bild, dass wir auf Natur und unseren ländlichen Raum projizieren, während wir gleichzeitig zerstören und vernachlässigen. Dieses bröckelnde Phantasma wankt einem auf der Bühne in mattbräunlichen Farben entgegen.

Julia Riedler, Leo Gobin, Gaëtan Vourc’h,Damian Rebgetz, und Stefan Merki beten als postapokalyptische Vogelscheuchen ihre leuchtenden Eier an.
Quelle: Kammerspiele/© Martin Argyroglo

In bunten Neon-Farben strahlen dagegen die rätselhaft leuchtenden Eier, die die skurrile Truppe in ihrer Scheune versteckt hat:

What a beauty – This is future – This is ‚The X-Project‘ – It’s not what you think it is… it’s bigger… it’s beyond our experience!“

Ein regelrechter Kult baut sich auf. Die Verbindung zu einem bekannten Elektronik Konzern liegt nahe. – Ein assoziatives Spiel, das sich unendlich weiterführen lässt. „Farm Fatale“ bietet viel Interpretationsspielraum und bringt unglaublich zum Lachen. Ironischerweise behält es gerade durch seine eigene Absurdität und Skurrilität eine treffsichere Kritik und Ernsthaftigkeit.

Farm Fatale feierte am 29. März an den Kammerspielen Premiere und ist noch bis zum 12. Mai zu sehen.