Interview mit Eva Huttenlauch

Das Material ist die Geschichte

/ / Sheela Gowda Making of "And...", 2007 © Sheela Gowda

2019 wurde der Maria-Lassnig Preis an Sheela Gowda verliehen. Mit ihren Installationen war die indische Künstlerin bereits bei zahlreichen internationalen Ausstellungen vertreten, unter anderem bei der Venedig Biennale 2009 oder der documenta 12, 2007. Mit ‚It.. Matters‘ findet nun die erste museale Einzelausstellung von Sheela Gowda in Deutschland statt. Wir haben mit Eva Huttenlauch gesprochen, die die Ausstellung im Lenbachhaus kuratiert hat.

Die Materialien die Sheela Gowda verwendet sind ja sehr vielfältig, es sind Alltagsgegenstände, Haare, Faden, Steine oder Metall. Was aber ist genau der künstlerische Prozess, der aus diesen Alltagsgegenständen ihre künstlerische Arbeit macht?

Zunächst einmal ist tatsächlich der Prozess wichtig, wie Sheela Gowda diese Materialien findet. Sie ist nicht unbedingt aktiv auf der Suche, sondern sie lässt Materialien zu sich sprechen; also nicht auf eine esoterische Art und Weise, sondern sie geht mit offenen Augen und geschärftem Sinn durch ihr Leben, durch die Straßen, durch ihre Umgebung und irgendwann kommt der Punkt, an dem sie merkt, dass sich Materialien ihr regelrecht aufdrängen, weil sie so allgegenwärtig sind und eigentliche eine eigene Geschichte erzählen. Und Sheela Gowda kitzelt dann diese Geschichte aus den Materialien hervor, indem sie sie für ihre Kunstwerke verwendet und daraus in ihrer sehr eigenen abstrahierten Formensprache große Installationen kreiert.

Welche Themen sind das, die Sheela Gowda da erzählt und was macht das mit ihr als Erzählerin?

Es geht eigentlich immer um Themen, in denen eine Sozialkritik oder eine politische Beobachtung mitschwingt. Sie ist keine agitatorische Künstlerin, die den Zeigefinger erhebt und auf soziale oder politische Missstände in ihrem Land oder der indischen Gesellschaft hinweisen möchte, aber sie arbeitet tatsächlich fast ausschließlich mit Materialien, die dennoch diese Themen beinhalten. Wenn sie also mit Teerfässern aus Metall arbeitet, dann spielt darin die Geschichte der indischen Straßenarbeiter mit, die als Tagelöhner im Straßenbau arbeiten, was dann wiederum die Vergrößerung der Städte bedeutet. Es geht also um boomende indische Großstädte und die Frage, was impliziert das politisch und sozial, was impliziert das aber auch wenn man sich jetzt den einzelnen Tagelöhner anschaut, der unter prekären Bedingungen im indischen Straßenbau arbeitet? Also verschiedenste Themen und ein ganz großes Spektrum machen diese Materialien auf, und das hat viel mit Arbeitsbedingungen zu tun, von Menschen allgemein in Indien, aber insbesondere auch zum Beispiel von Frauen. Das Thema der Frau, der Lebensumstände von Frauen in der indischen Gesellschaft spielt auch oft eine Rolle.

„Das Material und das Medium hat nicht mehr genügt für das, was sie als Künstlerin ausdrücken möchte.“

Ein Material, dass immer wieder in der Arbeit von Sheela Gowda vorkommt und das eher ungewöhnlich ist, ist Kuhdung. Was hat es mit dem Kuhdung auf sich?

Kuhdung ist in Indien ein ganz allgegenwärtiges Material. Es wird verwendet, zum einen zur funktionalen-praktischen Zwecken wie zum Hausbau, als Baumaterial, als Brennmaterial für Fahrzeuge oder Kochöfen, oder aber auch zu religiösen und verschiedenen anderen Zwecken. Es ist übrigens ein Material, das in erster Linie von Frauen gehandhabt wird. Sheela Gowda war als junge Frau zwei Jahre in London, hat dort studiert, ist durch Europa gereist, hat sich mit der europäischen Kunstgeschichte beschäftigt und ging dann wieder zurück nach Indien. Das war Ende der 80er Jahre und sie hat dort zunächst mit figürlicher Ölmalerei auf Leinwand gearbeitet – so wie sie ausgebildet war – hat dann aber festgestellt, dass eigentlich dieses Material und dieses Medium nicht mehr genügt für das, was sie als Künstlerin ausdrücken möchte. Und außerdem hat sie festgestellt, als sie nach Indien zurückkam und mit einem frischen Blick auf ihr Land geschaut hat, dass sich die politische Situation verändert hatte. Was nämlich heute im Jahr 2020 und seit ein paar Jahren im Mittelpunkt der indischen Politik und Regierung ist, eine hindu-nationalistische Partei, das hatte sich damals schon leicht angekündigt, Ende der 80er, Anfang der 90er-Jahre.

Sheela Gowda
Untitled, 1992, Ausstellungsansicht / Installation view Lenbachhaus, 2020, Foto / photo: Lenbachhaus, Simone Gänsheimer
© Sheela Gowda

Jetzt kommt wieder der Kuhdung ins Spiel. Diese Partei möchte aus Indien eigentlich einen nationalistischen Hindu-Staat machen und wettert gegen manche andere Religionen. Und die Kuh ist ein Symbol des Friedens und der Gewaltlosigkeit für die meisten Sektionen gläubiger Hindus und dadurch eignet sich die Kuh als ein Instrument für die Regierungspartei gegen Andersgläubige. Es wurde also die Kuh und alles was damit zusammenhängt, z.B. der Dung, instrumentalisiert für die eigenen politischen Zwecke und gegen die politischen und religiösen Gegner. Dadurch hat Kuhdung eine politische Implikation bekommen. Und damit hat Sheela Gowda angefangen zu arbeiten.

Es geht ja sehr viel um indische Alltagsmaterialien. Haben Sie das – und vielleicht auch Sheela Gowda, denn Sie haben ja zusammen mit ihr die Ausstellung kuratiert – haben Sie das als Übersetzungsleistung wahrgenommen, diese Materialien jetzt in einem deutschen Kontext zu präsentieren?

Nein, ich bin total überzeugt, dass diese Kunstwerke zu einem sprechen oder einem etwas erzählen, auch wenn man diese ganzen Hintergründe nicht kennt; die muss man nicht kennen. Sheela Gowda ist keine Künstlerin und macht keine Kunst, die nur in Indien verstanden wird, ganz im Gegenteil, Sheela Gowda stellt international sehr viel mehr aus als in Indien. Das Interessante an ihren Arbeiten ist, dass Sheela Gowdas Ausgangspunkt immer diese sehr landesspezifischen Materialien sind, die vor allem dort vorkommen aber es ist ja nicht so, dass man zum Beispiel als Europäer diese Materialien wie Plastikplanen oder Metallfässer nicht kennt oder nicht verstehen würde. Man kennt die auch, die haben aber vielleicht hier nicht die gleiche Funktion oder Bedeutung wie in Indien. Aber abgesehen davon, dass sie mit diesen Materialien arbeitet, übersetzt sie diese ja in ein Kunstwerk und dieses Kunstwerk und diese künstlerische Sprache von ihr, sind absolut verständlich und öffnen sich dem Publikum, in meinen Augen relativ schnell. Sodass man also mit diesen Arbeiten absolut was anfangen kann, auch wenn man sich mit Indien nicht intensiv beschäftigt hat.

„It’s not so much about protesting, it’s about resisting.“

Der Titel der Ausstellung ist It.. Matters. Was „mattert“?

Ganz viel mattert. Also diese beiden Punkte im Titel sind hauptsächlich da, um eine kurze Pause zwischen dem „It“ und dem „Matters“ zu machen. Durch die Pause sollen sich verschiedene Assoziationsfelder öffnen, also zumindest hat die Künstlerin sich das so vorgestellt. „Matter“ ist zum einen das „Material“, viele Materialien, die in der Ausstellung zum Sprechen kommen und die man sehen kann. Auf der anderen Seite aber dieses ‚It Matters‘, es ist wichtig, und da steckt für Sheela mehr das Politische drin. Also es wichtig, dass wir uns bewusst sind, in welcher Welt wir leben, es ist wichtig, dass wir unseren Mund aufmachen, es ist wichtig, dass wir uns mit Themen beschäftigen, es ist wichtig, dass wir gegen Dinge sind, auch gerade in Indien. In den letzten Monaten der Vorbereitung für diese Ausstellung, hat sich in der politischen Situation in Indien so vieles getan. Es kam das neue Einwanderungsgesetz, das Muslimen aus Pakistan verboten hat, nach Indien einzuwandern, es gab wahnsinnig viele Proteste, die Menschen sind dort auf die Straße gegangen. Und deswegen eben dieses „It Matters“, es ist alles wichtig und es kommt auf alles an. Und auf jeden an. Sie sagte kürzlich mal: „It’s not so much about protesting, it’s about resisting“. Und diese Haltung steckt für mich in diesem Titel.

Kuratorin Eva Huttenlauch
Foto: Lenbachhaus, Simone Gänsheimer
© Sheela Gowda

Zur Ausstellung gibt es auch den Film Shedding Light. Ein dreißigminütiger Dokumentarfilm in dem sie Sheela Gowda in ihrem Atelier in Bangaluru begleitet haben. Wie war das? Was waren ihre Beobachtungen?

Also ich war zum ersten Mal in Indien und mich haben viele Aspekte an Sheela Gowdas Kunstwerken neu begeistert, als ich sie in ihrer Umgebung dort gesehen habe. Wie sie ihre Materialien findet, wie sie auf den Markt geht zum Beispiel und Haare kauft, aus denen sie dann Kunstwerke macht oder sie hat mich in kleine Werkstätten gebracht, in denen dann Metall verarbeitet wird, was in der Ausstellung eine Rolle spielt. Bei Sheela sind das Leben und die Kunst eigentlich eins, das ist nicht getrennt. Auch ihr Wohnhaus und ihr Atelier, das ist ein und dasselbe. Das fließt alles sehr ineinander bei ihr, auch ihr ganzes Denken, es gibt da keine Trennung und das wurde mir sehr stark bewusst, als ich sie ein paar Tage in ihrem Leben und bei ihrer Arbeit begleiten konnte.

Die Ausstellung Sheela Gowda. It.. Matters ist derzeit im Kunstbau des Lenbachhaus zu sehen und wurde bis zum 18. Oktober verlängert. Aufgrund von Corona-Beschränkungen gibt es in der Ausstellung eine Kapazitätsgrenze von 50 Personen.