Literaturfest München

Salman Rushdie: Quichotte

/ / Bild: Elisabeth Greil, Literaturfest München

Ingo Schulze blickt mit dem forum:autoren auf den Umbruch von 1989 und die damit einhergehenden Folgen für Deutschland und die ganze Welt. Um diese Zäsur aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten zu können, hat der Kurator Intellektuelle aus aller Welt eingeladen, darunter auch Salman Rushdie mit seinem neuen Roman „Quichotte“.

What about me?

Als Salman Rushdie vor 30 Jahren vom Fall der Berliner Mauer erfährt, sitzt er schwer bewacht in einem fensterlosen Zimmer. Im Februar 1989 hatte der iranische Staatschef, Ayatollah Kohmeini, eine Fatwa auf Rushdie ausgerufen – eine Reaktion auf sein als blasphemisch eingestuftes Werk „Die satanischen Verse“. Den Mauerfall, als Moment der Befreiung, erlebte er selbst in einem höchst unfreien Zustand. „What about me?“, das dachte Salman Rushdie in diesem Augenblick, in dem Historisches und Privates auf eigenartige Weise miteinander verschmolzen. Heute kann sich Sir Salman Rushdie wieder frei und ohne auffallend große Sicherheitsvorkehrungen bewegen. Er nahm sogar an den Feierlichkeiten zu „30 Jahre Mauerfall“ in Berlin teil, denn nun kann auch er mitfeiern. Drei Tage später sitzt Salman Rushdie in der großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Fake oder Fakt

In seinem neuen Buch versetzt Rushdie Miguel de Cervantes‘ „Don Quijote“ ins zeitgenössische Amerika. An dem – mit seinen Worten – „Readhead im Weißen Haus“ lässt der Autor auch während der Lesung kein gutes Haar. Make America great again? Für Salman Rushdie ist dieser Slogan eine Verklärung der Vergangenheit, die von Politikern als Märchen inszeniert wird. An diesem Punkt müssen SchriftstellerInnen seiner Meinung nach eingreifen und Stellung beziehen. Daher entwirft Rushdie in „Quichotte“ ein schonungslos ehrliches Panorama der amerikanischen Gesellschaft, das sowohl popkulturelle Elemente, als auch Themen wie die Opioid-Krise und den zunehmenden Rassismus umspannt. Rushdie lässt zudem zahlreiche Themen einfließen, die sein reales Leben widerspiegeln. Den Roman nennt er insgesamt „persönlich, aber nicht autobiographisch“. Die literarische Vermengung von Fakt und Fiktion erinnert außerdem an die weltweit zunehmende Verbreitung von Fake-News und auch daran, wie Politiker immer öfter versuchen, Lügen als vermeintliche Wahrheiten darzustellen.

„Quichotte“ stellt das zeitgnössische Amerika auf den Kopf.
Bild: Elisabeth Greil, Literaturfest München

Der Klang der Sprache

Auf der Bühne der großen Aula sitzt der indisch-britische Autor Rushdie zwischen dem Moderator Bernhard Robben und Shenja Lacher – wie so oft ein rein männlicher Bühnenauftritt. Robben stellt Rushdie dem Publikum als passionierten Angry Birds-Spieler und gefürchteten Tischtennisgegner vor. Das macht den weltberühmten Autor nahbar und sympathisch. Die Lesung gestaltet sich als Wechsel von kreativen Fragen zur Person Rushdie, seinen Protagonisten und dem Schreibprozess von „Quichotte“, sowie dem Vorlesen von gut gewählten Textpassagen, die den Zuschauer sofort abholen und in Rushdies literarischen Mikrokosmos katapultieren. Wenn Salman Rushdie in englischer Sprache liest, ist er ganz in seinem Element. Sobald Lacher aber auf Deutsch liest, verfolgt Rushdie die gesprochenen Worte, Zeile für Zeile, mit den Augen. Ihm gefalle der Klang der Worte in der fremden Sprache, erklärt er auf Nachfrage. Der mündliche und schriftliche Klang der Sprache spielt eine ungemein große Rolle. So kommt Rushdie auch auf die deutsche Übersetzerin von „Quichotte“, Sabine Herting, zu sprechen. Er lobt Hertings Übersetzung ins Deutsche im Speziellen und darüber hinaus die Leistung von ÜbersetzerInnen überhaupt.

Quichotte meets Pinocchio

Im Buch schickt Rushdie seinen Protagonisten auf einen Roadtrip – als Begleitung erfindet dieser einen Sohn namens Sancho, der genau wie die berühmte Holzmarionette Pinocchio das starke Bedürfnis verspürt, real zu werden. Für den Roman wollte Salman Rushdie auch im wirklichen Leben eine Reise mit seinem Sohn unternehmen. Auf der Lesung an der LMU erzählt er, dass er zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob er einen Roman oder ein Sachbuch schreiben würde. Außerdem hätte ihn der Blickwinkel einer jüngeren Generation interessiert. Sein Sohn habe ihn auf die Einladung zum Vater-Sohn-Roadtrip jedoch zuerst eine Frage gestellt, nämlich ob er, Salman Rushdie, am Steuer sitzen werde. Die Reise wurde bis jetzt immer wieder vertagt, soll aber noch stattfinden. Mit „Quichotte“ hat Rushdie schlussendlich eine Reise in die Fiktion unternommen, bei der die Realität jedoch nicht auf der Strecke bleibt, sondern in die „imaginierte Traumwelt eintröpfelt“.