Buchkritik

Robert Habeck – ARCTIC MELTDOWN

/ / Arctic Meltdown - Die Neuvermessung der Welt

Das Thema Arktis, aktuell besonders Grönland, ist so präsent wie nie zuvor. Zuletzt beschlossen Dänemark, Grönland und die Vereinigten Staaten von Amerika ein Abkommen zum Schutz der Insel – sowohl vor militärischen als auch vor Umweltgefahren. Der ehemalige Wirtschaftsminister und Vizekanzler Robert Habeck rollt in seinem Buch die Geschichte und Zukunft der Arktis neu auf und beleuchtet sie aus vier verschiedenen Perspektiven. Eine Rezension von Lars Willeitner

Robert Habeck ist einer der prägendsten Politiker der vergangenen Jahre. Zuletzt hatte er sich aus dem laufenden politischen Geschäft zurückgezogen. Im Vorwort erzählt er von seinem Leben und seiner Arbeit in Kopenhagen am Dänischen Institut für Internationale Studien (DIIS). Dort liegen die Schwerpunkte unter anderem auf Sicherheitspolitik, Energiepolitik und Diplomatie. Daraus entstand laut eigener Aussage ein neuer Blickwinkel und die Idee für sein Buch “Arctic Meltdown”. 

DIE ARKTIS: EINE REGION IM WANDEL

Die Arktis, eine riesige und dünn besiedelte Region im hohen Norden, ist derzeit in aller Munde. Robert Habeck beschreibt die Arktis in seinem Buch folgendermaßen: 

Die Arktis ist da, wo die Landschaft die Menschen formt und nicht die Menschen die Landschaft.

Robert Habeck in “Arctic Meltdown”

Zunächst zeichnet Habeck die Geschichte der Arktis und insbesondere Grönlands nach: ein Gebiet, das lange Zeit weitgehend unbekannt war und bereits in antiken griechischen Vorstellungen Erwähnung fand. Heute gibt es dorthin regelmäßige Flugverbindungen, unter anderem aus Norwegen und Dänemark. Habeck beschreibt anhand einleuchtender Beispiele, etwa der zunehmenden Zahl von Kreuzfahrtschiffen, wie stark das internationale Interesse an der Region wächst und mit welchen Veränderungen sich die Bewohner:innen zunehmend auseinandersetzen müssen. 

IMMER WEITER IM FOKUS

Auf rund 350 Seiten beschäftigt sich Autor Habeck zunächst mit der Arktis selbst, bevor anschließend die militärische Aufrüstung in den Fokus rückt. Vor allem Russland erhebt seit Langem Ansprüche auf Einfluss und Kontrolle in der Region. Habeck führt hierfür immer wieder historische Beispiele an. 

Ein Beispiel ist der Belomorkanal, der unter Stalin gebaut wurde. Er verbindet das Weiße Meer mit dem Onegasee und schafft damit eine Verbindung zum russischen Binnenwasserstraßennetz. Der Bau des Kanals war ein bedeutendes sowjetisches Prestigeprojekt und Teil der Erschließung und Militarisierung des hohen Nordens. 

Der Mythos “Belomorkanal” ist so mächtig, dass eine Zigarettenmarke der Sowjetunion nach ihm benannt wurde und auf der Zigarettenschachtel eine Karte des Kanals zu sehen ist.

Robert Habeck in “Arctic Meltdown”

Doch auch über den Kanal hinaus beschreibt Habeck die sicherheitspolitischen Aktivitäten Russlands als eine zentrale Herausforderung für die Arktis. Dabei geht er unter anderem auf die sogenannte Schattenflotte ein, die im Zusammenhang mit Russlands Umgehung internationaler Sanktionen und den sicherheitspolitischen Spannungen eine Rolle spielt.

DIE GEFAHR KOMMT VON ÜBERALL

Nach mehreren Kapiteln, in denen der Fokus vor allem auf Russland liegt, schreibt Habeck auch über andere geopolitische Akteure und Entwicklungen. So stellt er die zunehmenden Interessen der USA unter Donald Trump und Chinas unter Xi Jinping an Grönland dar. Auch innerhalb Dänemarks gibt es Stimmen, die eine stärkere Kontrolle über die Insel fordern. Indien baut seine Forschung in der Arktis weiter aus, während auch Südkorea sein Engagement in der Region verstärken möchte. 

Dass inzwischen ein Abkommen zwischen den USA, Dänemark und Grönland geschlossen wurde, konnte Habeck aufgrund der Aktualität in seinem Buch nicht berücksichtigen. Dadurch könnte dieser Teil des Buches für manche Leser:innen etwas überholt wirken. 

Trotzdem gibt es ein Thema, das von Anfang an wie ein rosa Elefant über dem gesamten Buch schwebt: der Klimawandel. 

DIE ARKTIS VERSCHWINDET

Robert Habeck spricht bereits zu Beginn des Buches von einer sogenannten „Amplifikation“. Damit bezeichnet er die Selbstverstärkung eines Geschehens hin zu einem Prozess, der sich zunehmend selbst trägt. Genau dieser Mechanismus spielt auch beim Schmelzen des arktischen Eises eine wichtige Rolle, das schneller voranschreitet als an vielen anderen Orten. 

Dass der Klimawandel in der Arktis schneller voranschreitet, liegt im Wesentlichen daran, dass durch den Verlust der weißen Schnee- und Eisflächen dunklere Wasser- und Landflächen freigelegt werden. Diese dunkleren Flächen können mehr Sonnenenergie absorbieren, erwärmen sich also überproportional und beschleunigen so die Erwärmung und die Eisschmelze weiter.

Robert Habeck in “Arctic Meltdown”

Die zunehmende Schifffahrt und die steigende Nutzung der natürlichen Ressourcen tragen zusätzlich zu den Veränderungen in der Region bei. 

IST DIE ARKTIS NOCH ZU RETTEN?

Es besteht jedoch noch Hoffnung – zumindest, wenn jetzt alle an einem Strang ziehen:

(…) wir Menschen können lernen. Und noch nie konnten wir so viel und so schnell lernen wie heute. Wir kennen unsere Geschichte – oder könnten sie zumindest kennen. Und wir haben technische Instrumente und einen Wohlstand, den vorherige Generationen nicht hatten. Wir können Wasser entsalzen und Städte vor dem steigenden Meeresspiegel schützen, wir können so viel wie möglich elektrifizieren und damit den Temperaturanstieg eindämmen – und wir könnten uns auf eine Welt einigen, in der wir als Menschheit friedlich zusammenleben.

Robert Habeck in “Arctic Meltdown”

Habecks Buch beschreibt eindrucksvoll die geschichtlichen Entwicklungen sowie die aktuellen Probleme und Gefahren in der Arktis. Gleichzeitig regt es dazu an, über mögliche Lösungen nachzudenken und die politischen sowie kologischen Herausforderungen der Region stärker in den Blick zu nehmen. Das Buch ist ein Muss für Interessierte und für Menschen, die sich mit dem Klimawandel und der politischen Lage in der Arktis auseinandersetzen möchten und dabei nach sachlichen Analysen und möglichen Lösungsansätzen suchen.  Das Buch „Arctic Meltdown – Die Neuvermessung der Welt“ von Robert Habeck erschien am 1. Oktober 2026 beim Verlag „Kiepenheuer & Witsch“. Als Hardcover kostet es 26 Euro.