Kommentar

Lasst doch die Teenager-Mädchen tanzen!

/ / Bild: M94.5/Michael Goder

Alle hassen TikTok, schon klar, super peinlich, diese zappelnden 14-Jährigen und die Schminktutorials. Der herablassende Blick auf TikTok ist aber nicht nur ohne Grundlage, sondern mitunter auch sexistisch. Ein Kommentar von Sophia Rauchhaus.

Wer TikTok nutzt, ist oft mit dummen Sprüchen und dem Gefühl konfrontiert, sich rechtfertigen zu müssen. An den Inhalten liegt das aber nicht. Auf TikTok gibt es Comedy-Formate und Musik, Tutorials und Let‘s-Play-Videos genau wie auf anderen Apps auch – nur eben im Ein-Minuten-Format.

Warum aber ist die App trotzdem ein Hassobjekt? TikTok hat ganz einfach ein Imageproblem aufgrund der vermeintlichen Zielgruppe: Es haftet ihm das Bild einer App für Teenager-Mädchen an.

Eine App mit Altlasten

Tatsächlich sind mehr als zwei von drei TikTok-Nutzer:innen unter 24 und 60% Prozent weiblich. Vor allem aber riecht TikTok noch immer verräterisch nach seiner Vorgänger-App: Ursprünglich hieß TikTok Musical.ly und war eine Lipsync-Plattform, auf der gerade junge Mädchen in kurzen Clips zu Musik tanzten – so sind damals zum Beispiel die Zwillinge Lisa & Lena zu Megastars geworden. 

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Clips aus vergangenen Zeiten: Ein Best of von Lisa & Lena auf Musical.ly

Mittlerweile ist die App längst über das Ursprungsformat hinaus gewachsen, nur die Fanbase ist noch immer die gleiche: Teenager-Mädchen.

Und da liegt auch das echte Problem, das viele mit der App haben. TikTok gefällt Teenager-Mädchen. Und was Teenager-Mädchen gefällt, gilt grundsätzlich als trivial und oberflächlich: Shoppen, Make-up, Starbucks, Twilight, One Direction – und eben TikTok.

Teenie-Mädchen als Imageproblem

Oft scheint eine überwiegend weibliche Fanbase Grund genug, um Apps, Serien oder Musik jeden Anspruch darauf zu nehmen, ernst genommen zu werden. So ging es zum Beispiel Snapchat in seinen Anfangstagen und mitunter auch noch heute. Die App mit dem bekannten Hunde-Facefilter ist Sinnbild geworden für eine ganze Generation von angeblich oberflächlichen Teenager-Mädchen. Die Grundlage dafür war allerdings immer eine Pauschalisierung der Interessen und des Intellekts von jungen Mädchen.

Dieses Problem reicht weit über Tiktok hinaus. Genauso im Fall von Twenty One Pilots: Die Band ist längst eine feste Größe des Musikbusiness. Sie musste aber lange darum kämpfen, musikalisch respektiert zu werden und hat es noch immer nicht geschafft, ihr Image als oberflächliche Boyband ganz abzuschütteln.

Reddit-User diskutieren über die Twenty-One-Pilots-Fanbase. Den Thread zu nachlesen gibt’s hier.

Viele gehen einfach davon aus, dass die Fangirls Twenty One Pilots nicht für ihre Musik schätzen. Selbst die Beatles wurden ihrer Zeit als triviale Boyband abgetan – zumindest so lange, wie sie noch vorrangig von Frauen gefeiert wurden. 

Mehr als nur Fans

Die Beatles haben damals auch den Begriff der „Mania“ geprägt, übersetzt: „Besessenheit“, „Hysterie“. Eine Wortwahl, die jungen Frauen vorbehalten ist. Niemand käme auf die Idee, das gleiche Wort für Jungs zu nutzen, die vor dem Stadion ihrer Fußballmannschaft campen, ihre Zimmerwände mit Postern tapezieren, signierten Trikots huldigen und weinen, wenn ihr Team verliert. Ihr Fanverhalten wird irgendwie als gerechtfertigter betrachtet als das der Mädchen. Besonders fair und gleichberechtigt ist das nicht.

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Vom Teenie-Schwarm zu einer der bedeutendsten Bands aller Zeiten: Die Beatles.

Dieses Phänomen, das die Interessen von Teenager-Mädchen grundsätzlich herabwürdigt, ist sogar so alt, dass selbst die Romane Jane Austens einst als oberflächlicher Teenie-Kitsch abgetan wurden. Erst nach dem Tod der Autorin wurde den Büchern der Ruhm zuteil, den sie verdienen; sie sind längst in den festen Literaturkanon der englischen Sprache aufgenommen.

Die App ist nicht das Problem

Das vermeintliche Problem von TikTok ist also nicht die App selbst. So sehr unterscheidet sie sich ja auch gar nicht von YouTube, Pinterest oder Vines. Es sind die Mädchen auf TikTok. Und das Ergebnis fehlender Reflektion über die App, die halt nervt, weil Teenager-Mädchen nerven. Und das ist unfair und sexistisch.