Frauen im Stand-Up

Hier dürfen auch Frauen witzig sein

/ / Bild: M94.5/Andreas Plotzitzka

Die deutsche Comedy-Szene wird zu großen Teilen immer noch von Männern dominiert. Eine kleine Stand-Up-Bühne in München versucht das langsam zu ändern. Mit Erfolg?

In München wird zum Lachen noch in den Keller gegangen. Genauer gesagt in einen Keller in der Georgenstraße in Schwabing. Denn dort hat sich die „Holzkranich“ – Bar seit fast zwei Jahren über mehrere Stockwerke ausgebreitet. Im Keller der Bar werkelt Hans Thalhammer an einer dreieckigen Bühne aus Holz herum. Das macht er seit Oktober vergangenen Jahres jeden Dienstagabend. Denn die hellen Bretter dieser selbstgezimmerten Bühne sind das Fundament von „Ja und Weiter“. Einer Stand-Up-Comedy Show, aufgezogen von Hans Thalhammer und seinem Kollegen Sebastian Ulrich. Hier kann sich jeder und jede mit Internetanschluss an der Kunst des Witzes versuchen. Um teilzunehmen reicht es mit seinem Facebook-Profil das Wort „Spot“ in die jeweilige Facebook-Veranstaltung zu posten.

Wo sind die Frauen?

Komiker-Jungfrauen versuchen genauso regelmäßig auf der Bühne ihr Glück wie schon erfahrene Stand-Up-Künstler und manchmal schaut sogar Michael Mittermeier vorbei. „Aber auch ein Michael Mittermeier bekommt nur eine Spezi“, grinst Hans, während er sich ein Club-Sandwich an einem der dunklen Holztische im oberen Stockwerk der Bar genehmigt. Bei der Comedy-Show werden alle Teilnehmer/-innen im Vorfeld mit einer roten Getränke-Marke aus Papier belohnt. Die meiste Zeit wird das rote Zettelchen allerdings von Männerhänden in Empfang genommen. Auf Instagram wurde „Ja und Weiter“ auch schon als „reine Penisveranstaltung“ betitelt. Die Kritik hat eine gewisse Berechtigung: An den ersten neun Abenden traten noch nicht mal eine Hand voll Frauen auf. Und das bei durchschnittlich acht Künstlern pro Abend. Die zehnte Ausgabe sollte anders, ein Stück weit gerechter werden.

Die erste „Ja-und-Weiber“-Ausgabe

Am 26. Dezember 2017 war es dann plötzlich soweit: Sechs weibliche Stand-Up Künstlerinnen standen auf der Bühne. Der Grund dafür: Kein zweites Weihnachtswunder, sondern ein cleveres Wortspiel. Aus „Ja und Weiter“ wurde an diesem Abend erstmals die „Ja und Weiber“- Spezialausgabe. Es durften nur Frauen auftreten.
Mit Erfolg: Sieben Abende in Folge war von nun an, auch auf der regulären „Ja-und-Weiter“-Bühne mindestens eine Frau zu sehen. Das hat auch Hans gemerkt. „Es gab schon so einen Effekt nach der ersten „Ja und Weiber“, einfach weil man halt sieht ‘Hey, da geht was, da darf man auch als Frau auf die Bühne, ohne dass man schräg angeschaut wird.‘“
Der „Ja-und-Weiber“-Effekt scheint zwar zu existieren, trotzdem ist es ein spürbar schmaler Grat auf dem Richtung Geschlechtergleichheit gewandelt wird. Wann ist es noch Förderung, Motivation und Hilfestellung? Und ab welchem Punkt wird es zu Bevormundung oder Ausgrenzung?

Frauenquote für die Comedy-Szene

Zum Sommerbeginn findet der zweite „Ja und Weiber“-Abend statt. Es werden wieder sechs Frauen auftreten.
„Ist ja bisschen wie eine Frauenquote eigentlich“, stellt Anni Preuß mit einer angenehm ruhigen, aber nachdrücklichen Stimme fest. Eine Stunde vor ihrem Auftritt sitzt die 29-Jährige aufmerksam an einem langen Tisch im „Holzkranich“, der von Kacheln mit Blumen-Motiven überzogen ist und ziemlich altbacken wirkt. Ganz im Gegenteil zu Anni.
Alles was Anni sagt, klingt charmant und frisch. Vielleicht liegt das an ihrem bayerischen Dialekt mit dem rollenden R, vielleicht an ihrem blonden Pony und den bunten Augenlidern oder dem großen Lächeln, vielleicht liegt es aber auch ganz einfach daran, dass Anni Deutschlehrerin ist und weiß wie Sprache funktioniert. Da fallen schon einmal so elegant formulierte Sätze wie „Ich will jetzt keine Klischees und Vorurteile fördern, aber ich war bei mehreren Open Stages und ich sag mal so: Es geht bei Männern immer um Zweisamkeit und die da beteiligten Körperflüssigkeiten.“
Anni hat schon Kabarett-Erfahrung. Seit über zwei Jahren beackert sie zusammen mit Claudia Pichler und Michael Well unter dem Namen „Die drei Haxn“ bayerische Bühnen. An diesem Abend ist sie zum ersten Mal bei einer „Ja-und-Weiber“ – Ausgabe mit dabei. Ein Paar „Ja-und-Weiter“-Auftritte hat sie aber schon hinter sich. Sie braucht dazu keine Frauen-Specials, findet aber auch, dass Frauen sich gerne klein machen und zu viel Angst haben. „Ich glaube, dass „Ja und Weiber“ Frauen ermutigt, dann auch mal bei den normalen Shows mitzumachen, wenn man das regelmäßig macht, dann gibt sich diese Angst irgendwann.“
Sie schmunzelt: „Dann kann man ja auch mal ein Männerspecial machen.“

Ein guter und sanfter Einstieg“

Einige Meter entfernt und eine kurze Treppe weiter unten im tiefer gelegenen Essbereich des „Holzkranichs“, sitzt Susi Homann, Künstlername Susi Wong, in einem Ohrensessel, der nur für sie entworfen zu sein scheint. Er ist groß und standfest, aber auch bunt und federnd, genau wie Susi selbst. Auch Susi wird in einer halben Stunde auftreten. Es ist ihre zweite „Ja-und-Weiber“-Show. Die erste, damals im Dezember, war gleichzeitig auch ihr erster Stand-Up-Auftritt überhaupt. „Ein guter und sanfter Einstieg“, erinnert sie sich. „Ich kann aber nicht sagen, ob ich mich auch getraut hätte, wenn es eine gemischte Show gewesen wäre.“
Seit diesem ersten Auftritt hat sich die 42-Jährige zahlreiche Male wieder getraut, trotz Vollzeitjob bei BMW. Sie zählt schon lange nicht mehr mit: „Wir Mädels haben das so drin, die Männer reden zu lassen. Aber ich hab mir nie das Reden verbieten lassen.“
Falls sie vor der heutigen Show aufgeregt ist, spürt man es nicht, sie wirkt gefestigt, angstfrei. 20 Jahre Theater-Amateurverein hat sie schon hinter sich, sie weiß wie die Bühne funktioniert, trotzdem: „Das hier ist nochmal was anderes, das hat mich immer fasziniert, dass du eigentlich nur erzählen kannst und damit schon Leute unterhältst.“
Das macht Susi auch gerne mal mit Hilfe von Witzen über „Dick-Pics“. „Mein Lieblingsthema, weil wahnsinnig viele Mädels leider die Erfahrung schon gemacht haben.“ Susi weiß, dass Sex ein Thema ist, mit dem sich fast jeder identifizieren kann „und wenn du damit charmant spielen kannst, hast du gewonnen, aber meistens ist der Umgang damit sehr plump und das turnt ab.“ Aber auch hier scheint der „Ja-und-Weiber“-Effekt irgendwie zu greifen, zumindest sieht Hans das so: „Wenn man merkt, es sind doch ein Haufen Frauen da, sowohl im Publikum als auch auf der Bühne, bei zwei Männern hab ich´s bisher beobachtet, dass die sich ein bisschen zurückgenommen haben – einfach nur nicht so ganz harte Fick-Witze.“

Der „Ja-und-Weiber“-Effekt

20 Uhr: Die Menschen, die zum Lachen in den Keller gekommen sind, platzieren sich auf dem bunt zusammengewürfelten Ensemble aus weiß gestrichenen Eisenstühlen und braunen Holzbänken. Die „Ja-und-Weiber“-Show beginnt in wenigen Minuten, die Holzbühne schmiegt sich fest in die Ecke zwischen zwei Wänden, der Mikrofon-Ständer macht das, was er am besten kann: Stehen. Die Bar schenkt Alkohol aus und die Kellertür schließt sich. Anni beginnt ihr Set mit den Worten: „Hallo, ich bin die Anni und ich hab Angst“ und feuert daraufhin eine melodisch-bayerische Comedy-Komposition ab, bei der sie dem Publikum unter anderem drei verschiedene Sprechweisen des Satzes „Leck mich am Oasch“ präsentiert. „Des san drei völlig unterschiedliche Bedeutungen: Bewunderung, Empörung und Aufforderung zum Zweikampf.“
Es wird gelacht.
Susi steht auf der Bühne, mit ihren roten Haaren und der Blumenhose und leitet ihre Ode an die bayerische Butter mit „Ich bin d´Susi und ich hab ein dunkles Geheimnis: I mog an Butter“ ein. Nicht nur ihre Liebe zur Butter, auch ihre Erfahrungen mit streitlustigen Mamis der gegnerischen Fußballmannschaft verwandelt die zweifache Mutter in Gags für das Publikum: „‘Derf der da stehn, der steht so nah am Tor?‘ Vater: ‘Des is a Eckball, der derf da stehn.‘“
Es wird gelacht.
Bei jeder der insgesamt sechs Frauen wird gelacht, mal mehr, mal weniger. Bei Anni und Susi eher mehr als weniger. Alle überleben es und alle sind zufrieden, wie eigentlich an jedem anderen Dienstag Abend auch. Trotzdem liegt er irgendwie in der Luft: Der „Ja-und-Weiber“-Effekt. Wenn Susi und Anni, die sich hier zum ersten Mal begegnen, sich miteinander unterhalten, sich vielleicht auch gegenseitig Mut machen, kurz bevor es losgeht. Wenn Susi und Michi Mauder, ebenfalls Stand-Up Comedian, heute offensichtlich nur in der Rolle des Gastes, sich in die erste Reihe setzen, um die Plätze zu füllen, die in der Zwischenpause frei geworden sind. Wenn Susi im Vorfeld in die Facebook-Veranstaltung ein Foto von sich in einem Superheldinnen-Shirt mit der Überschrift „Femme Power“ postet und dafür von ihren Mitstreiterinnen Likes bekommt. Und auch in den Momenten, in denen das Lachen im Kellerraum ein wenig heller als sonst klingt. Dann ist er da: Der „Ja-und-Weiber“-Effekt.

Hohe Erwartungen

Einige Tage nach ihrem Auftritt schreibt Anni per Facebook:

„Ich hab auf der Bühne keinen Unterschied zwischen „Ja und Weiter“ und „Ja und Weiber“ festgestellt. Nur als Rezipient hatte ich witziger Weise bei „Ja und Weiber“ eine etwas andere Erwartungshaltung. Die war höher als sonst.“

Ein paar Sekunden später kommt dann noch eine Nachricht hinterher: „Ich wollte, dass alle besonders gut sind.“