Filmklassiker der Woche

Caché

/ / Bild: Les Films du Losange

Das Medium des Films ist seit seinen Anfängen auch mit einer Art Voyerismus verbunden, den der Zuschauer durch das Auge der Kamera ausleben kann. Nur wenige Werke nutzen diese Ebene der Filmkunst so intelligent und spannend wie der 2005 erschienene Caché von Michael Haneke, der mithilfe einmaliger Kameraarbeit und genialen Schauspieler*innen eine Geschichte um Verdrängung, Geheimnisse und Schuld spinnt.

„Für mich sind Hanekes Filme notwendige Filme. Von Zeit zu Zeit sollte man sie sich ansehen. Aber sicher nicht immer.“, findet Juliette Binoche, eine der Hauptdarsteller*innen von Caché, über das Werk von Michael Haneke. Mit der Meinung, dass Hanekes Filme keine leichte Kost sind, steht sie keineswegs allein da. Der österreichische Regisseur, geboren 1942 in München, wurde mit Filmen über toxische Eltern-Kind-Beziehungen (Die Klavierspielerin), der physischen und psychischen Folter einer ganzen Familie (Funny Games) und Kindesmisshandlung (Das weiße Band) weltbekannt. Trotz seiner gewagten Thematiken ist Michael Haneke aber nie bloß Provokateur, sondern sucht immer auch das menschliche im unmeschlichen und versucht, dem Zuschauer die Augen zu öffnen. Caché ist in dieser Hinsicht eines seiner gelungensten Projekte, da hier ein persönliches Trauma mit einem historischen verwoben wird und Themen wie Rassimus und Verdrängung von Schuld heute mindestens so aktuell sind wie vor 15 Jahren.

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Aktueller denn je: Michael Hanekes Caché.

Das Französische Wort „caché“ heißt auf deutsch so viel wie „versteckt“ – ein Titel, der für Hanekes Film nicht passender sein könnte. Denn sowohl im Alltag wie auch in der Psyche der Charaktere verstecken sich Geheimnisse und Abgründe, die sich nie richtig greifen lassen. Aber von vorne: Das kultivierte Ehepaar Anne und George Laurent (genial poträtiert von Juliette Binoche und Daniel Auteuil) gehören zur gehobenen Pariser Mittelschicht und sitzen beruflich wie privat fest im Sattel. Gemeinsam mit ihrem Sohn Pierrot führen sie ein angenehmes Leben, welches aber plötzlich durch seltsame Zusendungen jäh unterbrochen wird.

Videos aus der Vergangenheit

Denn eines Tages findet George vor der Tür ein Packet mit einer Videokassette. Auf dieser ist zwei Stunden lang die Wohnung der Laurents zu sehen, von der Straße aus aufgenommen. Zunächst macht sich die Familie noch keine größeren Sorgen und tut das Video als dummen Scherz ab. Doch kurze Zeit darauf folgt ein weiteres Video, diesmal zusammen mit einer verstörenden Kinderzeichnung, die dem Paket beiliegt. Stück für Stück kommen mehr Videos an, die sich immer expliziter auf Georges‘ Kindheit in der französischen Provinz beziehen. George wird zunehmend aggressiver und misstrauischer und die Familien-Idylle droht komplett zu zerbrechen. Doch anstatt sich seiner Vergangenheit zu stellen, versinkt George tiefer und tiefer in Selbstverleugnung und Paranoia.

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Interview mit Michael Haneke zu „Caché“

Trotz der teilweise brutalen Szenen, vielen dunklen Einstellungen und der plötzlichen Wendungen ist Caché viel mehr als ein gewöhnlicher Psycho-Thriller. Die Zuschauenden lesen oder schauen eher zwischen die Zeilen und so ist der Film der Versuch, die europäische Gesellschaft mit der Kolonial-Vergangenheit und ihrem heutigem Umgang mit dieser zu konfrontieren. Im Mittelpunkt steht dabei das Pariser Massaker von 1961, bei welchem im Laufe der Auflösung einer friedlichen Demonstration für die Unabhängigkeit Algeriens über 200 Menschen von der Pariser Polizei teils brutal ermodert wurden. Frankreich, dessen Kolonial-Geschichte bis heute nie komplett aufgearbeitet wurde, versuchte noch Jahrzehnte nach diesem grausamen Ereignis, das Pariser Massaker tot zu schweigen. Der Charakter des George Laurent in Caché steht dabei stellvertretend für das kollektive Verdrängen der Franzosen und das Abweisen einer historischen Schuld.

Die Hoffnung bleibt

Hanekes Meisterwerk ist unerträglich spannend, aufreibend und macht es den Zuschauenden nie einfach. Besonders die innovative Kameraarbeit holt das Publikum immer wieder aus der Fiktion heraus und fordert zum reflektieren auf. Doch Haneke zeigt auch, das es Hoffnung gibt – für jeden einzelnen wie auch für ganz Europa, wenn wir uns unserer Vergangenheit stellen.

Caché ist beim Streaminganbieter Mubi zu sehen.