Foto Protest an der Cornell Universität für Jane Doe

Wer schweigt, schützt die Täter?

Was den Fall der Cornell Seven mit dem Film Promising Young Woman verbindet  

/ / Foto: Seth Harrison/The Journal News

Kaum ein anderes Thema ist Anfang Oktober 2026 so schnell durch die Medien gegangen: Der Fall der Cornell Seven. Wenn sexualisierte Gewalt zum Skandal wird, richtet sich der Blick meist auf die mutmaßlichen Täter. Doch was ist mit denen, die wegsehen, schweigen oder die Täter schützen? Der Cornell-Seven-Fall und der Film Promising Young Woman führen zu einer unbequemen Frage: Wo endet persönliche Unbeteiligtheit und wo beginnt gesellschaftliche Mitverantwortung?

Der Cornell-Seven-Fall: Fakten und Hintergründe 

Sexualisierte Gewalt an Colleges in den USA ist keine Neuheit: Schon 2010 gab es eine erste Studie dazu, warum es so viele sexuelle Übergriffe an den Universitäten gibt und wann die meisten gemeldet werden. Dabei kristallisierte sich ein klarer Zeitraum heraus; eine sogenannte “Red Zone”. Damit beschreiben die Wissenschaftler den 6 bis 10 wöchigen Zeitraum zum Start des Herbstsemesters, indem sich über 50% aller gemeldeten sexuellen Übergriffe an amerikanischen Colleges verorten lassen. Dies hänge damit zusammen, dass in diesem Zeitraum besonders viele Partys von Studentenverbindungen stattfinden würden, vor allem die sogenannten “rush events” für Studierende, die überlegen, einer Fraternity oder Sorority beizutreten.

In diesen Zeitraum fällt auch der 19. Oktober 2024. Das Datum, an dem eine junge Frau (anonymisiert als Jane Doe) angibt, über Stunden von mehreren Männern einer Fraternity vergewaltigt worden zu sein. Sie legte der Campus Polizei daraufhin ein 120 Seiten langes Dokument vor, in dem sie die Geschehnisse des Abends schildert: Jane Doe besuchte mit Freundinnen eine Bar, wo ihr Alkohol verkauft wurde, obwohl sie unter 21 war und damit nicht legal Alkohol trinken durfte. In ihrem betrunkenen Zustand traf sie sich mit einem Freund bei dessen Fraternity Anwesen: dem Chi Phi Fraternity Haus.

Zunächst willigte sie zu Geschlechtsverkehr mit dem Freund und einem weiteren Fraternity Mitglied ein. Doch als ihr noch mehr Alkohol eingeflößt wurde und sie zudem aufgefordert wurde, Ketamin zu nehmen, veränderte sich die Situation. Jane Doe beschreibt, das plötzlich noch 5 weitere Männer hinzukamen und begannen sie anzufassen und Ketamin von ihrem Körper aus einzunehmen. Sie versuchte sich aus der Situation zu entfernen, doch aufgrund der Drogen und dem Alkohol geling ihr dies nicht.

Nicht genug Indizien?

Darauf folgten Übergriffe und Vergewaltigungen über mehrere Stunden hinweg; irgendwann verlor sie das Bewusstsein. Jane Doe schreibt in ihrem Protokoll: “I can say with 100% confidence that I was raped”. Dies wurde der Staatsanwaltschaft so allerdings nie vorgelegt. Stattdessen übergab die Campus Polizei eine sechsseitige Zusammenfassung, indem dieser Satz ausgelassen wurde. Der Bezirksstaatsanwalt Matthew Van Houten verzichtete damals auf weitere Ermittlungen gegen die “Cornell Seven” und begründete dies damit, dass es nicht genug Indizien gäbe für eine Strafanzeige. Außerdem gäbe es ein mögliches “Loophole” im New York State Law: Wenn eine Person wissentlich Drogen oder Alkohol konsumiert, haftet sie für ihre Handlungen. Das Gesetz könnte deswegen auch so ausgelegt werden, dass es die Schuld des Opfers wegen des Konsums sei.

Dabei verschwieg er ein entscheidendes Detail: Zusätzlich zu dem vorgelegten Bericht, wurde ihm auch ein Screenshot von einem Snapchat Gruppenverlauf vorgelegt. Dieser Screenshot zeigt eine Gruppe names “Chi Phi Actives”, in der alle 57 Mitglieder der Fraternity waren. In dieser Gruppe sendeten zwei von den mutmaßlichen Vergewaltigern eine Nachricht mit “Free Pussy” und eine weitere Nachricht mit “Come Whip It Out”.

Dadurch, dass es nicht zu einer Strafanzeige von der Staatsanwaltschaft kam, lag es an der Universität, Konsequenzen zu ziehen. Die beiden Männer, die die Nachrichten in die Snapchat Gruppe geschickt hatten, wurden der Universität verwiesen. Die restlichen fünf Männer wurden suspendiert oder sollten ein Essay zur Reflexion über ihre Taten schreiben.

Promising Young Woman: Film spiegelt Realität?

Der Titel des Films basiert auf der Urteilsverkündung des Richters Aaron Persky in Kalifornien. Er verurteilte einen Vergewaltiger zu nur sechs Monaten Haft; mit der Begründung er sei ein “promising young man”. Die Regisseurin Emmerald Fennel dreht diese Bezeichnung um. Warum wird an die Zukunft des Vergewaltigers gedacht und nicht an die des Opfers? Ist sie keine Promising Young Woman?

Die Geschichte des Films ist dabei erstaunlich ähnlich zu den realen Ereignissen im Cornell-Seven-Fall: Die beste Freundin Nina des Hauptcharakters Cassie wurde während ihres Studiums eines Abends zu einer Party eingeladen und unter Drogeneinfluss vergewaltigt. Statt dass ihre Vorwürfe ernst genommen wurden, wurden ihr Vergewaltiger und seine anwesenden Freunde geschützt. Die Täter machten Karriere und konnten ihr Studium beenden, während Nina irgendwann Selbstmord begann. Cassie strebt nach Rache und Gerechtigkeit für ihre beste Freundin. Zunächst trainiert sie an zufälligen Männern: Sie geht in eine Bar oder einen Club und tut so, als wäre sie zu betrunken um alleine nach Hause zu kommen. Sie wartet bis ein Mann sie mit nach Hause nimmt, doch sobald die Männer übergriffig werden, lässt sie die Fassade fallen und konfrontiert die Männer mit ihrem Verhalten.

Foto: Universal Pictures Germany

Was wenn es ich wäre oder jemand der mir nahe steht?

Schließlich konfrontiert sie auch die Mittäter an Ninas Vergewaltigung: Die Freundin Madison, die Nina nicht geglaubt hatte (aber selber sofort denkt sie wäre vergewaltigt worden, als Cassie sie unter Drogen setzt). Die Dekanin der Universität, die gesagt hatte, es gäbe keine Beweise (aber unglaubliche Angst um ihre eigene Tochter hat, als sie erfährt, dass ihre Tochter sich im Raum wo Nina vergewaltigt wurde befindet). Schließlich die Männer, die dabei waren; die Tat sogar gefilmt hatten. Diese streiten alles ab und sagen es wäre nicht ihre Schuld gewesen; sie hätten ja nur im Hintergrund gestanden. Der Film wirft brutal und kompromisslos die Frage von Mittäterschaft auf: Wie weit kann man sich distanzieren, wenn man mit sexuellem Missbrauch im eigenen Umfeld konfrontiert wird?

Gesellschaftliche Mechanismen des Schweigens: Institutionen und Verantwortung

Was sowohl im Film als auch im realen Fall auffällt: Mehrere Männer wussten von der Vergewaltigung und haben trotzdem nichts unternommen. Bei Ninas Fall zirkulierte ein Video, dass alles bewies, doch erst nach ihrem Tod gelang es Cassie, es an den Staatsanwalt zu schicken. Im Cornell-Seven-Fall haben 55 Männer zwei Nachrichten bekommen, die sie aufforderten, an einer Gruppenvergewaltigung teilzunehmen. Fünf nahmen diese Aufforderung an, während 50 andere nichts gemacht haben. Es gab offensichtlich einen Mann, der hinterher den Screenshot mit Jane Doe geteilt hat, aber der Rest hat nichts unternommen, hat nicht ausgesagt, nicht die Polizei angerufen, nichts.

Und es geht noch weiter: Die Dekanin im Film meinte, dass es nicht genug Beweise gab und dass sie eine Verantwortung für alle ihre Studierenden hat. Deswegen hat sie dafür gesorgt, dass der Fall nicht an die Öfffentlichkeit gelangt und dass die Ermittlungen eingestellt werden. Ähnlich haben sich der Cornell Dekan und die Professoren nicht dafür eingesetzt, dass weiter ermittelt wird. Es war ihres Erachtens ausreichend, nur die zwei Anstifter der Universität zu verweisen. Die anderen seien nur Mitläufer und deswegen seien Essays zur Reflexion über ihr Handeln ausreichend.

Foto: Olga Fedorova / EPA

Zwei Jahre hat es gedauert, bis der Fall an die breite Öffentlichkeit gelangte. Und das auch nur, weil Jane Doe eine Zivilklage gegen die Universität und alle am Fall beteiligten gestartet hat. Die Generalstaatssekretärin Letitia James wurde nun mit neuen Ermittlungen beauftragt. Doch wie viele Frauen gibt es, die sich eine solche Zivilklage nicht leisten können? Wie viel bleibt hinter verschlossenen Türen?

Wird es ein Ende geben?

Der öffentliche Aufruhr ist groß. An der Cornell Universität gab es in den letzten Wochen zahlreiche Demonstrationen und in den sozialen Medien wird nach den beschuldigten Vergewaltigern gefahndet. Einer der Angeklagten soll von seinem Job gekündigt worden sein. Doch es gilt auch, die größere Machtkette zu betrachten: Eigentlich ist es etwas Exklusives, in den USA Mitglied einer Fraternity zu sein. Etwa sieben Prozent der Männer in den USA geben an, Mitglied in einer Fraternity gewesen zu sein. Doch schon 2007 zeigte Professor Alan DeSantis in seinem Buch Inside Greek U: Fraternities, Sororities, and the Pursuit of Pleasure auf, wie viele Fraternity Männer an der Spitze der USA stehen: Historisch gesehen waren 76% der US-Senatoren und 85% der Supreme Court Justices Mitglieder in einer Fraternity.

Nicht zu vergessen, dass 44% der US-Präsidenten Teil einer Fraternity waren. Dazu kommt, dass mehrere Studien belegen, dass es für Fraternity-Mitglieder dreimal so wahrscheinlich ist, wegen Vergewaltigung angeklagt zu werden. Eine Studie von 2021 belegt zudem, dass Mitglieder von Fraternities und Sororities in deutlich erhöhtem Maße von nicht einvernehmlichen sexuellen Kontakten, versuchter oder vollendeter Vergewaltigung sowie unerwünschter sexueller Aufmerksamkeit betroffen sind.

Wie soll es also langfristig Gerechtigkeit für Opfer von sexuellem Missbrauch geben, wenn es diese Strukturen gibt? Wenn es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass diejenigen, die die Gesetze zu sexuellem Missbrauch schreiben, Mitglieder einer Fraternity waren?

Der Fall der Cornell Seven sollte für alle ein Aufrütteln darstellen. Ein Realisieren, wie sehr sexueller Missbrauch in der Gesellschaft verankert ist. Sowie die Erkenntnis, dass Opfer Sympathie verdienen, dass sie ebenso Promising Young Women sind und Gerechtigkeit verdienen.