M94.5 ALBENREVIEW

Alexis Marshall – House of Lull. House of When

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Das erste Soloalbum des Daughters-Frontmann ist in den besten Momenten ein atmosphärisches, dichtes und gut komponiertes Kunstprojekt – aber in den Schlechtesten einfach langweilig.

Verrauchte “Freie Szene”-Theater, David Lynch-Filme und Kafka. Alles Dinge, die ein sehr bestimmtes Publikum ansprechen, dieses meist auf eine fast Kult-ähnliche Art für sich gewinnen und an allen Anderen vorbeigehen. Dieses Publikum können wir uns für House of Lull. House of When vorstellen. Und damit richtet sich das Album nicht unbedingt an die gleichen Personen wie es Alexis Marshall’s frühere Projekte tun.

Von Hardcore zu Avant-Garde

Alexis ‘Lex’ S.F. Marshall machte mit seiner ersten Band As the Sun Sets noch Math- und Grindcore, dürfte den Meisten jedoch durch sein zweites Projekt Daughters bekannt sein. Die sind, eigentlich schon seit ihrem Anfang, aber spätestens nach ihrem letzten Album “You Won’t Get What You Want” eine der renommiertesten Bands wenn es um experimentelle Rock-Musik geht. Als er dann dieses Jahr die ersten Singles seines neuen Soloprojekts veröffentlicht hat war also die Überraschung nicht allzu groß, dass die Songs unkonventionell und düster klangen. Was allerdings ein bisschen unerwarteter war, waren die nahezu spoken words, die seine sonst eher Hardcore-inspirierten Schreie ersetzten.

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Das offizielle Video zur ersten Sinlge „Hounds in the Abyss“

Unkonventionell – auch in der Arbeitsweise

Entstanden ist das Album in Zusammenarbeit mit seinem Daughters-Bandkollegen Jon Syverson und Evan Patterson von Jayle Jayle und Young Widows. Die haben sich ohne genauen Plan ins Studio gezogen, um sich komplett von spontanen Momenten zu einer klanglichen und thematischen Richtung treiben zu lassen. Das führte nicht nur zu den typisch groben, anstrengenden Klangwelten der Noise-Rock Veteranen, sondern sie auch in Baumärkte, um die industriellen, harschen Instrumentals mit Baugeräten, Tonnen und vielen weiteren unkonventionellen “Musikinstrumenten” zu erweitern. Marshall’s Vocals über diese Instrumente sind mal gesprochen, mal gerufen, aber klingen immer wie ein direktes Ansprechen der Hörer:innen. Immer und immer wiederholt er innerhalb der Songs dieselben Mantren, die an eine perverse, verzerrte Version der unfairen Erwartungen, oder an eine Persiflage an alles was in unseren Systemen falsch läuft erinnert.

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Das offizielle Musikvideo zur zweiten Single „Open Mouth“

Hohe Höhen und Tiefen, die kaum im Kopf bleiben

Auch wenn der Hardcore-Sound dabei weniger ausgeprägt ist als bei Marshall’s Bands, heißt das jedoch nicht das auch der Hardcore-Spirit auf der Strecke geblieben ist. Die Lyrics und Vocals haben fast immer eine bleibende Wirkung auf die Hörenden und ähneln einem Protestschrei, der weniger blinde Wut und mehr intellektuelle Entrüstung beinhaltet. House of Lull. (…) fühlt sich dadurch in den besten Momenten an wie die musikalische Fassung eines der berühmt-berüchtigten Spoken-Word-Sets von Hardcore-Legende Henry Rollins.

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Die erste Solo-Single von Alexis Marshall „Nature in Three Movements“

Gerade das Highlight des Albums „It Just Doesn‘t Feel Good Anymore“ zeigt das perfekt. Marshall fängt mit simplen, spottenden Statements an: „Don‘t touch anything!“. Gleichzeitig drücken die harschen Drum Beats und schrillen Effekte. Während diese dann immer dichter und bedrohlich werden, redet sich der Sänger immer mehr in Rage: „You are expected to meet your obligations!“. Was gesprochen angefangen hat, gleicht mittlerweile einem lauten Streit, alles mit schreienden Frauenstimmen im Hintergrund. „Meet your obligations! Meet your obligations!“ Alle Stricke sind gerissen. Die Stimmung erdrückt die Hörenden fast. In den Tiefpunkten des Albums fehlt diese unterschwellige Aggression jedoch komplett, wird allerdings auch durch nichts Interessantes ersetzt. Ab und zu besteht ein Song nur aus einzelnen Drum-beats und einer unbegeisterten Stimme. Das hinterlässt wenig, sobald der nächste Song einsetzt.

Mehr Kunst als Musik

Zwar ist jede Art von Musik Kunst, trotzdem wirkt House of Lull. House of When sowohl in der Entstehungsgeschichte, den Absichten und auch dem Klang verstärkt mehr wie ein “Kunstprojekt” als wie ein “Musikalbum”. Das kommt mit all der Faszination und dem geweckten Interesse eines solchen Begriffes, aber auch mit all der Prätenziösität. Die Zielgruppe des Albums ist wahrscheinlich genauso gespalten wie Alexis Marshall’s Kunst selbst. Sie stehen auf schwarz-weiße avant-garde Filme, Kunstgallerien und gesellschaftskritische Bücher von Gelehrten, hassen aber gleichzeitig all diese Dinge und wollen am Liebsten ihre Wut im Moshpit frei herauslassen. Wer diese Dichotomie nicht nachvollzieht, für den ist “House of Lull. (…)” wahrscheinlich auch eher nichts.

House of Lull. House of When ist am 23.07.2021 via Sargent House erschienen.