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Eine vielleicht nicht komplett wahre

Geschichte der Flitzer

Autor(en): Thomas Jensen am Montag, 16. Juli 2018
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Quelle: Shutterstock

Wer ist schneller?

Im Finale der WM war es mal wieder so weit. Doch wo hat dieses inzwischen bekannte Phänomen seinen Ursprung? Eine 100% korrekte Spurensuche:

"Pheidippides aber beobachtete das Treiben mit Belustigung und dachte bei sich, wie er sich einen Scherz erlauben könne. Schließlich riss er sich die Kleider vom Leibe und sprintete durch das Schlachtgetümmel. Er verspürte solch eine Belustigung, dass er laut lachend weiter lief, bis nach Athen und dort eine Sitzung des Rates störte." Diese Passage aus dem Werk des antiken Schriftstellers Plutarch über die Perserkriege wird von der heutigen Forschung als älteste Quelle zum Flitzertum überhaupt interpretiert. Die vormals vorherrschende Interpretation, es handle sich um einen Botenlauf, um Athen vom Sieg über die Perser bei der Schlacht von Marathon zu unterrichten, können moderner Betrachtung der Geschichtswissenschaft nicht mehr standhalten.

Kein Einzelfall in der Antike

Pheidippides gilt daher als Urahn aller Flitzer und genießt noch heute im Milieu große Verehrung. Dr. Willi Wirbel, Vorsitzender des deutschen Verbandes für unbekleidete Sprintereien (DVFUS) bestätigt im Gespräch, wie groß der Personenkult ist: "Was Franz Josef Strauß für alle CSUler ist, ist Pheidippedes für uns - es ist der Traum eines jeden Flitzers einmal mit der Pheidippedes Medaille ausgezeichnet zu werden, dem höchsten Orden den wir für flitzende Leistungen vergeben." Allerdings ist Pheidippides nicht der einzige Flitzer der Antike. Vor allem im klassischen Athen wurde das Flitzen schnell zu einem beliebten Brauch. Geradezu regelmäßig wurde die Volksversammlung, Herzstück der attischen Demokratie, Schauplatz von Flitzern. Schon hier entwickelte sich erstmals eine Verbindung von politischem Gedankengut und Flitzertum. Nach Professor Doktor Uwe Ohne (Lehrstuhl für Alte Geschichte an der LMU), wurde das Flitzen sogar Hauptwerkzeug der Meinungskundgebung für gewisse Schichten: "Bürger, die nicht über die nötigen rhetorischen Fähigkeiten verfügten, jedoch trotzdem einen starken Drang zur Meinungsäußerung hatten, drückten ihren Standpunkt durch das Flitzen aus. Rannten sie nackt Richtung Redner, so drückte das ihre Zustimmung aus. Rannten sie planlos umher oder einfach aus der Versammlung heraus, so bedeutete dies Ablehnung".

Sprung zum Sport im Alten Rom

Doch die attische Demokratie verblühte und damit auch die Bedeutung des Flitzertums in der griechischen Welt. Das Gedankengut jedoch ging nicht verloren und erreichte zwei Jahrhunderte später Rom. Wie genau diese Wanderung vonstattenging, kann nur vermutet werden. Gesichert sind nur altrömische Quellen, die von Flitzern im Circus Maximus und Kolosseum berichten. Der Dichter Ovid verfasste sogar ein Lehrbuch, die Ars currerende nudus. Tatsächlich sind hier nur Fragmente überliefert, doch zeigt bereits der Titel, dass die Nacktheit weiterhin eine große Rolle spielte. Als Königsdisziplin galt wohl das Flitzen während eines Gladiatorenkampfes und der Raubtierkämpfe im Kolosseum. Aufgrund der Gefahr wagten sich jedoch nur die erfahrensten Flitzer an dieses Wagnis. Unerreichter Held der römischen Szene war wohl Sprintus Snellerus. Inschriften des ersten Jahrhunderts sprechen von 21 gelungenen Auftritten, ehe er bei einem Routineflitz im Circus Maximus von einem Wagen überrollt wurde und tödlich verunglückte. Seine letzten Worte: "fulminare homanum est" (Flitzen ist menschlich) wurde zum Sprichwort und ist noch heute Flitzermotto Nummer eins.

Rom bleibt Flitzhauptstadt

Dem Flitzertum tat diese Tragödie kein Abbruch. Römische Legionen verbreiteten es in jeden Winkel Europas. Bei gemeinsamen Sportspielen und auch in Schlachten gab es wohl immer wieder Fälle von Flitzern. In einigen Regionen wie zum Beispiel Nordfrankreich sorgte dieses Verhalten für Unverständnis bei den Einheimischen. Linguist Jean Nákig (Universität Paris) vermutet hier den Ursprung des gallischen Sprichworts "Die spinnen, die Römer".

Das Dunkle Jahrtausend des Flitzertums

Es folgte der Fall des römischen Imperiums. Die Flitzerei bildet im Kulturgut, dass an der Schwelle von Antike zu Neuzeit verloren ging, keine Ausnahme. Tatsächlich haben wir nur Hinweise auf lediglich "flitzähnliche" Aktivitäten wie es Flitzhistoriker Rainer Rüssel audrückt: "Zwar gab es solche Geschehnisse bei Rittertunieren, doch die Bekleidung der Aktivisten und das Primärziel den Wettkampf zu manipulieren, lassen keine klare Einordnung in das Flitzertum zu." Das Fachjargon spricht hier von einer Nebenbewegung, dem sogenannten Stoßstolpern.

Wiederentdeckung

Schließlich drang die Flitzerei im Zuge der Renaissance zurück ins Bewusstsein der europäischen Bevölkerung. Die allgemeine Glorifizierung der antiken Werte und Bräuche machten bei ihr keine Ausnahme. Kunsthistorikerin Susanne Schwung erläutert die Bedeutung für die Künstler dieser Zeit: "Egal ob da Vinci, Dürer oder Michelangelo, sie alle hatten Flitzen im Kopf. Nehmen Sie zum Beispiel das berühmteste Werk dieser Epoche, Michelangelos "David". Klar, vordergründig geht es um den biblischen David, doch uns ist klar, dass dies nur eine Ausrede von Michelangelo war, um es sich mit dem Vatikan sich nicht zu verscherzen. Da die Skulptur jedoch nackt dargestellt ist und die Muskeln annspannt, handelt es sich ganz klar um einen Flitzer, der kurz davor ist loszulaufen. Um in den Kampf zu ziehen, bräuchte die Figur natürlich eine Rüstung."

Neuzeit

Die ersten richtigen Flitzer traten dann wieder in den U.S.A. auf. Im 19. Jahrhundert mehrten sie sich auf Universitätsveranstaltungen. Ein Australier brachte das Flitzen 1974 dann schließlich auf die internationale Bühne und ebnete den Weg für die Flitzbewegung der letzten Jahrzehnte. Michael O'Brien flitzte bei einem Rugbyspiel zwischen Frankreich und England und brachte das Flitzen wieder dahin, wo es in seiner Blütephase im Alten Rom gehörte, nämlich sportlichen Großveranstaltungen. Seit es auch vermehrt wieder Ausdruck politischer Meinungen ist (Pussy Riot am Sonntag im WM Finale), ist das Flitzen wieder gänzlich zurückgekehrt - und zwar zu seinen antiken Wurzeln.

 

 

Platte des Monats

Auf den Ehrenplätzen der Rubrik „Wörter, die es nur im Deutschen gibt“ sitzt seit jeher die feucht-fröhliche „Schnapsidee“. Sie beschreibt treffend wie kein anderes Wort das, was entsteht, wenn drei befreundete Musiker*innen auf einer Geburtstagsparty einen über den Durst trinken und dann beschließen eine Band zu gründen. Aus einer solchen Schnapsidee wurde auch das Bandprojekt Phantastic Ferniture um Sängerin Julia Jacklin, das auf seinem gleichnamigen Debüt den Emotionsreichtum der Adoleszenz in leichtfüßig schwankender und wunderbar wärmender Gitarrenmusik feiert.

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