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Platte des Monats Juni 2012

Autor(en): Fiona Fissel am Freitag, 1. Juni 2012
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Das erste Halbjahr 2012 und unsere Platten des Monats - M94.5 reitet weiterhin die urbane Welle. Diesmal wortwörtlich. Mit Alt-J und ihrem Erstlingswerk.

Die sozio-kulturell bewährteste geometrische Form? Ganz klar das Dreieck. Sei es in sportlicher Form als Magisches beim VFB Stuttgart der 90er Jahre. Sei es in Religiöser als die heilige Dreifaltigkeit. Oder in amouröser als ménage à trois. Und seit dem 28. Mai 2012 ist das Dreieck nun auch von der musikalischen Landkarte nicht mehr wegzudenken. Verantwortlich dafür: vier junge Kunst-Studenten aus Leeds. Auf den enigmatischen Namen Alt-J hören Gwil Sainsbury (Gitarre/Bass), Joe Newman (Gitarre/Gesang), Gus Unger-Hamilton (Keyboard) und Thom Green (Schlagzeug) seit 2007. Und jeder, der die Tastenkombination Alt-J jetzt voller kindlicher Vorfreude in seine Tastatur hämmert, wird dem Rätsel um das Dreieck sogleich auf die Schliche kommen (aber auch nur solltet ihr zufällig einen englischen Mac zu Hause stehen haben). Allen anderen sei gesagt: es ist die Kombination für das Delta-Zeichen. Nun ja, Kunst-Studenten eben%u2026

 %u201EAn Awesome Wave%u201C haben Alt-J ihr Debüt benannt. Und das Symbol der Welle ist zutreffend in vielerlei Hinsicht. Bereits das Intro nimmt den Hörer, so er sein musikalisches Kanu in Position gebracht hat, zuerst behände, dann aber immer fordernder auf und trägt ihn über die Gesamtlänge von 13 Songs auf einer musikalischen Supernova. Man muss hier und da ein wenig paddeln, um auf dem Scheitelpunkt der Welle zu bleiben. Die Band bastelt mitunter äußerst komplexe Song-Strukturen, die volle Aufmerksamkeit vom Hörer fordern. Aber sobald man sich darauf einlässt, erledigen Alt-J den Rest ganz von selbst. Songs wie Breezeblocks oder auch Dissolve Me kommen unglaublich rund daher. Something Good glänzt wiederum mit dem nahezu perfekten Refrain.  

Dazu verleiht Joe Newman%u2019s Falsett Gesang, der mitunter an Dave Davison von Maps & Atlases erinnert, Alt-J%u2019s Songs eine Intensität, die sofort unsere Aufmerksamkeit gewinnt, sich dabei aber niemals penetrant in den Vordergrund spielt.   

 Das ist die musikalische Seite der Wave. Die andere ist der Zeitgeist, der  seit geraumer Zeit durch Europa im Allgemeinen und durch Großbritannien im Speziellen schwappt. Und diese verstehen Alt-J zu reiten. %u201EAn Awesome Wave%u201C ist in seiner Wechselwirkung aus Kompaktheit und Eklektizismus, die das Album trotz der mitunter etwas willkürlich wirkenden Interludes verströmt ein Kind seiner Epoche. Verschrobene Worte (über die sich unsere Geheimniskrämer von Alt-J sicherlich freuen würden), die im Grunde doch nur eines zum Ausdruck bringen sollen. Alt-J stehen zur Musik wie ein Kurator zum Künstler. Ein Kunstverständnis weisen beide auf. Der Unterschied ist aber: Alt-J gehen tiefer vor, Genregrenzen werden verwischt, der Horizont erweitert und das zu betrachtende Objekt neu kontextualisiert. Oder um bei An Awesome Wave zu bleiben: Neo-Folk à la Fink trifft auf Dubstep-Frickeleien eines Ifan Daffydd. Dass Akustik-Gitarre auf Downbeats funktioniert haben natürlich schon andere gezeigt. Anders aber als beispielsweise bei Bonobo kommt bei Alt-J die Indie-Rock Komponente stärker zum Tragen. "Blend the old-skool with the nu-skool to create the true-skool". Das Credo von Afrika Bambaataa haben sich Alt-J zu Herzen genommen. Und die true skool kommt bei den 4 Jungs dermaßen überzeugend daher, dass man kaum glauben mag, es handele sich bei %u201EAn Awesome Wave%u201C um ein Debüt-Album.

Alt-J kreieren dabei nicht zwangsläufig etwas völlig Neues. Das müssen sie aber auch nicht, das erwartet niemand. Vielmehr ergänzen sich bei Alt-J unterschiedliche musikalische Strömungen. Und gehen damit die bereits erwähnte Wechselwirkung ein. 

Delta ist das mathematische Zeichen für Wandel verrät uns Gwil Sainsbury von Alt-J. Und Delta erfasst damit auch den Kern von %u201EAn Awesome Wave%u201C. Bereits Bekanntes wandelt sich hier wie von selbst, allein dadurch, dass nur an ein paar kleine Schräubchen gedreht wird.

 Sollte man Alt-J's Album mit einem einzigen Attribut umschreiben: es müsste definitiv als kontemporär betitelt werden. Damit schlagen sie in gewisser Weise in die gleiche Kerbe wie auch schon Breton. Allerdings weit weniger grobschlächtig (Breton Fans mögen mir verzeihen). Breton stehen für eine Urbanität, die in diesem Band-Projekt zu 100 Prozent verinnerlicht und bejaht wird. Bei Alt-J ist das anders, was nicht nur mit der geografischen Herkunft aus der beschaulichen Grafschaft West Yorkshire zusammenhängt. Die Urbanität von Alt-J ist fragiler, stiller, mitunter auch zweifelnder. Es ist der Splinter Urbanism der Generation The XX. Eine Generation, die auf der Suche ist, diese Suche allerdings nicht als Hindernis oder Last empfindet. Denn auch der Ritt auf der Welle kann viele Facetten haben wie uns Alt-J eindrucksvoll zeigen. Es muss nicht zwangsläufig die tosende Gischt sein, die alles um uns herum versenkt. Mitunter kann die Welle auch sanft anschwappen und uns zu uns selbst tragen. Alt-J laden uns ein mit ihnen die Awesome Wave zu reiten. Nun ist es an uns, darauf aufzuspringen.

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