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Platte des Monats Oktober 2011

Durch Tanz geboren: Aérea Negrot - Arabxilla [BPitch]

Musikalisch hat Aérea Negrot sich auf Arabxilla von dem glamourösen Disco-Pop á la Hercules and Love Affair verabschiedet. Zusammen mit ihrem Co-Produzenten Tobias Freund ist der Sound auf ihrem Debütalbum eher elektronisch bis technoid, eher experimentell als groovig geworden. Im Vordergrund, und dabei  in die Instrumentals eingebunden, ist Aérea Negrots enorme Stimme. Klassisch ausgebildet, umfasst sie so viele Oktaven, dass man nicht sicher sagen kann, ob man es mit einer Männer-oder Frauenstimme zu tun hat. Dabei entfaltet ihr Gesang - mal opernhaft, mal gackernd, mal als Sprechgesang - eine unheimliche Wucht mit der sie einen zwingt, sie ernst zu nehmen.

Thematisch wie sprachlich speist sich das Album dabei aus Aérea Negrots sehr persönlichen Erfahrungen der letzten sieben Jahre aus ihrem Leben, das sie sowohl in Amsterdam, London als auch Berlin zugebracht hat. Einige der Begebenheiten aus dieser Zeit tauchen auf dem Album auf, zum Beispiel ein missglückter One Night Stand in "Listen To The People" oder durch Stress verursachter Haarverlust in dem Song "Hair". Die Musik ist dabei für sie ein Weg, auch aus noch so grotesken Situationen eine lustige Erzählung zu machen. "Ich glaube, das ganze Album ist mit Humor gemacht, obwohl es dramatisch ist. Obwohl eine Geschichte traurig ist, versuche ich die positive Seite der Situation zu finden."

Aérea Negrot will Geschichten erzählen und obwohl die sehr subjektiv sind, versucht sie durch ihre Kunst gleichsam eine allgemeine Sprache zu finden. Es geht ihr darum, Menschen zu bewegen und damit meint sie: Zum Tanzen und zum Lachen bringen. Und tatsächlich fügen sich der Humor und die treibende Musik so gut zusammen, dass früher oder später Geist und Po in Schwingung geraten.

"Ich denke mich auf eine Bühne, wenn ich an meine Lieder denke"

Aérea Negrot ist bereits in jungen Jahren über den Tanz zur Musik gekommen. "Meine Eltern haben zusammen getanzt und dann bin ich irgendwie geboren" So beschreibt sie ganz romantisch ihre Entstehungsgeschichte. Seit ihrer Kindheit hat sie leidenschaftlich getanzt, bis sie in das Dilemma geriet, sich mit ihrer Leidenschaft fremdbestimmt zu fühlen. "Mein Vater war ein Tänzer, Meine Mutter war eine Tänzerin, also musste ich auch Tänzerin werden". Arabxilla kann man deshalb auch als Ergebnis eines Abnabelungsprozesses verstehen - von den Eltern, mit denen sie auf "Todeloo" reinen Tisch macht und von einer Prädestination, die nicht genug für sie gewesen wäre.

Die Passion für den Tanz, für die Performance, hat sie sich aber behalten und sie auf die Musik übertragen. "Wenn ich singe oder produziere habe ich immer das Gefühl, ich will es nicht nur hören, ich will es auch sehen." Deshalb überträgt sie teilweise die Situation der live Performance auf die Arrangements der Lieder. So haben Lieder wie "Berlin" beinahe Hörspielcharakter. "Das Lied habe ich nur einmal bei mir zu Hause aufgenommen, ich habe ein bisschen Klavier gespielt und dazu meine Stimme aufgenommen und dann war es eine große Überraschung, dass der ganze Song genauso mit allen Fehlern auf das Album gekommen ist."

Berlin ist die Stadt, der dieser Song gewidmet ist, ist der Platz an dem sie sich wohlfühlt, hier ist sie nach den Jahren des Reisens angekommen. Für sie ist der kulturelle Melting Pot ein Ort, an dem ihr Dinge passieren, die sonst nirgends möglich wären. Auch ein Grund, warum sie sich entschlossen hat, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Dennoch ist von jedem ihrer internationalen Wohnorte etwas hängen geblieben. Das spiegelt sich auch in der Sprachvielfalt auf Arabxilla wider, sie singt auf Spanisch, Englisch und Deutsch.

Suche nach Identität

Doch Aérea Negrot hat sich nicht nur von der Idee einer unilateralen Identität verabschiedet. Auch ihre geschlechtliche Identität lässt sie offen. Sie beschreibt sich selbst als Transsexuell, vereint jedoch sowohl weibliche als auch männlich Attribute in einem Körper. Auf diese Weise ähnelt sie eher einer androgynen Kunstfigur wie Grace Jones oder dem, ebenfalls durch Hercules And Love Affair bekannten, Antony Hegarty. Anders als Letzterer kann man Aérea Negrot als Post Androgyn bezeichnen, sie lässt vielmehr eine Leerstelle, wo üblicherweise auf sexuelle Identität verwiesen wird.

Auf diese Weise löst sie im Betrachter ein unwillkürliches Gedankenexperiment aus: Ist es jetzt ein Mann, der eine Frau ist, die keine Frau sein will oder eine Frau, die ein Mann sein will… und bei dem der Betrachter ein weiteres Mal merkt, wie überflüssig die heteronormative geschlechtliche Zuschreibung ist. Auch wenn es auf Arabxilla vereinzelte Andeutungen auf Männlichkeit oder Weiblichkeit gibt, liegt ihr Schwerpunkt nicht auf der Auseinandersetzung.

"Das Album ist eine Suche nach Identität als Mensch. Egal ob man Frau, Mann oder Vegetarier ist."

Arabxilla von Aérea Negrot erschien am 24.Oktober 2011 bei Carpark Records

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