Platte des Monats November 2011

Gedrückter Sound mit befreiender Wirkung: Werner Kitzmüller - Evasion [Valeot Records]
 
Autor(en): Franziska Niesar am Mittwoch, 12. Oktober 2011
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Wo er musikalisch herkommt, lässt sich nur schwer einordnen. Er ist weder Kind der musikalischen Früherziehung, noch hat er eine klassische Musikausbildung. Obgleich er mehrere Jahre im Chor gesungen hat. Werner Kitzmüller kommt aus Nieder-Österreich und dort gehört dies wohl „zum guten Ton“ eines jeden Schülers.
„Motte“ eröffnet Kitzmüllers Debüt. Atmosphärischer Sound, der sich langsam aufbaut, abgedämpft durch kurze, aber prägnante Töne. Der erste Song greift das Grundgerüst des Albums auf, ohne den Hörenden zu überfordern. „Motte“ nimmt an die Hand, um gemeinsam gen Licht aufzusteigen. Das leise Geräusch eines Bogens, der die Saiten eines Cellos streicht. Der Beat setzt ein und schräge, kaum zu fassende Töne führen schließlich zu einem Sprechakt. Ein kurzer gesprochener Absatz, der seine Prägnanz erhält, indem Kitzmüller die Sätze immer wieder übereinander legt. Eine Art Kanon, der die Geschichte einer Person erzählt, die, an ein Geländer geklammert, um nicht zu fallen, den Weg ins Licht sucht und erkennen muss, dass ein Teil von ihm fehlt. Es ist das Gefühl der Unvollkommenheit, der Sehnsucht nach etwas, was nicht da ist, aber auch nicht verbalisiert werden kann. „I can’t find no words“ singt der Künstler im Lied „Grenade“ und weiter „It’s missing, I cannot explain“. Die Unfähigkeit das Fehlende zu benennen führt schließlich zu den Songs, die den Hörenden fordern und das Album charakterisieren.
 
Musik schafft Raum. Gesang befreit.
 
Kitzmüller kreiert ein Zusammenspiel aus klassischen Klavierklängen, schreienden Violinen, gezupfter Akustikgitarre und Hintergrundgeräuschen aus dem Alltag, wie ein plätschernder Wasserhahn, vorbeifahrende Autos, klirrende Gläser und Glockenläuten. Hinzu kommt seine eigene sonore, den Raum einnehmende Stimme. Für Kitzmüller ist Musik Sprache und die Stimme ein weiterer Körperteil. Diese nutzt er als Instrument und befreit sich durch den Gesang. Der Künstler empfindet Befreiung, der Hörende allerdings fühlt sich mehr und mehr eingesperrt in einen Raum, der teilweise die Luft zum Atmen nimmt. Ein Schneckenhaus von gedrückten Liedern, in das man sich hineinquetschen muss und in dem dunkle, intensive, schaurige Songs einer klammen Seele warten. Vor allem das Duett „Stalker“ ist gepresste, reduzierte Expressivität, die in dem Kreischen einer Frau ihren Höhepunkt findet und Magenschmerzen hervorruft. Während Kitzmüller den Ausweg durch die Musik sucht, fühlt man sich selbst in ihr gefangen und fängt an zu taumeln.
 
„Draußen, endlich draußen“
 
Kitzmüller nennt sein Erstwerk „Evasion“, also Ausflucht. Eine Ausflucht, die „sowieso nie ganz funktioniert“, so Kitzmüller selbst über sein Album. Doch er versucht es weiter und gelangt gen Ende des Debüts schließlich mit „One Step“ einen Schritt weiter. Er verspricht: „I will love myself more and will clean this mess up and walk further“. Kitzmüller, der sich in vorherigen Liedern durch teils genuschelte Textzeilen vor der Öffentlichkeit zu schützen versuchte, singt nun klarer und entschlossener. Eine Spieluhr läutet den vorletzten Song „Remission“ ein. Gerade noch ist er einen Schritt weiter gegangen, schon lässt der Drang auszuweichen nach. Es ist die Erkenntnis, sich stets in einem Kreislauf ohne möglichen Ausweg zu befinden, die ihn zur temporären Resignation zwingt. Man kann höchstens dazulernen und neue Energie schöpfen. Kitzmüller lindert seinen Sehnsuchtsschmerz im letzten Lied. Mit „Salz“ beschreibt er, dass die Lösung darin liegt alles Unverstandene zu sammeln und nicht aufzugeben, bis man versteht. Für einen kurzen Moment ist man „draußen, endlich draußen“.  

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