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Platte des Monats

Lingua Nada - Snuff [Kapitän Platte]

Quelle: Kapitän Platte

Lingua Nada - Snuff

Deutschland kann keinen Math Rock? Das war vielleicht einmal. Mit ihrer Debütplatte bricht die Leipziger Kombo Lingua Nada mit allen Klischees und lädt zur Reise in die Tiefen der Virtual Reality ein. Von Computer-Viren zur virulenten Musik, mit Snuff veröffentlicht Lingua Nada schon früh eines der trippigsten Alben des Jahres.

"Welcome to the jungle, we've got fun and games" - so hat ein in Leder gekleideter Axl Rose 1987 die Karriere von Guns N' Roses eingeläutet. Gute 30 Jahre später nimmt sich die junge Leipziger Band Lingua Nada dieses Mantra zu Herzen, auch wenn die Leder-Drapierung kürzer daherkommt. Denn wie der tiefe Dschungel breitet sich die Debütplatte der Band, Snuff, vor den Ohren der Hörer aus. An jeder Ecke lauert die Gefahr, aber von den Koks-Eskapaden im Los Angeles der 80er bleibt hier nicht viel übrig. Vielmehr teleportieren Lingua Nada ihre Hörer in eine neue Welt: the Virtual Reality.

Ein virtueller Dschungel, so lässt sich die erste LP der Leipziger am besten beschreiben. Die Grün-Töne des lebhaften Dickichtes werden im Papierkorb entsorgt und durch kreischende Neon-Collagen und Pastell-Flächen ersetzt. Schon auf dem Opening-Track des Albums, "Svrf Party", machen Lingua Nada ihr Mission-Statement klar: Math Rock flirrt durch digitale Baumwipfel, Hand in Hand mit den nostalgischen Pop-Punk-Klängen der 90er, um schlussendlich, mit einer Hommage an die Scharfen Chilis, wieder in LA zu landen.

Digitale Demenz

Von Leipzig nach LA und direkt wieder zurück - alles ist im Netz miteinander verbunden. Auch deshalb funktioniert Snuff so gut. Auf den ersten Blick wirken die Fabrik-turned-Kunststudio-Fassade eines Leipzigs und der Hollywood-Glamour eines Los Angeles antithetisch zueinander. Das Internet schweißt nicht nur die Geocities zusammen, sondern erzwingt die Fusion der Genres auf Snuff - Pop, Punk, Hardcore, Noise, Math Rock, Emo - alles gefangen in einem chaotischen Vortex.

Genau dieses Chaos ist so erfrischend an Snuff. Es ist nicht die glatte, akribisch ausgearbeitete Platte, die den Hörer mit einem konzeptuellen Hammer erschlägt. Tracks wie "LVL100", "Cyanide Soda" oder "Mechakintosh" laden den Hörer zum Träumen und Spielen ein. Eben weil die Band mit einer ähnlichen Attitüde an die Sache herangeht. Das Spielerische ist dabei wortwörtlich gemeint: Um das erste Pressing des neuen Albums vorbestellen zu können, hat die Band ihre Fans eingeladen, in ihr selbst programmiertes Videospiel einzutauchen. Zwischen dreidimensionalen Anime-Babes aus den 90ern und metallic-meets-transparenten Polygon-Strukturen begibt sich der tapfere Fan auf eine Reise durch den virtuellen Dschungel, der jetzt mit Snuff vertont wurde.

Dada-Delirium

Aber nicht nur in Sachen Videospiel weiß die Band, was Sache ist. Ob Musik, Promo, Videos, Visuals oder Humor - auf allen Ebenen sind Lingua Nada Meister ihrer Domäne. Gitarrist der Band, Adam Lenox Jr., beschreibt das Chaos hinter der Ästhetik: von Mortal Kombat bis hin zum Schleimbad. Der DIY-Charakter von Lingua Nada strahlt in jeder Sphäre durch. Zur Alben-Veröffentlichung wurde beispielsweise aus dem Schlafzimmer gestreamt, und das für ganze zwölf Stunden. Ausgetattet mit einem Greenscreen machen Lingua Nada den Release zu einem musikalischen Drogentrip, gepaart mit Windows-Screensavern anno 1998. Japano-Kitsch trifft auf Memes, Pink auf Grün, 1998 auf 2018.

Musikalischer Mahlstrom

Diese ästhetischen Gegensätze finden sich aber nicht nur auf der visuellen Seite von Lingua Nada. Wie eingangs bereits erwähnt: Es ist die Verbindung, Biegung und Krümmung der zahlreichen Einflüsse zu einem totalen Ganzen, die Snuff zu einer so verlockenden Platte macht. Es gibt keine einzige Minute auf dem Album, in der Lingua Nada den Hörer auch nur ansatzweise an die Langeweile heranlassen. Der Math-Rock-Krach wird gefolgt von Pop-Punk-Plattitüden, die das Ohr nicht mehr verlassen wollen. Dann wird der Hörer in eine Zeitmaschine geworfen und von Vaporwave-Klängen und dem Soft-Porno-Pop der 80er überflutet, wie auf den Tracks "Mechakintosh" oder "A Netflix Original". Interludes dienen zur flüchtigen Entspannung, aber das nächste Digital High wartet schon.

Am Ende hat man sich durch den virtuellen Dschungel gekämpft, man hat das Ziel erreicht. Auf der Reise hat man vieles erlebt, vom Altbekannten bis hin zu komplett neuen Erfahrungen, ein Mix aus nostalgischen Klängen und Zukunftsmusik. Lingua Nada beweisen mit ihrer Debütplatte, dass Math Rock und seine Ableger eben auch in Deutschland funktionieren. Oft klingen die vier Jungs sogar so gut, dass man glaubt, sie kommen doch eher von der anderen Seite des Atlantiks. Es ist ein Zeugnis von dem Feinsinn dieser jungen Band, eine solch klangliche Kakophonie in eine verführerische Einheit zu wandeln. Snuff ist Chaos - Chaos, das sich keiner entgehen lassen sollte.

 

Snuff ist am 23.03.2018 bei Kapitän Platte erschienen.

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