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Platte des Monats

Julien Baker - Turn Out The Lights [Matador Records]

Autor(en): Vitus Aumann am Dienstag, 31. Oktober 2017
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Quelle: Matador Records

Julien Baker - Turn Out The Lights

Keine Aussicht auf ein Happy End. Auf ihrem zweiten Album setzt sich die 22-jährige Songwriterin aus Memphis offen und direkt mit ihren Depressionen auseinander. Das Ergebnis ist eine nahezu trostlose, aber unheimlich stimmungsvolle Platte, der man sich als Hörer kaum entziehen kann.

Der Süden der Vereinigten Staaten genießt nicht gerade den Ruf einer aufgeklärten, liberalen Gesellschaft. Vorfälle wie zuletzt in Charlottesville haben ihr übriges zum Image der Region beigetragen. Wie es wohl sein mag, als nicht angepasster Teenager in so einer Welt aufzuwachsen? Julien Baker gibt auf diese Frage keine eindeutige Antwort. Einerseits sind nach ihrem Empfinden vor allem die Menschen in den Großstädten längst nicht so engstirnig wie allgemein angenommen. Doch trotzdem wird beim Hören ihres zweiten Albums „Turn Out The Lights“ schnell klar, dass Julien Baker in ihrer Heimat schon mehr als genug erschütternden Schmerz erlebt hat.

 

Wenn Gedanken zur Qual werden

"Tell me that I shouldn't blame myself, you can't even imagine how badly it hurts just to think sometimes, how I think almost all the time.— Julien Baker in "Shadowboxing"
 

Schon auf ihrem ersten Album „Sprained Ankle“ waren die schonungslos ehrlichen Texte eine große Stärke von Julien Baker. Und so fühlen sich auch die Songs auf „Turn Out The Lights“ so authentisch an, als würde die 22-jährige dem Zuhörer in einem persönlichen Gespräch von ihrem Leben zwischen wirkungslosen Therapieterminen und eskalierendem Drogenkonsum erzählen. Während auf „Sprained Ankle“ noch zum Großteil ihre Heimat und ihre Identität als homosexuelle Christin Thema waren, werden beim Nachfolger auch zwischenmenschliche Frustrationen fokussiert. Im Song "Shadowboxing" erzählt Julien von ihrem Überlebenskampf gegen den Teufel selbst, während die Menschen um sie herum nur eine junge Frau sehen, die sinnlos ins Nichts schlägt. Sie wirft ihren Mitmenschen nicht direkt böse Absichten vor, umso größer wird jedoch ihre Frustration, dass gut gemeinte Ratschläge bei ihr nur das Gegenteilige bewirken. So zeichnet Julien Baker sich selbst als komplett isolierte Person, die zwar immer noch gegen ihre Dämonen kämpft, aber langsam kaum noch genug Kraft hat, sich zu verteidigen.

Theodizeefrage

Immer wieder, aber vor allem im mittleren Teil von „Turn Out The Lights“ macht Julien Baker auch noch die Religion zu schaffen. Julien hat ihren christlichen Glauben behalten, obwohl konservative Religionsausleger ihr für ihre Drogenprobleme und ihre Homosexualität mit loderndem Höllenfeuer drohen. Manche Songs sprechen Gott direkt an, flehen nach Erlösung und stellen die ewig ohne Antwort bleibende Frage, wieso Gott von seiner angeblichen Fähigkeit alles zum Guten wenden zu können einfach keinen Gebrauch macht. Musikalisch unterstützt sie diese Passagen mit Orgelklängen, während sie ihre Stimme so oft übereinanderlegt, dass der Klang an einen Kirchenchor erinnert.

Zwischen Flüstern und Flehen

Julien Baker klagt ihr Leid die größte Zeit über mit einer zarten, fast zerbrechlich wirkenden Stimme. Doch fast in jedem Song gibt es einen Moment, in dem sie ihren Gesang regelrecht aufbrausen lässt und ungeahnte Kräfte entfesselt. Derweil bleiben Ihre Arrangements auf “Turn Out The Lights“ nahezu intim. Kein einziges Perkussionsinstrument ist zu hören, Juliens Stimme wird meist mit Klavier und elektrischer Gitarre alleine gelassen. Nur hin und wieder sind subtil eingesetzte Streichinstrumente zu hören. Verbunden mit ihren starken, nur so voller Frust und Trauer triefenden Textzeilen sticht Julien Baker vor allem in ihren kraftvoll gesungenen Songpassagen so tief unter die Haut dass es nahezu unmöglich ist sich ihr zu entziehen.

Schmerzhafte Selbsttherapie

"Maybe its all gonna turn out alright, I know that its not 
but I have to believe that it is" — Julien Baker in "Appointments"
Zum Zeitpunkt als Julien Baker nach dem letzten Song der Platte den Klavierdeckel wieder schließt und den Raum verlässt, hat sie keine Antwort auf ihre Fragen, oder gar eine Lösung für ihre Probleme gefunden. Jedes Stück der Platte reißt neue Wunden auf, die sich nicht ohne weiteres wieder schließen lassen und die wenigen hoffnungsvollen Textzeilen gehen im düsteren Gesamtkonzept von „Turn Out The Lights“ nahezu unter. Erst im letzten Aufbrausen ihrer Stimme findet Julien so etwas wie einen Funken Trost: Sie erkennt, dass ein Leben ohne ihre Dämonen nicht möglich ist, dass sie ihren Schmerz akzeptieren und lernen muss, mit ihm durchs Leben zu gehen. Keine bequeme, dafür aber eine ehrliche Erkenntnis.
 
Turn Out The Lights ist am 27. Oktober auf Matador Records erschienen
 
Platte des Monats

Keine Aussicht auf ein Happy End. Auf ihrem zweiten Album setzt sich die 22-jährige Songwriterin aus Memphis offen und direkt mit ihren Depressionen auseinander. Das Ergebnis ist eine nahezu trostlose, aber unheimlich stimmungsvolle Platte, der man sich als Hörer kaum entziehen kann.

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