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VidCon 2017

"In zehn Jahren ist alles dasselbe"

Autor(en): Salomé Schwarz am Montag, 10. April 2017
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Quelle: M94.5/Justin Patchett

Lawrence Kao von "The Narrative"

Traditionelle und moderne Medien befinden sich im Klinsch. Woher das kommt, erklärt einer, der sich mit der Branche bestens auskennt: Lawrence Kao.

 

 

 

 

Im Februar 2017 ging eine Geschichte durch die internationale Presse, die in der Online-Community viel Aufsehen erregte. Der Protagonist des Ganzen war nämlich der mit mittlerweile 54 Mio. Abonnenten (Stand 09.04.17) erfolgreichste YouTuber der Welt, Felix Kjellberg oder „PewDiePie“. Die Schlagzeile dazu: PewDiePie ist ein Antisemit. Angezettelt wurde die ganze Diskussion durch einen Artikel des Wall Street Journals, in dem es hieß, der 27-jährige Schwede greife in seinen Videos immer wieder auf Nazisymbolik zurück. Besonders scharfe Kritik erntete PewDiePie aber für seine vermeintliche Botschaft "Death to all Jews", die in einem seiner Video enthalten war.

YouTuber beschweren sich über "die Medien"

Kjellberg veröffentlichte im Gegenzug dazu Videos, in denen er dem Wall Street Journal vorwirft, sie würden ihn absichtlich diffamieren, weil sie als traditionelles Medium Angst vor der neuen Macht der YouTuber hätten. Auch einige seiner YouTube-Kollegen meldeten sich zu Wort und beschwerten sich über „die Medien“ und ihren Umgang mit Social Media- und Internetstars.

PewDiePie ist nicht der einzige YouTuber, der sich von den traditionellen Medien unfair behandelt fühlt. Zoey „Zoella“ Sugg macht Beautyvideos und erzählt ihrem Publikum, was sie alles am Wochenende geshoppt hat. Dabei gibt sich die junge Frau aus England stets charmant und liebenswert. Ein Artikel aus der Daily Mail vom 23. Februar 2017, in dem sie als von sich selbst eingenommen bezeichnet wird und allein schuld an den sinkenden Lesefähigkeiten junger Engländer sein soll, geht übertrieben hart ins Gericht mit der Video-Bloggerin.

Tradititonelle und digitale Medien im Konflikt

Das Verhältnis zwischen traditionellen Medien und den Persönlichkeiten, die sich online eine große Basis an Fans aufgebaut haben, scheint irgendwie gestört zu sein. Und das, obwohl man meinen sollte, dass beide Seiten doch durch eine Zusammenarbeit und damit einer Plattform im jeweils anderen Bereich voneinander profitieren könnten. Warum also dieser Konflikt, mit dem man sich gegenseitig vor allem im Weg steht?
 
Eine Frage, mit der sich viele auf der VidCon Europe beschäftigt haben. Auf einem Kongress, der ganz den Online-Videos gewidmet ist, treffen sich Größen der digitalen Medienbranche sowie Internetstars für ein Wochenende in Amsterdam.
Einer dieser Größen der Industrie ist Lawrence Kao: der arbeitete selbst jahrelang an einem erfolgreichen YouTube-Kanal mit, bis er beschloss, sich anderweitig zu orientieren und ein TV- und Filmstudio mit Namen „The Narrative“ gründete. Dort versucht Kao nun, eine Brücke zwischen digital und traditionell zu schlagen und produziert TV-Content mit der Hilfe von YouTube-Stars. Wir haben den Produzenten zum Interview getroffen und mit ihm über das schwierige Verhältnis zwischen den beiden Welten gesprochen.

Lawrence Kao von "The Narrative" über die Problematik


Lawrence Kao Im Interview. Quelle: M94.5/Justin Patchett

Ein Thema, über das in letzter Zeit viel gesprochen wurde, ist, dass es einige Unstimmigkeiten zwischen YouTubern und traditionellen Medien gibt. Ein Beispiel ist die ganze Geschichte mit PewDiePie und dem Wall Street Journal. Woher kommen diese Probleme?
Ich glaube es wäre sehr einfach zu sagen, traditionelle Medien mögen Online-Medien nicht oder Online-Medien sind sehr billig und traditionelle Medien sehr teuer. Grundsätzlich denke ich, als Teil der traditionellen Medien sollte man Online-Medien nicht auf negative Weise über einen Kamm scheren. Etwas ist an der Sache sehr interessant. Dass Felix (PewDiePie) oder beispielsweise Louis (FunForLouis) mit seinem Trip nach Nordkorea eine Kontroverse auslösen können, bedeutet nur, dass traditionelle Medien sich mehr für YouTube interessieren als je zuvor. Kein YouTuber, mit dem ich gesprochen habe, hasst traditionelle Medien oder hat das zumindest am Anfang nicht. Sie wollten wahrscheinlich sogar Filmemacher werden, als sie angefangen haben, oder Popstar oder in irgendeine kreative Branche einsteigen, die traditionell war. YouTube gab es vor gerade mal etwas mehr als 10 Jahren noch gar nicht. Die traditionellen Medien sehen einfach junge Leute und respektieren sie nicht. Das ist ein größeres Problem, dass es schon immer gab. Online-Medien stehen heutzutage nun mal für junge Leute und deswegen ziehen sie eine Mauer um sich und machen es schwer, da rein zu kommen. Die Magie von sozialen Medien ist, dass die Medienschaffenden näher an ihren Fans sind, als je zu vor. Diese Nähe gibt ihnen mehr Einfluss und Macht, als sie sonst hatten. Das bereitet den traditionellen Medien Missbehagen, weil sie an Kontrolle verlieren. In der Vergangenheit konnten sie die Botschaft kontrollieren. Ich meine nicht unbedingt auf negative Art. Aber es fühlt sich momentan schon so an, als hätten sie weniger Kontrolle, wenn sie mit Online-Persönlichkeiten zusammenarbeiten. Das ist wahrscheinlich ein bisschen angsteinflößend. Die Realität ist aber, in zehn Jahren ist jeder, der in einem TV-Studio sitzt, mit sozialen Medien aufgewachsen. Die Trennung digital und traditionell wird es nicht mehr geben. Es ist nur jetzt in den nächsten fünf bis zehn Jahren unheimlich.

"Beide Seiten müssen sich entspannen"

Meinen Sie also, die traditionellen Medien sind eher für den Konflikt verantwortlich?
Ich denke, die traditionellen Medien liegen nicht zu 100 Prozent falsch. Online-Medien tragen auch einen Teil der Schuld. YouTuber haben nie die Erfahrung gemacht, was es zum Beispiel bedeutet, einen Spielfilm zu machen, eines der wahrscheinlich schwersten Kunstwerke, die man kreieren kann. Man muss so viele Bereiche zusammenbringen. Das passiert in der YouTube-Welt nicht. Wenn man immer größer wird und Rundfunkqualität erreicht, gibt es so viel mehr Regeln, die man befolgen muss. Man hat eine Verantwortung sicherzustellen, dass sein Produkt ein guter Beitrag für Gesellschaft, Kultur, Kunst oder Nachrichten ist. Das großartige an YouTube ist momentan, dass man das nicht tun muss, man kann sich ausprobieren. Wenn man aber immer mehr wächst, muss man sich daran anpassen. Ich denke in der Online-Community haben diejenigen Erfolg, die die Welt der traditionellen Medien verstehen. Hannah Hart oder Grace Helbig zum Beispiel sind sehr erfolgreich, weil sie Hollywood verstehen. Casey Neistat ist Daily-Vlogger aber kommt aus der HBO-Welt. Er versteht, wie diese Welt funktioniert. Deswegen kann er mit CNN arbeiten und hat dort Vertrauen. Er versucht trotzdem die Grenzen auszutesten, aber das tut er auch im Online-Bereich. Ich glaube, das muss passieren. Beide Seiten müssen runterkommen und sich entspannen, weil es in zehn Jahren keine Unterschiede mehr geben wird.
 
Es gibt ja tatsächliche einige YouTuber, die zum Beispiel eine Radioshow haben oder im Fernsehen auftreten. Ist es in gewisser Weise immer noch eine Bestätigung, sozusagen in traditionelle Medien aufgenommen zu werden?
Der Einstieg in traditionelle Medien stellt keine Bestätigung dar. Ich denke eher, an größeren und besseren Projekten mitzuarbeiten gibt einen das. Das kann auch eine Netflix-Serie oder ein Top-Ten-Podcast auf iTunes sein. Es kann auch Bestätigung sein, an den Projekten beteiligt zu sein, bei denen man wirklich dabei sein möchte. Nicht jeder will ins Fernsehen kommen oder ein Filmstar werden. Vielleicht wollten sie Fotograf werden, wurden auf Instagram groß und damit fast aus Versehen zum Star. Für diese Leute ist es eine Bestätigung, wenn Nike ihre nächste Kampagne macht und sie anruft, anstatt sich an Guy Ritchie zu wenden. Dann misst man sich tatsächlich an der Qualität seiner Arbeit und nicht daran, wie berühmt man ist. Das ist dann der Zeitpunkt, an dem man etwas erreicht hat.

"Arbeite für die traditionelle Firma, aber sei die junge Person"

Was ist der beste Rat, den Sie beiden Seiten geben können, wenn sie zusammenarbeiten wollen?
Wenn man mit YouTube Geld verdienen will, ist die harte Realität, dass Werbung vor den Videos allein nicht ausreicht. Man bräuchte ungefähr 42,000 Views jeden Tag um ungefähr auf kalifornisches Mindestgehalt zu kommen. Wenn du das nicht hast, lohnt es sich eher, bei McDonalds zu arbeiten. Es gibt mittlerweile einfach zu viele Kanäle - 2,1 Millionen davon verdienen Geld. Wenn du YouTube und die Online-Welt wirklich liebst und es liebst Videos zu machen, gibt es viele große Firmen, die deine Fähigkeiten brauchen. Du kannst für eine Rundfunkanstalt arbeiten, oder für eine Werbefirma – für all diese wirklich coolen Unternehmen. Die brauchen alle jemanden, der YouTube-Videos macht und sie brauchen YouTube-Stars, mit denen sie arbeiten können. Wenn du YouTube zu deinem Job machen willst, ist das ein Weg. So kommen traditionell und digital zusammen. Arbeite für die traditionelle Firma, aber sei die junge Person, die tatsächlich versteht, wie die Dinge laufen. Als Mitarbeiter einer großen Firma musst du darüber nachdenken, wie man jungen Leuten, typischer Weise YouTubern, erlaubt, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Man muss verstehen, dass es dasselbe war, als die ersten TV-Shows gemacht wurden und die ganze Welt davor Radio war. Du musst dich daran erinnern, dass man dir, als du 21 warst und du neue Ideen hattest, auch gesagt hat, du wüsstest nicht, was du tust. Jetzt behandelst du sie genauso. Hör auf damit! Beide Seiten müssen lernen und viele Leute tun das auch. Das finde ich großartig. So wird das alles funktionieren.
 
Darauf bezogen: Für wen ist es schwerer, mit der anderen Partei zusammenzuarbeiten?
Schwer zu sagen, für wen es schwerer oder leichter ist, das ist kein Wettbewerb. Man muss einfach verschiedene Fertigkeiten erlernen. Als YouTuber muss man sich die Disziplin und Geduld der traditionellen Medien aneignen. In den traditionellen Medien haben viele Leute wahrscheinlich noch nie etwas komplett selbst gemacht. Wenn man für eine Firma YouTuber engagiert hat man wahrscheinlich noch nie selbst die Kamera in die Hand genommen und gemacht, was sie machen. Deswegen empfehle ich, den nächsten Urlaub zu filmen und danach das Video selbst zu bearbeiten. Dadurch lernt man zu verstehen, wie hart es sein kann, sich zu motivieren, das alles fertig zu machen. Da fragt man sich irgendwann: will ich mir wirklich noch mal eine neu bearbeitete Version anschauen? In dem Sinne haben es beide Seiten hart, sie müssen alle lernen, nur auf unterschiedliche Art.
 

Tyler Oakley und Co. melden sich zu Wort

Nicht nur im Kleinen wurde das Thema auf der VidCon diskutiert, sondern auch auf der großen Bühne. Es beschäftigt die Online-Welt und augenscheinlich auch das Publikum. Bei einem Panel mit YouTube Stars Tyler Oakley und John Green ("Vlogbrothers" und Autor des Buches "The Fault in Our Stars") kam aus dem Publikum die Frage nach deren Meinung zum „YouTuber-Bashing“ durch andere Medien. John Green meinte, es handle sich bei YouTube um eine neue, seltsame und offene Plattform, das könne bei manchen Leuten Befürchtungen auslösen. Auch für ihn sei das Internet oft gruselig. Aber man könne weder zurückgehen, noch sei das die richtige Lösung, so der Vlogger und Autor. Tyler Oakley sagt dazu noch, es sei gar nicht das Ziel, traditionelle Medien auszustechen. "Es ist Platz für alle da."
 
Das ganze Interview gibt's hier zum nachhören.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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