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Platten vor die Säue

Superorganism - Superorganism

Autor(en): Vitus Aumann am Dienstag, 27. Februar 2018
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Quelle: Domino Records

Superorganism - Superorganism

Herzlich Wilkommen im Internet! Superorganism laden auf einen kunterbunten Trip durchs World Wide Web. Leider geht ihnen dabei die Puste aus.

Es gibt einen Ort, an dem Wale seitlich vor Skylines schwimmen und mit Bananen auf überdimensionale Tintenfische schießen. Was für ein Ort das sein soll? Das Internet natürlich! Zumindest wenn es nach dem internationalen Musikerkollektiv Superorganism geht. Das Debüt der hochgehandelten Newcomer klingt wie ein Liebesbrief an das World Wide Web. Und zwar nicht an das furchteinflößende Darknet, sondern an die lustige Seite des Internets voller Katzenvideos, Schreienden Cowboys und sinnlos auftauchender Ziegen.

Digital und Analog Vereint

Mittlerweile spielt das Internet zwar in fast jeder modernen Bandgeschichte eine Rolle, aber bei kaum einem Künstler ist das Netz so tief im Programmiercode verankert wie bei Superorganism. Das Projekt beginnt, als sich Musiker aus allen Ecken der Welt Soundschnipsel zuschicken und diese zu ersten Songskizzen zusammenschrauben. Bevor das Kollektiv aber richtig durchstarten kann, muss schließlich doch der Schritt von der digitalen in die analoge Welt gemacht werden. Das Kollektiv mietet sich ein Haus in London und verwandelt es in ein rund um die Uhr geöffnetes Studio. In dieser chaotisch-kreativen Umgebung, die sicher auch sehr gut als Plot für den nächsten großen Netflix-Hit herhalten könnte, entsteht schließlich das selbstbetitelte Debütalbum.

Knallbunter Soundverhau

Das Endergebnis aus digitalem und analogem Schaffen klingt teilweise so als hätte man Pikachus Donnerblitz auf eine Elektropopband losgelassen. Die Soundkulisse des Kollektivs setzt auf Reizüberflutung. Ständig tauchen zwischen Drums und Synthesizer unerwartete Samples wie Spielautomatengepiepse, Vogelgezwitscher oder Autohupen auf. Das klingt zwar nahezu absurd chaotisch, aber Superorganism betten diese Klänge gefühlvoll in ihren Sound ein, ohne zu sehr vom eigentlichen Lied abzulenken. Sängerin Orono, das jüngste und gleichzeitig präsenteste Mitglied des Superorganismus, bleibt derweil vom quietschbunten Hintergrundlärm völlig unbeeindruckt: In klassischer Slackermanier gibt die gebürtige Japanerin sich beim Singen betont lässig und bildet so einen angenehmen Anhaltspunkt. Ihre Texte schneiden dann doch auch einmal etwas düstere Themen, wie Vorurteile und krankhafte Famegeilheit in den sozialen Netzwerken, an. Dabei bleibt sie aber stets im Internetslang: Eine nicht so recht in die Gänge kommende Beziehung zum Beispiel ist in "Superorganismsprache" ein Internetchat, der Ewigkeiten zum Laden braucht. Die Heimat des Kollektivs scheint eben doch jederzeit durch.

Surfen ohne Mut

Bei aller Liebe zum chaotischem Sampleeinsatz, steckt irgendwo im Superorganismus allerdings auch das Wissen wie ein konventioneller Popsong funktioniert. Und das ist leider auch der Grund dafür, dass dem Album auf der Zielgerade die Energie ausgeht. Hinter dem unkonventionellen Sound von Superorganism steckt beim genauen Hinhören nämlich nicht viel mehr als recht konservativer Pop. Zu oft verlaufen die Songs nach vorhersehbarem Strophe/Refrain/Strophe/Refrain/Bridge-Schema. Das mag bei Songs wie "Everybody Wants To Be Famous" großartig funktionieren, aber auf Albumlänge wirkt das Prinzip etwas mutlos. Und auch wenn Superorganism dem Zuhörer immer neue Klänge um die Ohren werfen – irgendwann hat man sich auch an der akustischen Reizüberflutung sattgehört. Ein bisschen mehr Mut Grenzen einzureißen, oder vielleicht auch einfach mehr Songs wie das verträumt anmutende „Reflections On The Screen“ hätten der Platte möglicherweise ganz gut getan. So fühlt sich das Hören von Superorganism an, als würde man beim Surfen durch das unendliche Web dann doch immer wieder auf den gleichen fünf bekannten Seiten rumhängen.

Streaming schlägt Vinyl

Im Endeffekt besteht Superorganism also aus kreativ produzierten, aber doch recht vorhersehbaren und ähnlichen Popsongs. Für sich gesehen ist zwar kein Titel wirklich enttäuschend, aber auf Albumlänge geht das Konzept des Kollektivs nicht recht auf.  Man könnte fast meinen, Superorganism hätten beim Zusammenstellen eher auf digitale Streamingplaylisten, als auf einen Platz im analogen Plattenschrank geschielt. Aber das ist bei einer Band, die beinahe im wahrsten Sinne des Wortes im Internet zuhause ist, ja irgendwie auch konsequent.

Gesamtbewertung: 3 von 5 Punkten.


 

"Superorganism" von Superorganism erscheint am 02.03. auf Domino Records.

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