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Platten vor die Säue

Liima - 1982

Autor(en): Gloria Grünwald am Mittwoch, 1. November 2017
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Quelle: City Slang

Liima - 1982

Zum Start der zweiten Staffel "Stranger Things" wartet ein weiteres Mal eine Band mit einem Album auf, das die 80er-Referenz schon im Titel trägt.

Aber wie viel Vergangenheit steckt wirklich in Liimas 1982? Als Efterklang machen die dänischen Wahlberliner Casper Clausen, Mads Brauer und Rasmus Stolberg schon seit den 2000ern gemeinsam Musik. Vor zwei Jahren holten sie den finnischen Perkussionisten Tatu Rönkkö mit ins Boot und gründeten das skandinavische Kollabo-Projekt Liima, unter dessen Namen sie im Jahr 2017 nun schon Platte Nr. 2 veröffentlichen.

Drin ist, was drauf steht?

1982 ist das Geburtsjahr von Sänger Casper Clausen und das Jahr, in dem das Time Magazine den personal computer – PC – zur "Person des Jahres" kürte. Die Zeichen standen damals also klar auf gesellschaftlichem Aufbruch, technischem Fortschritt, der Zukunft eben. Aber Moment mal, ist die Sache mit dem Geburtsjahr nicht zuletzt von Popstar Taylor Swift breitgetreten worden? Und hat die Welt nicht langsam genug von 80er Musik? Tatsächlich ist der Titel in diesem Fall nicht als Referenz für ein bestimmtes Jahr, sondern ganz allgemein für die Zeit zu verstehen, in der alle vier Bandmitglieder aufgewachsen sind. Das Album verknüpft Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft über die weitreichendere Frage nach der eigenen Identität. Der Track "2-Hearted" handelt von einem Zustand innerer Zerissenheit zwischen zwei Richtungen, zwischen dem einen und dem anderen Ich.

Wie auch schon auf dem Debüt ii zelebrieren Liima den improvisatorischen Charakter ihrer Musik. Die goldene Regel des Popsongs – Strophe-Bridge-Refrain-Strophe usw. – wird bewusst aufgebrochen, um Platz für Instrumentalteile mit verschwurbelten Synthie-Flächen zu schaffen. Das spiegelt auch die Entstehungsgeschichte der Songs auf 1982 wider: Liima haben das neue Album unterwegs geschrieben, auf einer Tour durch kleine Hotels und Bars quer durch Europa, bei der die Bandmitglieder sich in Live Sessions ganz der Musik und dem Experiment hingeben konnten. Um die gesammelten Fragmente auf den Punkt und in Albumformat zu bringen, trafen sich Liima letztes Jahr für die Aufnahmen mit Chris Taylor (Grizzly Bear) in Finnland wieder.

Nichts ist, wie es scheint

Obwohl auf 1982 viel Synthesizer zu hören ist, handelt es sich nicht um eine rückwärtsgewandte Nostalgie-Platte, wie zunächst vermutet. Hier und da lassen Liima einen kurzen Ausbruch von in die Gegenwart geholten New Wave Klängen zu, meistens trägt die Musik aber ein geradezu futuristisches Kleid. Mit dem Einsatz von Autotune ("2-Hearted"), viel Hall auf der Stimme und elektronisch-atmosphärischen Flächen scheint es, als wollten Liima die Arme nach fremden Welten ausstrecken.

Der beschriebene Session-Charakter kommt in Tracks wie "David Copperfield" besonders schön zur Geltung, wenn nach einem dreieinhalb-minütigen Instrumentalteil, der in glockenspielartigem Geklimper und Vogelgezwitscher ausklingt, die Stille von einem einsetzenden Beat zerrissen wird und Clausens Stimme die wahrscheinlich einprägsamste Zeile des ganzen Albums zu murmeln beginnt: "I want to behave, yeah, but I’m an only child".

40 Minuten Fantasiereise

Trotz ihres Wir-machen-mal-und-schauen-was-passiert-Mindsets präsentieren sich Liima auf 1982 deutlich zugänglicher und auch poppiger als noch auf ii, ihrem Debüt, das vor Weirdness nur so strotzte. 1982 dagegen lässt einen hier und da einprägsame Aha-Momente erleben. In acht Songs kann man sich für vierzig Minuten fallen lassen und dann sanft in den Alltag zurückkehren. Allerdings verhält es sich mit der Musik von Liima auch – um den Bogen zum Anfang zu spannen – ein bisschen wie mit einer Serie: das erste Mal ist das Beste, danach büßt das Album jedes Mal ein bisschen mehr von seiner Faszination ein.

Gesamtwertung: 3,5 von 5 Punkten.

"1982" von Liima erscheint am 03. November auf City Slang

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