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Oscar-Verleihung

Preisgekrönter Mainstream?

Autor(en): Nathalie Claus am Mittwoch, 8. August 2018
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Quelle: © Elisabeth Pohl / M94.5

Bald soll's auch Goldjungen für die großen Blockbuster geben.

Die Oscars führen eine neue Kategorie ein, den "Popular Film". Warum das eine richtig miese Anti-Mainstream-Idee ist: Ein Kommentar.

Nach all den #Oscarssowhite- und #MeToo-Debatten rund um und in Hollywood über die letzten Jahre wurde es höchste Zeit für ein paar radikale Reformen. Gut, von einer Rundum-Revolte sind wir zwar immer noch meilenweit entfernt, aber immerhin scheint jetzt so langsam etwas ins Rollen zu kommen: Hollywood macht den Anfang bei seiner größten und prestigeträchtigsten Preisverleihung. Die Oscars, das wurde am Mittwoch angemessen modern per Tweet verkündet, sollen massentauglicher werden. Diese gut gemeinte, dabei aber nicht minder ungute Geste geht jetzt schon nach hinten los.

Wie man moderner wird

Die eigentlichen Änderungen sind schnell zusammengefasst, so übersichtlich, gar einfach ist der Plan: Eine neue Kategorie soll her, dafür wird die Verleihung dann aber deutlich kürzer. Statt der bisherigen vier bis viereinhalb Stunden soll das Programm auf nicht mehr ganz so stattliche, laut Ankündigung "global zugänglichere" drei Stunden gestrafft werden. Dadurch fallen allerdings auch einige Preisträger aus dem Programm: Weniger publikumstaugliche Kategorien wie "Bestes Kostüm" oder "Bester Schnitt" sollen künftig während der Werbepausen verliehen werden, so dass der Zuschauer zuhause, dem augenscheinlich eine Aufmerksamkeitsspanne von maximal zwei Minuten zugetraut wird, sich am Ende nur noch fix den Zusammenschnitt der Highlights anschauen muss. Eingeschaltet, so wahrscheinlich der Gedanke der Academy, wird ja sowieso nur für die Königsdisziplinen.

Wie man beliebter wird

Der größte Aufreger in der Branche ist allerdings nicht die Einteilung in die Kategorien "Das kann ruhig gesendet werden" und "Im Vergleich ist Werbung einfach rentabler". Nein, was die Online-Gemüter am meisten erhitzt, ist der brandneue Preis, welcher laut Reform nun im Dolby Theater vergeben werden soll: Der beste "Popular Film" soll ihn erhalten, für "außerordentliche Leistungen im populären Film". Was einen Film als "Popular Film" qualifiziert, weiß allerdings keiner so genau. Eine Besetzung, die mindestens zur Hälfte aus Superhelden besteht? Ein Budget von aller wenigstens 200 Millionen Dollar vielleicht? An dieser Grenze würde allerdings All-Time-Classic und "Bester Film"-Gewinner Titanic genauso kratzen wie Toy Story 3.

Gedacht ist dieser Neuzugang unter den Preisen, übrigens der erste seit 2001 (damals "Bester Animationsfilm"), offenbar für Blockbuster jeglicher Art - also quasi das, was das gemeine Volk gerne so im Kino schaut, während die "richtigen" Cineasten "richtige" Filme sehen. Dieser Blick der Snobs auf den Rest der Kinowelt wird der Academy schon lange angekreidet. Jedes Jahr werden im Internet lange Listen jener Filme gesammelt, die zu Unrecht übergangen wurden und die Nominierung doch viel eher verdient hätten als all die anspruchsvollen Filme, die bis zu den Oscars meistens ohnehin noch niemand gesehen hat. Die Kluft zwischen Preisverleihung und Publikumsmeinung ist schon lange offensichtlich und bekannt. Die Frage ist, ob und wenn ja, was ein Preis für den besten "Popular Film" daran ändern kann.

Wie man vor den Kopf stößt

Viel kann dieser neue, hippe Frischling unter den Kategorien ändern, aber sicherlich nicht zum Guten. Was heißt diese "Ehrung" denn dann für einen Film? De facto doch erstmal, dass er für den "Besten Film" einfach nicht gut genug war. Ein Trostpreis sozusagen. Anders als Kategorien wie "Beste Dokumentation" oder "Bester Animationsfilm" legt der Titel keine Einteilung entlang klarer Genregrenzen nahe, sondern eine Klassifizierung in Beliebtheit, Massentauglichkeit, und damit am Ende auch unweigerlich in Qualität.

Eine solcher Preis, möglichst schwammig formuliert und damit kaum abzugrenzen von den Hauptkategorien, kann doch nur zu einer Abwertung der Leistung derer führen, die diese fragwürdige Nominierung aufgedrückt bekommen. Und heißt das im Umkehrschluss nicht, dass die "Besten Filme", also die nach Kritiker Meinung wirklich guten und nicht einfach nur beliebten Filme, dadurch umso snobistischer werden? Dass in diese Kategorie nur noch Filme dürfen, die garantiert nicht "popular" sind, sondern "gritty", "challenging", so weit entfernt vom Mainstream, wie es nur geht? Damit erreicht die Academy genau das Gegenteil von dem, was sie vorgibt, schlussendlich erreichen zu wollen: Die Oscars und ihre Gewinner zugänglicher und repräsentativer für alle zu machen.

Wie man's besser macht

Veränderung ist - natürlich - erstmal nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Eine Institution wie die Academy Awards, die nun inzwischen schon fast 90 Jahre alt sind, muss sich verändern und ständig weiterentwickeln, um überhaupt relevant zu bleiben. Das scheint die Academy inzwischen auch selbst gemerkt zu haben, denn schwindende Einschaltquoten drängen nun mal - mehr als aufgebrachte Hashtags auf Twitter - zu einer Reaktion. Doch soll diese das Beste sein, was Hollywood einfällt, um zeitgemäß zu sein? Es wirkt eher wie ein erneuter Beweis dafür, dass die Academy nicht versteht, wieso das Publikum allmählich das Interesse an der Verleihung um den Goldjungen verliert.

Wieso nicht die bisher schon etablierten Kategorien diverser aufstellen? Wieso nicht routinemäßig wirklich alle zehn Slots nutzen, die für "Bester Film" zur Verfügung stehen, statt nur diejenigen Filme herauszupicken, die die meisten Häkchen auf der Oscar-Köder-Checkliste abarbeiten? Wieso nicht auch mal einen Marvel-Streifen nominieren, wenn er anders gut, aber eben trotzdem genauso gut ist wie der hundertste Film mit Meryl Streep? Und überhaupt, können der Abstimmungsprozess nicht transparenter, die Beteiligten vielfältiger und Hollywood insgesamt weniger elitär und alt und weiß sein?

Wer weiß: In zehn Jahren, zu ihrem hundertsten Jubiläum, ist die altehrwürdige Academy vielleicht schon von einer einfachen Online-Publikums-Abstimmung ersetzt, die dann genauso viele Leute glücklich macht wie heute.

Ob die angekündigten Änderungen schon bei der nächsten Verleihung umgesetzt werden, steht bisher noch nicht fest. Die Academy Awards 2019 finden am 24. Februar statt. M94.5 begleitet die Oscars wie jedes Jahr live.

Platte des Monats

Auf den Ehrenplätzen der Rubrik „Wörter, die es nur im Deutschen gibt“ sitzt seit jeher die feucht-fröhliche „Schnapsidee“. Sie beschreibt treffend wie kein anderes Wort das, was entsteht, wenn drei befreundete Musiker*innen auf einer Geburtstagsparty einen über den Durst trinken und dann beschließen eine Band zu gründen. Aus einer solchen Schnapsidee wurde auch das Bandprojekt Phantastic Ferniture um Sängerin Julia Jacklin, das auf seinem gleichnamigen Debüt den Emotionsreichtum der Adoleszenz in leichtfüßig schwankender und wunderbar wärmender Gitarrenmusik feiert.

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