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Lilienthal zur Ausgehetzt-Demo

Grenzen politischer Partizipation

Autor(en): Malin Klinski am Sonntag, 22. Juli 2018
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Quelle: Kammerspiele

Matthias Lilienthal ruft zur "Ausgehetzt"-Demo auf.

"Wir werden uns noch viele kleine Nadelstiche für meine besonderen Freunde ausdenken" - die Kammerspiele wollen in Zukunft nicht klein beigeben.

Am Sonntag, den 22. Juli findet die Demo „Ausgehetzt – gegen eine Politik der Angst“ statt. Die Menschen gehen wegen dem Verhalten der führenden CSU-Politiker auf die Straße. Mit populistischen Aussagen sorgen sie immer wieder für Debatten und gesellschaftliche Spaltung. Die Kammerspiele und das Volkstheater haben zur Demo aufgerufen und müssen nun mit Maßnahmen gegen ihre Bühnen rechnen. Ein Interview mit dem Intendant der Kammerspiele Matthias Lilienthal über die CSU, Moral und die Zukunft des politischen Engagements.

 

M94.5: Es geht ja jetzt erstmal um die Demo, die am Sonntag stattfinden wird. Das ist die Demo „Ausgehetzt – gegen eine Politik der Angst“ und es wurden jetzt dienstaufsichtsrechtliche Maßnahmen eingeleitet gegen die Kammerspiele, die an dieser Demonstration teilnehmen wollen. Wie ist das denn alles gekommen? Denn das Volkstheater war ja auch involviert und wollte auch auf der Demo erscheinen.

 

Matthias Lilienthal: Also für mich ist das total überraschend. Ich betreibe das politische Engagement von Theatern seit Anfang der 90er Jahre in Berlin. Ich hatte meine Intendanz noch gar nicht angetreten, da habe ich damals das Statement für die Errichtung des Bellevue di Monaco mitunterschrieben. Wir haben auch damals zu der Demonstration am Josephsplatz aufgerufen und bis jetzt hatte sich da auch nie jemand beschwert. Was auch eine bewusste Form von Formverletzung war, ich habe nicht als Matthias Lilienthal (Münchner Kammerspiele) dazu aufgerufen, sondern nach Abstimmung hier innerhalb des Theaters gesagt: Die Münchner Kammerspiele rufen zu dieser Demonstration auf. Häuser können ja nicht zu Demonstrationen gehen, sondern höchstens Mitarbeiter. Die CSU hat dann einen Text geschrieben, in dem sie verbietet, dass die Kammerspiele zur Demonstration gehen. Nichtsdestotrotz, viele Mitarbeiter der Kammerspiele und ich nehme an, auch viele Mitarbeiter des Volkstheaters, sowie viele Mitarbeiter des Sozialreferats, die ebenfalls dazu aufgerufen haben, werden zu dieser Demonstration gehen und werden dort dem Regen trotzen. 

 

M94.5: Da wird jetzt also erst mal nichts passieren an (polizeilichen) Maßnahmen?

 

Lilienthal: Was passieren kann ist, dass die Stadt eine Abmahnung gegen mich ausspricht. Es gibt auch ein veröffentlichtes Neutralitätsgebot öffentlicher Institutionen und gegen dieses Gebot haben wir auf einer bestimmten Ebene verstoßen. 

 

M94.5: Und wie kommt es jetzt, dass sich die CSU nur gegen die Kammerspiele gerichtet hat, wenn doch das Volkstheater auch aufgerufen hat zu dieser Demonstration zu gehen?

 

Lilienthal: Es gibt ja so ein ganz lustiges Gerücht und zwar, dass die CSU da mich angegriffen hat und daraufhin die Süddeutsche Zeitung bei Herrn Pretzl von der CSU angerufen hat und gesagt hat, dass Christian Stückl ja dasselbe gemacht hat und der Herr Pretzl dann gesagt haben soll, dann bekommt der halt auch noch ein Verfahren. 

 

M94.5: Und hat das etwas damit zu tun, dass die CSU im Allgemeinen eher kritisch ist was den Theaterbetrieb angeht? Dass das mit der politischen Arbeit der Kammerspiele zu tun hat in Bezug auf die Intendanz, weil da gesagt wurde die Kammerspiele machen zu viel in Richtung politischer Arbeit, es gibt ja das Welcome Café, das Open Border Ensemble...

 

Lilienthal: Das geht die Herrschaften von der CSU einfach nichts an. Sie haben mir eine Intendanz für 5 Jahre gegeben, sie schmeißen mich auch wieder raus nach den 5 Jahren und in den 5 Jahren kann ich machen was ich will. 

 

M94.5: Warum sollte man denn zur der Demo am Sonntag gehen und warum ist es überhaupt wichtig, dass die Kammerspiele und das Volkstheater sagen, das ist eine Vernanstaltung auf der man Präsenz zeigen sollte?

 

Lilienthal: Mich persönlich hat extrem verstimmt, dass Horst Seehofer sich an seinem 69 Geburtstag über die Abschiebung von 69 Flüchtlingen gefreut hat und das liegt nicht daran, dass Seehofer ein falscher Satz rausgerutscht ist, sondern er offenbart damit ein menschenfeindliches und zynisches Weltbild und er ist jemand dem unsere Leben anvertraut sind als Innenminister und ich finde diese Art von Menschenverachtung und Zynismus muss man extrem zurückweisen.

 

M94.5: Hat es auch etwas damit zu tun, dass Äußerungen gefallen sind wie „der Islam gehört nicht zu Deutschland“, den Kreuzen, die in öffentlichen Behörden aufgehangen werden sollen und dem PAG, das demonstriert worden ist... 

 

Lilienthal: Seehofer ordnet sich mit dieser Äußerung in eine Reihe mit Gauland ein, der am Wahlabend gesagt hat „wir jagen Angela Merkel“. Ich bin überhaupt kein Freund von Angela Merkel, aber man jagt eine Bundeskanzlerin nicht, und man erlegt sie auch nicht und die Implikation von Jagen ist ja dann Erschießen. Letztendlich sind das alles sprachliche Bilder die einfach widerlich sind und genau gegen diese Form von Hetze wendet sich diese Demonstration. Die Demo wendet sich nicht gegen die CSU, wir wissen von vielen CSU Mitgliedern und vielen CSU Wählern, dass die darüber so denken wie wir. 

 

M94.5: Jetzt engagieren sich die Kammerspiele auch im Vergleich mit anderen Theaterhäusern immer sehr politisch. Hat ein Theater und so eine Institution wie die Kammerspiele den Auftrag politisch zu sein und kann dann gar nicht anders als in einer solchen Situation Stellung zu beziehen?

 

Lilienthal: Das ist meine Art Theater zu machen und ich verstehe Theater als ein Labor für das Ausprobieren zukünftiger urbaner Lebensformen und dazu gehören für mich auch eine zukünftige Gesellschaft zu denken und politisches Engagement mit dazu. 

 

M94.5: Wenn man an die Zukunft denkt, wird sich das dann auch im Programm wiederspiegeln, werden Dinge aufgegriffen, die gerade politisch passieren oder wird noch mehr gemacht um nicht klein beizugeben?

 

Lilienthal: Wir haben ja das Open Border Ensemble mit 4 syrischen Mitgliedern, wir haben mit ihnen ja zwei Produktionen gemacht, wir engagieren uns bei Bellevue di Monaco, wir machen unsere Schiene weiter. Gleichzeitig haben wir mit dem Institut für politische Schönheit das Parteischild an der CSU Zentrale mit einem CDU Schild ausgewechselt und werden uns noch viele kleine Nadelstiche für meine besonderen Freunde ausdenken. 

 

M94.5: Also am Sonntag kann man sie dann auf jeden Fall auf der Demo antreffen. 

 

Lilienthal: Genau, wir demonstrieren einfach und ich freue mich schon besonders auf die Rede von Sepp Bierbichler und darauf, dass es viel Musik gibt. 

 

Platte des Monats

Auf den Ehrenplätzen der Rubrik „Wörter, die es nur im Deutschen gibt“ sitzt seit jeher die feucht-fröhliche „Schnapsidee“. Sie beschreibt treffend wie kein anderes Wort das, was entsteht, wenn drei befreundete Musiker*innen auf einer Geburtstagsparty einen über den Durst trinken und dann beschließen eine Band zu gründen. Aus einer solchen Schnapsidee wurde auch das Bandprojekt Phantastic Ferniture um Sängerin Julia Jacklin, das auf seinem gleichnamigen Debüt den Emotionsreichtum der Adoleszenz in leichtfüßig schwankender und wunderbar wärmender Gitarrenmusik feiert.

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M94.5 präsentiert
Sa/So, 08./09. September 2018
M94.5 Bühne @ Ludwigstr.
 
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Donnerstag, 18. Oktober 2018
 
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