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M94.5 Theaterkritik

Ein Halber Abend

Quelle: Yasmina Haddad

"Demokratische Nacht - Du Prolet!"

Das Gastspiel "Demokratische Nacht - Du Prolet!" im Residenztheater inszeniert Horváth's Italiensche Nacht neu und knalbunt.

Horváth trifft Pokultur und Trash

Im Jahr 1931 wurde die „Italienische Nacht“ von Ödön von Horváth in Berlin uraufgeführt. Das sarkastische Lustspiel zeichnet ein Bild der politischen Landschaft der Dreißigerjahre und persifliert die Ratlosigkeit der Sozialdemokraten, die auf nationalistische Tendenzen keine Antwort wissen und sich stattdessen in internen Streits zersplittern. Fast 90 Jahre später verpasst Harald Posch, künstlerischer Leiter des Wiener Theaters „Werk X“, dem Stück ein aktuelles Gewand. Er verbindet Horváths Text mit der aktuellen Perspektivlosigkeit der Linken, dem Vormarsch rechtspopulistischer Parteien, der scheinbaren Alternativlosigkeit des neoliberalen Kapitalismus, der „Flüchtlingskrise“ – alles eingebettet in popkulturelle Bezüge und viel Trash. Heraus kommt: „Demokratische Nacht – Du Prolet!“, ein Gastspiel aus Österreich, das an zwei Terminen (08.05. & 09.05.2018) am Residenztheater zu sehen war.

Chaos und Pinke Radlerhosen

Von der ersten bis zur letzten Minute herrscht Chaos auf der Bühne. Es dauert eine Weile, bis sich Verwirrung und Unübersichtlichkeit legt und die Rollen abgesteckt sind: Da ist also der junge Martin (Dennis Cubis), ein von Herzen linker Typ, der sich in theoretischen Ausführungen verliert und von einer besseren Welt träumt. Im Namen des Sozialismus macht er aber auch fragwürdige Dinge. Zum Beispiel schickt er seine Partnerin Anna (Elzemarieke de Vos) „auf den politischen Strich“, genauer: Anna soll mit einem Faschisten anbandeln, um an Informationen zu kommen. Viel unpolitischer ist dagegen Leni (Zeynep Buyraç), die hat nämlich andere Sorgen. Sie ist alleinerziehende Mutter und interessiert sich eher für Party und Kalendersprüche, als für den Klassenkampf. Leni interessiert sich aber auch für Karl (Simon Alois Huber), einen musizierender Sozialdemokrat in pinken Radlershorts. Der will sich zunächst nicht auf sie einlassen, weil sie zu unpolitisch ist, wird dann aber doch weich. Dann gibt es noch den (ebenfalls sozialdemokratischen) Stadtrat (Wojo van Brouwer), der sich mit der Zeit als opportunistischer Spießbürger entpuppt, der nur eins will: seine Macht erhalten.

Dorfparty mit Highheels und Dixie-Klo

Der Figurenreigen ist also von Horváth übernommen worden, ebenso die Rahmenhandlung. Die Sozialdemokraten wollen eine „demokratische Nacht“ veranstalten, bekommen aber mit, dass die Faschisten planen, die Party zu sprengen. Daran entfacht sich eine Krise. Sonst aber unterscheidet sich die Neuinszenierung drastisch vom Original. Man müsste den Text schon sehr gut kennen, um die wenigen Stellen zu erkennen, an denen er unverändert vorgetragen wird. Horvàths „Italienische Nacht“ gilt als eines sein er trockensten Stücke. Poschs Fassung hingegen ist vieles, nur nicht trocken. Eher feucht-fröhlich. Bühnenbild und Kostüm erinnern an eine Dorfparty mit dem Motto „Trash“. Die Bühne ist durch eine Plane in zwei Hälften geteilt. Hinten der Innenraum des Bierzeltes, mit Biergarnitur, Diskokugel und Ledercouch; Vorne der Klobereich inklusive Pinkelrinne und Dixie-Klo. Dazu die passenden Kostüme: Knallige Farben, viel Glitzer und Highheels. Um das Stück auch szenisch in die zeitgenössische Theaterlandschaft zu hieven, hat Posch einmal tief in die Trickkiste moderner Inszenierung gegriffen. Das Publikum wird in den kurzweiligen 90 Minuten des Abends geradezu mit Input überflutet. Nur selten gibt es ruhige Momente, meistens spielen sich viele Dinge gleichzeitig ab. „Improvisierter“ Anfang und Ende, Video-Projektionen, Tanzparts, Song-Einlagen und Ballermannmusik folgen Schlag auf Schlag. Wenn sich die Schauspieler*Innen einmal auf den Originaltext einlassen zählt das zu den authentischsten Momenten des Stücks. Bevor sich die aber Wirkung dieser Stellen voll entfalten kann, werden schon wieder anstößige Bilder auf der Leinwand gezeigt, etwa wie ein Identitärer in Lederhose einen Blowjob an einem Döner übt. 

Ein halber Abend

Bezeichnend für die Inszenierung wird ein Moment in dem Anna „die vierte Wand durchbricht“ und fragt, was das noch mit Horváth zu tun hätte und was denn das alles soll. Die Frage ist naheliegend, doch eine klare Antwort wird nicht gegeben. Klar, das Stück wendet sich gleichsam gegen brüllende Wutbürger und Rechtspopulisten sowie gegen die bürgerliche Linken, die vor den neuen Rechten steht, „wie das Kaninchen vor der Schlange“. Am deutlichsten wird diese Kritik, wenn das Ensemble einen politisch inkorrekten Song anstimmt, in dem es heißt: „Neger sind auch nur Menschen“, oder wenn das Publikum am Ende gezwungen wird in die Richtung von Plakaten zu applaudieren, auf denen unsägliche Dinge wie „Ofen an, Asyl aus“ stehen. Botschaft: Auch Ihr, die ihr euch an die scheinbar ewigen Werte der Sozialdemokratie klammert, tragt Schuld am Aufstieg der Rechtspopulisten. Es wirkt aber, als hätte sich die Verwirrung und Unentschlossenheit der Sozialdemokraten gleichsam auf die Inszenierung und das Publikum übertragen. Man geht mit dem Gefühl nach Hause, einen halben Abend erlebt zu haben, fühlt sich halb unterhalten, halb ertappt, halb nachdenklich, halb provoziert, aber ziemlich verwirrt. Brisant, politisch, hochaktuell und bisweilen sehr witzig – aber eben nicht zu Ende gedacht. „Demokratische Nacht – Du Prolet!“ ist ein polemisches Stück, das Alternativlosigkeit und Diskursunfähigkeit anprangert, selbst aber keinen Lösungsvorschlag anbietet.

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