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Flimmerkammer Spezial: Faust

Ein Dokumentarkonzert

Quelle: Christine Schneider www. danielgrossmann.de

Daniel Grossmann in Aktion

Noch einmal tauchen wir ein in die Welt des Stummfilms und der Stummfilm-Musik. Ein Dokumentarkonzert für Werner Richard Heymann.

Das Orchester betritt die Bühne. Der Dirigent sitzt daneben. Die Leinwand leuchtet auf, ein altes Foto eines sympathischen Gesichts erscheint und eine Stimme beginnt zu sprechen, sie klingt wie eine Stimme durch ein altes Radio: "Mein Name ist Werner Richard Heymann und die meisten von Ihnen kennen mich wohl nur dem Hören nach." Es ist der Komponist solcher Evergreens wie "Ein guter Freund" und "Das gibt's nur einmal". Doch er ist so viel mehr. Was hat das Ganze mit Faust zu tun? Und mit der "Flimmerkammer"?

Ein ungewöhnliches Konzept

Der Dirigent des Orchester Jakobsplatz München, Daniel Grossmann, hat sich eine große Aufgabe vorgenommen: Nach den letzten sehr erfolgreichen "Flimmerkammern" (die Kammerspiele zeigen Stummfilme mit Live Orchestermusik) wollte auch er seinen Teil zum Faust-Festival in München beisteuern. Doch wie lässt sich das mit der jüdischen Kultur verknüpfen? Immerhin benennt sich das "Orchester Jakobsplatz München" ab nächstem Jahr in das "Jewish Chamber Orchestra Munich" um. Und so stieß Daniel Grossmann auf eine  Verknüpfung der Themen Faust und Judentum: Der Film "Faust - Eine deutsche Volkssage" von Friedrich Wilhelm Murnau. Denn der Komponist bzw. Arrangeur der Filmmusik war Werner Richard Heymann. Aufgrund seiner Religion emigrierte er in den 30er Jahren nach Amerika. 

Es gibt nur ein Problem mit der Filmmusik: Bis auf ein paar  Fragmente ist sie komplett verschollen. Was also tun? Daniel Grossmann entschied sich zu einem ungewöhnlichen Vorgehen: Er nennt es "Dokumentarkonzert". Es ist ein Konzert, mit dem er sich auf die Suche nach der Musik dieses unterschätzten Komponisten begibt.

Zwischen Radio, Film und Autobiographie

Der Abend beginnt mit einem Ausschnitt einer Radiosendung, in der Werner Heymann selbst erzählt, was er tut, und wie er dazu kam. Und nachdem er gerade erzählt hat, wie seine erste Komposition zustande kam, beginnt auch schon das Orchester, genau diese Komposition zu spielen. Es entsteht eine Nähe zu Heymann, als ob er gerade selber dirigieren würde. Im Anschluss beginnt Daniel Grossmann, Teile der Autobiographie Heymanns vorzulesen, um uns einen Enblick in seinen Lebensweg zu zeigen, insbesondere sein Weg zum Filmkomponisten.

Etwas aufgeregt steht Grossmann auf der Bühne und hält die schlecht kopierten Zettel in seiner Hand, während er versucht, dazu überzuleiten, was ihm am meisten liegt: Das Dirigieren. Und davon bekommen wir viel zu sehen. Denn er versucht zu rekonstruieren, wie Heymanns Filmmusik zu dem Film "Faust - Eine deutsche Volkssage" geklungen haben könnte. Und er experimentiert damit. Er nimmt verschiedenste Musiken, die auch Heymann in seinem Buch erwähnt, und setzt diese unter die eine oder andere Szene. Manchmal lässt er auch die Szene gleich und ändert die Musik. Musik von Richard Strauß, Gustav Mahler, Richard Wagner und mehr. Er nimmt das Publikum an die Hand und zeigt die Faszination der Filmmusik auf: Ein Feuer kann lieblich sein. Oder bedrohlich. Es kommt auf die Musik an.

Man merkt, wie viel Arbeit sich Daniel Grossmann gemacht hat. Jedes einzelne Stück musste er mit mühsamer Handarbeit den Szenen anpassen und für sein Ensemble arrangieren. Umso stolzer wirkt er am Schluss, als ihm klar wird, wie gut das Konzept funktioniert hat.

Etwas mühsam, sehr lehrreich, unglaublich unterhaltsam

Es war ein Abend, aus dem man unglaublich viel mitnehmen konnte: Das spannende Leben eines Komponisten. Die Faszination der Stummfilm-Musik. Die musikalische Brillianz des Orchesters. Das alles unter einen Hut zu bringen, ist keine leichte Aufgabe, und das hat man gemerkt: An Stellen wirkt Daniel Grossmann etwas verloren. Vielleicht wäre es eine Option gewesen, eine*n Sprecher*in einzuladen, damit er sich selbst auf das Dirigieren konzentrieren kann. Aber es ist verständlich, dass er diie Arbeit, die er selbst hatte, auch selbst präsentieren will. Aber jede Unsicherheit verfliegt, sobald Grossmann dem Publikum den Rücken zukehrt, er den Taktstock hebt, auf der Filmleinwand erscheint ein Countdown und er nimmt uns mit auf eine Reise in eine vergangene, aber nicht minder faszinierende Zeit. Und das gelingt dem Orchester und ihm so spielerisch und menschlich, dass man nicht anders kann, als sich zurückzulehnen und zu genießen.

Natürlich kann er es nicht lassen, und schmeißt das Publikum mit einem Gassenhauer raus: "Das gibt's nur einmal". Und als dann irgendwann eine Dame aus dem Publikum anfängt mitzusingen, mit einer hohen, trällernden Stimme, da wird einem bewusst: Ein Abend muss nicht nur immer auf eine Sache fixiert sein. Und so vielfältig unser aller Leben ist, so war das Werner Richard Heymanns. Und dieser Abend.

Das Faust-Spezial war die vorerst letzte "Flimmerkammer" in den Münchner Kammerspielen, in Kooperation mit dem Orchester Jakobsplatz München.

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Auf den Ehrenplätzen der Rubrik „Wörter, die es nur im Deutschen gibt“ sitzt seit jeher die feucht-fröhliche „Schnapsidee“. Sie beschreibt treffend wie kein anderes Wort das, was entsteht, wenn drei befreundete Musiker*innen auf einer Geburtstagsparty einen über den Durst trinken und dann beschließen eine Band zu gründen. Aus einer solchen Schnapsidee wurde auch das Bandprojekt Phantastic Ferniture um Sängerin Julia Jacklin, das auf seinem gleichnamigen Debüt den Emotionsreichtum der Adoleszenz in leichtfüßig schwankender und wunderbar wärmender Gitarrenmusik feiert.

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