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Die Summe meiner einzelnen Teile

 
Autor(en): Gloria Stamm am Mittwoch, 1. Februar 2012

Dass Die Summe meiner einzelnen Teile keine einfache Gleichung ist, zeigt Hans Weingartner mithilfe eines psychotischen Mathematikers, der aus der Gesellschaft aussteigen muss, um wieder leben zu können.

Vor seinem Psychiatrieaufenthalt war Martin (Peter Schneider) einer der besten Mathematiker seiner Firma. Doch heute will ihn dort keiner mehr – er sei nicht belastbar genug, heißt es. Martins Wiedereingliederung scheitert: Weder seine frisch liierte Exfreundin, noch sein gewalttätiger Vater können ihm zurück ins Leben helfen. Zum Glück taucht der kleine Viktor (Timur Massold) auf. Zusammen mit dem 10-jährigen Ukraine wird Martin von nun an im Wald leben. Und zwar frei von dem ganzen Anpassungsdruck, der die Zivilisation in den letzten Jahrhunderten mit sich brachte.

Weingartner, dessen Antipathie gegen Anzugträger schon in Die fetten Jahre sind vorbei (2004) und Free Rainer – Dein Fernseher lügt (2007) kaum verborgen blieb, führt mit Die Summe meiner einzelnen Teile seine antikapitalistische Linie fort und erweitert sie um einen subversiven Schuss Institutionskritik. Das, was Martin zu dem apathischen Irren von Beginn des Films macht, sind neben den Vertretern des Kapitals die Männer in den weißen Kitteln, Justizbeamte, Polizisten und Gerichtsvollzieher. Ein System, das Hilfe vortäuscht, ist am Ende darauf ausgerichtet, freien Menschen – denn das ist aus Martin durch sein zurückgezogenes Leben im Wald geworden – gegen ihren Willen ein Reintegrations-Programm aufzudrücken und sie einzusperren. Die Diskrepanz zwischen individuellen und gesellschaftlichen Interessen zerstreuen den Mathematiker: Bei seinen Streifzügen durch die Stadt kann ihn nur noch der gedankliche Rückzug, Zahlen und Gleichungen vor sich hermurmelnd, vor ihrer Hektik bewahren. Nur die einzelnen Teile seiner Persönlichkeit – die lassen sich bei seinen Spaziergängen einfach nicht summieren.

Schon in seinen vorangegangenen Filmen rief Weingartner zum Idealismus auf, dessen Grenzen ihm niemals fremd sind. Doch bis alle seine Figuren letztendlich scheitern, geizt er nicht mit Pathos. Das zeigt sich erneut an seiner Hauptfigur Martin, auf dessen Seite er etwas zu eindeutig steht, wenn der sich durch den Film prügelt: Martins Opfer sind dabei gleichzeitig die Täter, deren fehlende Empathie Weingartner bedauert, wenn die sich vor dem verwahrlosten, monologisierenden Obdachlosen, der doch nur um seine Freiheit kämpfen will, schützen. „Es gibt keine Freiheit ohne gegenseitiges Verständnis“, hat Albert Camus einmal geschrieben. Vielleicht sollte das auch für Martin gelten.  

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