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Der blutige Pfad der Mittelschicht

Autor(en): Vero Bock am Mittwoch, 27. Februar 2013
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Quelle: MFA+ FilmDistribtuion e.K.

Das Roadmovie Sightseers will die Schwarze Komödie wiederbeleben und verliert sich irgendwo zwischen Spießertum und Brutalität.

Britische Komödien zeichnen oft bizarre Elemente, Sarkasmus, gemischt mit Schrulligkeit und Feinsinn aus - besonders, wenn sie sich an den Großmeistern von Monty Python orientieren, die es verstanden, all das zu einer natürlich wirkenden Absurdität zu vermischen. Schwierig wird es, wenn man dieses hehre Ziel des Humoresken  anstrebt und dabei eine dieser Zutaten vergisst: Den Feinsinn. Genau das ist bei Sightseers geschehen.

Stricklady goes Serienmörder

Tina ist Mitte Dreißig, lebt bei ihrer Mutter und strickt gern. Das Verhältnis der beiden Frauen ist gestört, seit Tina aus Versehen den gemeinsamen Terrier umgebracht hat. Sie lernt Chris kennen, der ihr mit seinem Wohnwagen die schönsten Plätze Englands zeigen will. Schon nach kurzer Zeit muss Tina feststellen, dass der leicht zu provozierende Chris eine Lösung gefunden hat, um seinem Hass auf die Gesellschaft auf kreative Art Luft zu machen...

Das Drehbuch von Sightseers haben Alice Lowe (Tina) und Steve Oram (Chris), beide bekannt von The Mighty Boosh, geschrieben - besser gesagt haben sie nur ein grobes Treatment verschriftlicht, Dialoge und Feinschliff sind improvisiert. Das hat zur Folge, dass sie eben oft nicht auf den Punkt kommen oder genau das nicht sagen, was einem helfen würde, die Wandlungen der Figuren nachzuvollziehen. Lieber einen guten Plot verlieren, als einen guten Witz! Was für Sketche super funktioniert, reicht bei Langfilmen eben nicht aus, es kostet die Figuren ihre Glaubwürdigkeit.

The Power of Strick

Das ist schade, denn Regisseur Ben Wheatley hat die Außenaufnahmen des Films toll inszeniert: Trister können England's Greenest Hills nicht wirken, und ihre pittoreske Ruhe könnte von bescheuerten Gore-Tex-Trägern schöner nicht gestört werden. Wirft man dagegen einen Blick ins Innere (der Figuren wie der Location), schießt der Film über das Ziel hinaus: Ist es wirklich notwendig, dass Tina sich einen rosa Rüschen-Schlüppi mit Eingriff strickt, um Chris anzutörnen?

Auch der Soundtrack ist unglücklich gewählt: Soft Cell und Frankie Goes to Hollywood bollern sich gegenseitig die Klischees um die Ohren, während Menschen sterben. Das schlägt in die Kerbe von Lars von Triers Antichrist: Im Prolog stürzt ein Kind zu Händels Rinaldo in den Tod. Dieses Stilmittel (schreckliche Bilder, anrührende Musik) funktioniert bei Sightseers nicht und wirkt störend.

Ein kleines Highlight, und das macht den Film tatsächlich zu etwas Besonderem, ist die deutsche Synchronisation. Bjarne Mädel, man kennt ihn aus der wunderbaren Serie Der Tatortreiniger, verleiht Chris eine überzeugende Hamburger Lässigkeit, die kein Vergleich ist zu dem bierernsten Kuschelpsychopathen aus der Originalversion. Auch Anke Engelke spricht Tina angenehm entspannt und trocken. Einer der wirklich seltenen Fälle, in denen guten Gewissens von OV und OmU abgeraten werden kann!

Teilnehmerurkunde

Vielleicht ist es auch ein bisschen ungerecht, alle britischen Komödien sofort mit den Pythons zu vergleichen, aber wer sich deren Attribute so groß auf die Fahnen schreibt, muss eben damit rechnen, auch daran gemessen zu werden. Sightseers hat schöne, skurrile und auch sehr lustige Momente, aber Ben Wheatley, Alice Lowe und Steve Oram haben sich irgendwie - verzeihen Sie dieses Wortspiel - verstrickt. Um es mit Monty Python zu sagen:

And now for something completely different. Please.

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