Torben Struck
1996 - Improvisation ist alles
Wenn ich an die ersten Jahre von M94.5 zurückdenke, so kommt mir als erstes das in den Sinn, was man bei diesem Radiosender in der damaligen Zeit vermutlich mehr gelernt hat als irgendwo sonst auf der Welt: Improvisation.
Ich weiß, eigentlich ist M94.5 im Jahre 1996 als Aus- und Fortbildungsradio gestartet, aber ich denke, dies ist nur die halbe Wahrheit.
Improvisations- und Spontaneitätssender wäre wohl der bessere Begriff gewesen. Denn wer hier in den Anfangstagen versuchte, auf Sendung zu gehen, der traf auf eine Vielzahl von komischen, tragischen und nicht selten dämlichen Hindernissen, die vermutlich in sonst keinem anderen Radiosender der Welt zu finden waren. Und es gab stets nur einen Weg, um diese zu meistern: mit Improvisation.
In gewisser Weise wurde man also doch ausgebildet: man hat gelernt, mit Allem und Nichts zu rechnen und somit war man dann wohl doch besser auf den Leben in der freien Radio Wildbahn vorbereitet, als man allgemein annehmen sollte, ständig auf der Hut vor den vielen kleinen Gemeinheiten, die der Radiogott einem hier in den Weg gelegt hatte.
Und das fing zum Beispiel schon damit an, überhaupt erst einmal in das Sendegebäude hinein zugelangen. Man mag es nicht für möglich halten, aber schon daran konnte man im Jahr 1996 locker mal scheitern.
Denn das ehemalige Gebäude in der Oettingenstrasse bestach neben schönen Studios im Inneren auch durch eine hohe Mauer und ein fest verschlossenes Tor am Wochenende an der Außenseite und einem Wachmann, der irgendwie immer „auf Runde“ war - und das zusammenaddiert war für die Vorbereitung der eigenen Sendung dann öfter mal blöd!
So nahm dann also das Schicksal seinen Lauf, wenn man am Wochenende eine Stunde vor Beginn der Sendung eintraf und selbige vorbereiten wollte. Zuerst ließ man ein paar Nerven am Klingelknopf, bevor man am Eisentor hing und laut: „Ich will hier rein!“ brüllte.
Merke – es war das Jahr 1996! Niemand besaß ein Handy, womit man anrufen und um Einlass hätte flehen können! Auch die Telefonzelle (wir erinnern uns, das waren diese gelben Dinger) in der Nähe half nur bedingt, da man es nach dem Einwurf von 30 Pfennig meistens mit dem eigenen Anrufbeantworter zu tun bekam:
„Hallo, hier ist der Anrufbeantworter von M94.5. Leider sind wir momentan nicht in der Redaktion …“ – „Ja, wie auch? Ich steh ja draußen! Gott ey, wenn das einer hört, sag endlich einer Achmed Bescheid, er soll das verdammte Tor aufmachen!“
Nicht selten hat man auf dieser Art den Anfang seiner eigenen Sendung verpasst und von Vorbereitung wollen wir mal gar nicht reden. Es lebe die Improvisation!
Dabei sei angemerkt, dass man dies alles nur brauchte, wenn man nicht an der zweiten physischen Barriere auf dem Weg zu einer guten Sendung hängen blieb - an der Studiotür.
Gott, wie viele Schlüsseldienste sind an der guten alten Studiotür in der Oettingenstrasse gescheitert, wie viele Redakteure und Moderatoren jämmerlich vor ihr zusammengesunken, wie viele Stunden Arbeit und Vorbereitung verpuffen innerhalb weniger Augenblicke, nur weil irgendwelche Knalltüten den Schlüssel für das Sendestudio mit ins Seminar oder noch besser gleich mit nach Hause genommen hatten.
Es war einfach eine herrliche Kombination aus Tragik und Komik, wie sie nur bei diesem Sender zu finden war und die ihn so bezaubernd machte, wenn eine Schar von bedauernswerten Gestalten mit gesenkten Köpfen von der Studiotür wieder in Richtung Redaktion schlich.
Apropos Redaktion! Hinter diesem, einem jeden Journalisten geläufigen Begriff, verbarg zur Anfangszeit ein weiterer Widerstand auf dem Weg zu einer guten Sendung: Es gab keine!
Denn auf die Frage, wo denn die Redaktion sei, erntete man 1996 beim Betreten des Vorzimmers des Sendestudios allein den schnippischen Kommentar von Ekke „Du stehst drin!“ - gefolgt von einem Blick auf eine Schreibmaschine vom Typ „Adler“, gepaart mit einem stillen Gebet, es möge nicht auch noch das Farbband ausgehen. Was soll´s … Improvisation.
Nun, wer jetzt aber glaubt, der Umzug in neue Redaktionsräume im Jahr 1997 würde hier Abhilfe schaffen, der irrt. Aber dazu bedarf es einer kleinen Exkursion:
Bei normalen Radiosendern befindet sich die Redaktion gleich neben dem Sendestudio. Das ist auch durchaus sinnvoll, hat man es doch mit einem Medium zu tun, in dem Zeit- und Aktualitätsfaktoren nicht ganz unerheblich sind.
Bei M94.5 in der Anfangszeit war das anders. Die Redaktion befand sich 50 Meter vom Studio entfernt am anderen Ende des Gebäudes, oder anders gesagt: Studiotür raus, rechts rum, Treppe runter, links durch die Glastür, 30 Meter grade aus, am Politikseminar vorbei, wieder durch die Glastür, Treppe runter, links, noch ´ne Glastür und dann die zweite links.
Das klingt jetzt nicht so schlimm, is´ aber blöd, wenn man mal was vergessen hat…
Thomas (kommt schnaufend zur Studiotür rein): „Uff … hier ist der Beitrag für Uniq auf Band. Grade fertig geworden. Schaffst Du es noch?“
Torben: „Jaja, geht schon. Der Titel läuft noch 1:20. Gib her …“
… kruschelkruschel … Beitrag wird in die Bandmaschine eingelegt…
Torben: „ … ok, passt. Wo ist die Anmoderation?“
Thomas: „Anmoderation???“
Torben: „ Hm … 1:10!“
Textaufgabe:
Wenn sich Thomas R. in einem Sendestudio im 2ten Stock befindet, die Anmoderation hingegen 2 Stockwerke tiefer und 50 Meter weiter südlich auf einem Schreibtisch - wie schnell Thomas R. dann laufen, damit die Anmoderation in einer Minute und 10 Sekunden ins Sendestudio gelangt?
Lassen Sie dabei mögliche verschlossene Türen, auf den Gängen rumhängende Studenten und die Wahrscheinlichkeit, dass die Anmoderation noch gar nicht ausgedruckt wurde, außer Acht.
Ich sag ja … Improvisation!
Aber was soll´s – sind es nicht genau dieses Augenblicken gewesen, die diesen Sender so schön, so unverwechselbar gemacht und dem Kreativzentrum im Hirn den nötigen Adrenalinschub verpasst haben?
An dieser Stelle gebührt noch einem weiteren technischen Gegenstand im Hause von M94.5 Dank, ohne den all diese spontanen Kreativleistungen nicht möglich gewesen wären: dem Mischpult - und allen seinen angeschlossenen technischen Systemen.
Ich denke, über Computerabstürze brauche ich an dieser Stelle nichts zu schreiben. Jeder, der diesem Sender mal am Mischpult saß, hat hier ausreichend Erfahrungen sammeln können (mein persönlicher Rekord liegt bei 6 kompletten Rechnerabstürzen – 3 davon On Air – innerhalb von 60 Minuten im Sommer ´97), aber dennoch war die Technik in den Anfangsjahren wohl noch labiler als heute, und Sendungen wurden damals traditionell nur mit der linken Hand gefahren - die rechte hatte man an der Not-CD.
Jaja, wer dieses Mischpult überlebte, der hatte den Rest seines Lebens keine Probleme mehr. Und obwohl man schon diverseste blaue und schwarze Bildschirme sowie andere Offline - Katastrophen er- und überlebt hatte, so machte sich doch stets ein leichtes Zittern in den Händen breit, wenn man kurz vor der Sendung von Ekke erfahren hatte, dass man nun der erste Moderator nach dem neusten Windowsupdate sei.
Ach, nicht selten hätte man sich an Wand des Sendestudios einen roten Kasten im Stiles eines Brandmelders mit der Aufschrift „Im Notfall Scheibe einschlagen“ gewünscht – dahinter ein Liederbuch und eine Gitarre.
Alle anderen Hindernisse (Stuhl kaputt - moderieren auf umgedrehten Mülleimer) oder Störungen (Klimaanlage kaputt – Studio heizt sich auf 34 Grad auf – Moni, Danke für´s Messen) erschienen da als Widerstände der kleinere Art.
Aber auf der anderen Seite: Wo sonst ergaben so viele skurrile Situationen, die man herrlich in die Sendung einbauen konnte? Wo sonst hat man gemeinsam so viel gelacht und wo sonst hat man mehr gelernt, einfach mit dem zu arbeiten, was da ist?
All dies hat diesen Sender so unverwechselbar gemacht, so lustig, so liebenswürdig, so menschlich, so chaotisch und kreativ, so schräg und so anders.
Vielen Dank, für die diese schöne Zeit,
Torben Struck


M94.5 ist Teil des Aus- und Fortbildungskanals (afk) www.afk.de